Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte

Wo jeder Eintopf seinen exotischen Deckel findet

Hast’n Topf, dann mach doch Eintopf – so einfach ist das manchmal mit der kulinarischen Entscheidungsfindung. Ich selbst bin ein wirklich sehr großer Fan von Gerichten, die man in nur einem Topf, einer Pfanne oder in einer Tajine zubereiten kann. Ganz gleich, ob bei Eintöpfen, Suppen oder Schmorgerichten, die Sauerei in der Küche wird auf ein Minimum reduziert und der Spülaufwand ist kaum der Rede wert. Aber fangen wir mal ganz von vorne und nicht gleich beim Abwasch an.

Die Speisung der Massen und die Speisung des Kühlkreises

Sobald ich einmal mehr als zwei, drei Leute zum Essen zu mir einlade, geht’s auch schon los mit der Grübelei: Was soll ich kochen? Wie wär’s denn mit Raclette? Is ja nicht so richtig Kochen und haben wir im Winter ja auch ständig. Hmm… Spaghetti mit so ner richtig geilen Bolo? Ja, kann man machen, hab ich aber halt auch schon tausendmal gemacht. Sushi? Mag ich nicht und ist zu teuer. Wir sind ja viele! Ok, dann internationale Häppchen wie Glücksrollen zum selber Rollen, Hackbällchen, Zucchini-Schiffchen mit Kräutercreme und Käsespieße mit Feigen, Serrano-Schinken und Preiselbeeren? Quatsch, das dauert doch alles viel zu lange. Und dann, wenn ich beim Grübeln meinen Blick so langsam durch die Küche schweifen lasse, und sich der Blick dann an einem der Töpfe festbeißt, ist sie da, die Erleuchtung: Ich mach was in einem Topf! Genial! Da geht viel rein, sowohl mengenmäßig als auch geschmacklich. Und urig ist es auch, wenn dann alle um einen Topf rumsitzen, aus dem die Schöpfkelle ragt, und die ist am Griff ganz angelaufen von den heißen Dämpfen, die sich durch den nur leicht aufgelegten Deckel ihren Weg in den Raum bahnen.
Manchmal sitze ich auch ganz alleine in meiner Küche, vor einem Korb Kartoffeln und die Kartoffeln keimen (bereits) fast. Daneben stehen, ich weiß nicht wie viele, Kilos an Gemüse und ich frage mich mal wieder, warum ich so viel eingekauft habe. Schon wieder. Und die viel entscheidendere Frage ist: Wann soll ich das denn bitte schön alles essen. Und dann, wenn ich beim Grübeln meinen Blick so langsam durch die Küche schweifen lassen, und sich der Blick an einem der Töpfe festbeißt… Ihr wisst was ich sagen will: Eintopf ist die Antwort! Also lasst uns mal sehen, was so alles geht in einem Topf und wenn so richtig viel geht, kann man das Geschmackskonglomerat auch hübsch ordentlich in kleinen Portionen einfrieren. Ja ja, ich koche gerne auf Vorrat, man weiß ja auch nie, wer so vorbeikommt.

Su Vössing hat da mal was vorbereitet

Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte: Dass das Arme-Leute-Essen von einst – allen voran der Eintopf – längst salonfähig geworden ist, beweist die Tatsache, dass selbst Sterneköche wie Su Vössing Kochbücher rund um dieses Trio verfassen. Und so lautet auch der Titel von ihrem erst im September erschienenen Kochbuch: Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte. Von meiner oben geschilderten Idee einfach „alles“, was zu verkommen droht, zu einem Eintopf zu verarbeiten, rät Su Vössing in ihrem Vorwort allerdings ab. Das kann sie auch, denn sie hat eine ganze Reihe von Rezepten parat, die eben zeigen, dass Eintöpfe, Suppen und Schmorgerichte zwar in einem Topf gekocht werden, aber deshalb noch lange kein Einheitsbrei sind.

Die Rezepte in Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte

Su Vössings Kochbuch ist – Überraschung – dreigeteilt. Es gibt, und das erwartet man auch bei einem Kochbuch mit dem Titel Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte, viele Klassiker wie z.B. die Tomaten- oder auch die Kartoffelsuppe. Was man nicht erwartet, ist vielleicht, dass die Tomatensuppe mit Pastis zubereitet und mit Melone serviert wird. Und wer schon erstaunt darüber ist, dass man Kartoffelsuppe ja auch aus Süßkartoffeln machen kann, ist sicher noch überraschter, wenn diese mit Ziegenkäsecrostinis und Traubenchutney aufgehübscht wird. Dieses Buch hält viele solcher Überraschungen parat und macht neugierig auf neue Geschmäcker in traditionellen Gerichten. Bei den Eintöpfen wird die Zutatenliste innerhalb der klassischen Gerichte nicht so sehr von exotischen Kniffen ergänzt wie im Suppendrittel des Buches, dafür gibt es aber Eintöpfe, bei denen die Köchin ganz weit über den Tellerrand der einheimischen Eintopfgewohnheiten blickt. Orientalischer Kokoshähncheneintopf mit roten Linsen oder Rote Beete-Eintopf mit Meerrettichschmand – na, wie klingt das? Orientalisch? Polnisch? Lecker? Doch wie gesagt, auch die Liebhaber von Minestrone und Pichelsteiner Eintopf kommen auf ihre Kosten. Die Fleischeslust wird in diesem Teil des Kochbuches in jedem Fall befriedigt. Vegetarier müssen sich gewohnt flexibel zeigen.

Kürbiscurry mit Rosinen-Couscous und Minze, wo warst du die ganzen Jahre?

Mein absolutes Lieblingsgericht (Stand heute) aus Su Vössings Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte steht im Schmorgerichte-Teil. Wir sprechen hier von einem Kürbiscurry mit Rosinen-Couscous und Minze. Und beim Checken der benötigten Zutaten dachte ich mir: Waaaaas? Man muss für Kürbisgerichte nicht immer den Hokkaido-Kürbis verwenden? Ok, das hab ich mich nicht wirklich gefragt, aber ich dachte mir schon sowas wie: Heike schau, da steht’s wieder, Muskatkürbis. Also auf zu neuen Ufern, immer mal was Neues wagen, go crazy: Muskatkürbis it is! Und was soll ich sagen, die Reise ins Ungewisse hat sich gelohnt. Couscous mit Rosinen und Minze klingt ja schon aufregend, doch auch der Kürbis kommt ohne Exotik nicht aus. Los geht’s mit Kokosöl, Honig spielt auch eine Rolle und Chiliflocken haben ein kleines aber scharfes Wörtchen mitzureden.

Alles, nur kein Einheitsbrei

Eintöpfe zuzubereiten hat nichts mit Zauberei zu tun. Das war so und das bleibt so. Doch Su Vössing zeigt in ihrem Kochbuch Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte, dass es auch bei der Zubereitung dieser Gerichte Sinn macht, sich Mühe zu geben, alles richtig zu machen. Sie macht zudem Mut zum exotischen Mix von Zutaten aus den unterschiedlichsten Geschmacks- und Herkunftsrichtungen. Meist sind die Zutaten überschaubar und die Anleitungen sehr, sehr kurz (I like). Und schön ist vor allem auch, dass die Sterneköchin diesen Gerichten überhaupt so viel Aufmerksamkeit schenkt. Beim Thema Eintopf denke ich immer auch an meine Oma zurück, bei der ich als Kindergarten- und Schulkind jeden Tag gegessen habe. Und da gab’s natürlich nur die besten Eintöpfe und natürlich ist man traurig darüber, dass man’s selbst einfach nicht so hinbekommt wie die Oma damals. Aber wer sich an neue Eintopfrezepte wagt, ebnet den Weg für neue Erinnerungen. Wie die Heike bekomm ich’s einfach nicht hin, wie schön wäre das, würden meine satten Freunde auf dem Nachhauseweg so über meine Ein-Topf-Gerichte denken. Dass die vielleicht gar nicht von mir sind, sondern von meiner Oma oder von Su Vössing, muss ja keiner wissen.

An die Löffel, fertig, los!

Su Vössing, Suppen, Eintöpfe und Schmorgerichte, 180 S., 90 Fotos, 34 Euro, Becker Joest Volk Verlag. Erschienen September 2016

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