Konstantin Richter: Die Kanzlerin. Eine Fiktion

Eine Fiktion ist eine Fiktion ist eine Fiktion

Angela Merkel als literarische Figur

Wer ist Angela Merkel? Blöde Frage. Angela Merkel ist die Bundeskanzlerin. So weit so simpel. Ok. Aber wie ist Angela Merkel? Was macht ihre Persönlichkeit aus? Würden einem sofort zehn Adjektive einfallen, die ihre Person treffsicher beschreiben. Eher schwierig. Angela Merkel macht ihren Job und lässt sich dabei kaum aus der Ruhe bringen. Sie wird schon ein Privatleben haben. Irgendwie. Und Emotionen wird sie schon auch haben. Hat ja jeder. Das ist aber reine Spekulation. Obwohl, das mit den Emotionen scheint sich spätestens seit dem Sommer 2015 bestätigt zu haben. Viele mögen die Merkel ohne Emotionen lieber und das ist auch so in folgendem Werk.

Die Kanzlerin. Eine Fiktion

Der Journalist Konstantin Richter hat das Buch Die Kanzlerin: Eine Fiktion geschrieben. Dieses schlanke Werk gleicht vom Aufbau her einer Novelle und ist in jedem Fall ein literarisches Werk, eine Fiktion eben. Die Hauptfigur ist Angela Merkel. Die Handlung spielt im Sommer 2015. Es geht um die einsetzenden Flüchtlingsströme nach Deutschland. Merkels viel zitiertes Wir-schaffen-das spielt eine Schlüsselrolle.

Angela Merkel besucht jedes Jahr die Bayreuther Festspiele weil sie liebt Wagner. Außerdem ist sie stets ruhig und gefasst, lässt sich nicht aus der Ruhe bringen und hat einen ganz eigenen Humor, der zwar selten, dafür aber immer treffsicher seine Lacher platziert. Diese wenigen Persönlichkeitsmerkmale Merkels, auf die sich viele einigen können, nutzt auch Konstantin Richter für seine Figuren-Charakterisierung. Er nutzt sie, baut sie aus, fügt neue hinzu und gewährt dem Leser so Einblick in das berufliche und das ganz private Leben der Kanzlerin – also der literarischen Kanzlerin. Und die ist manchmal genervt von ihrem Mann Joachim, den sie oft nur Sauer nennt. Außerdem findet sie Wagner gar nicht so gut. Das hatte sie mal so dahin behauptet, dann stand das überall und jetzt ist das halt so. Die literarische Merkel ist freundlich zu ihren Angestellten, aber auch hier manchmal etwas genervt. Warum z.B. genau jetzt ein Social Media Analyst angestellt werden musste, und warum der noch dazu so blutjung ist, erschließt sich der Kanzlerin nicht. Aber sie tut nichts dagegen. Sie schaut sich das einfach mal an mit dem Social Media Analysten. Etwas unternehmen kann sie ja später immer noch. Was sie auch tun wird. Auch dieses Verhalten erinnert den Leser wieder an das lebendige Vorbild. Konstantin Richter arbeitet mit dem Wenigen was er hat und schafft es, damit beim Leser umgehend ein Gefühl zu erzeugen das sagt: „Ja, ja, doch. Doch, doch, genau. So könnte die sein, die Merkel. Doch, das könnte ich mir schon vorstellen, dass die so denkt oder sowas sagt oder sich so verhält.“
Eine Fiktion steht in fetten schwarzen Lettern auf dem Buch und das ist auch gut so.

Es gibt nur ein Thema: Sommer 2015

Das Kernthema in Die Kanzlerin: Eine Fiktion ist die Flüchtlingspolitik im Jahr 2015. Richters Merkel geht leicht genervt ins Wochenende, entkorkt zuhause eine Flasche Aarhuser Riesling, die sie vom dänischen Ministerpräsidenten geschenkt bekommen hat, und schreibt die Rede, die sie bei der Sommerpressekonferenz halten wird, selbst. Das Manuskript, das sie bekommen hat, war nichts. Da muss Mutti selber ran. Und der schönste Satz ist für sie am Ende dann der:

‚Wir schaffen das, und wo uns etwas im Wege steht, muss es überwunden werden.‘ Und sie dachte: ‚Das ist gut. Das ist richtig gut.‘“

Doch als es soweit ist und sie diese bedeutungsschwangere Rede hält, hegt sie Zweifel: „Die Rede schien nicht das auszulösen, was sie sich erwartet hatte. Scheinbar unbeeindruckt stellen die Journalisten ihre ermüdenden Fragen.“
Lange Zeit gab es Menschen da draußen, die sich sicher waren, dieser Satz werde Merkels Ende sein, denn die Journalisten zeigten sich von diesem Satz dann doch gar nicht mal so unbeeindruckt. Davon versucht sich wiederum die literarische Merkel nicht beeindrucken zu lassen:

„Warum sollte sie die Ereignisse des letzten Wochenendes rückgängig machen? […] Wenn man die Grenzen schloss, dann käme es zu Auseinandersetzungen, zu Ausschreitungen, zu Tränengas und Wasserwerfern, womöglich würden Menschen sterben. Ein solches Gemetzel würden die Deutschen doch gar nicht aushalten, dachte die Kanzlerin und fügte eine Fußnote hinzu: Und ich auch nicht.“

Vieles hält Richters Kanzlerin nicht aus. Sie hadert mit dem Glück. Sie fühlt sich missverstanden. Sie weiß, dass sie ab und an unpopuläre Entscheidungen treffen muss. Die fiktive Kanzlerin ist so zart und verletzlich wie Gerhard Schröder hart und verletzt war, als er nach seiner Abwahl in der Elefantenrunde 2005 gegenüber von Angela Merkel saß und nicht müde wurde zu wiederholen er sei immer noch der Kanzler. Doch zurück zur Verletzlichkeit der Kanzlerin:

Gegen den hellen Schein des Arbeitszimmers zeichnete sich Sauer lediglich als schwarzer Schatten ab. ‚Hallo‘ sagte er mit sonorer Stimme. ‚Hallo‘ sagte die Kanzlerin, dann brach sie in Tränen aus.“

Diese menschliche Regung steht ziemlich weit hinten in diesem Werk. Ziemlich weit vorne wird Angela Merkels Besuch im Flüchtlingsheim in Heidenau literarisch verwertet. Schon da begegnete sie purem Hass und das war noch vor dem großen Flüchtlingsansturm auf die Landesgrenzen.

„In Heidenau wartete das Volk schon auf die Kanzlerin. Das Volk bestand an diesem Tag aus ein paar Hundert Menschen, die der Kanzlerin ihre Meinung sagen wollten. Sie waren keine Rechtsradikalen, wie sie selbst betonten, sondern anständige Bürger, die vollauf damit beschäftigt waren, über die Runden zu kommen, und es sich nicht leisten konnten, irgendwelche Asylanten durchzufüttern.“

Das Geschehen auf das angespielt wird, liegt wenige Jahre zurück, ist aber nach wie vor aktuell. Die Vergangenheit ist die Gegenwart, weil sich manche Dinge nicht geändert haben. Die literarische Merkel leidet unter den Anfeindungen auf ihre Person. Später leidet sie, wegen des Drucks die Grenzen dicht zu machen. Sie trifft auf einen anderen Leidenden, auf einen berühmten Schriftsteller. Namentlich wird er nicht genannt. Es ist Martin Walser. DER viel kritisierte, DER immer verletzte Schriftsteller von höchstem Rang. Der fiktive Walser erzählt ihr, dass er einst nach der niederschmetterndsten Kritik (Marcel Reich-Ranicki), sein bestes Werk (Ein fliehendes Pferd) geschrieben habe und das innerhalb kürzester Zeit und ohne jede Anstrengung. „Die Kanzlerin […] hatte leider keine Zeit gehabt, den Schriftsteller zu fragen, ob er sich die Leichtigkeit dauerhaft habe erhalten können […].“ Die Antwort lautet: Hat er nicht. Schwierigen Themen mit Leichtigkeit zu begegnen ist vielleicht auch nicht immer, nicht in jedem Fall so klug. Klug ist die fiktive Kanzlerin. Nüchtern, aber dennoch menschlich und sogar emotional. Was sie sich am Ende vorwirft ist nicht viel, denn

[…] wenn sie sich im Nachhinein einen Vorwurf machen wollte, dann höchstens den, dass sie allzu lange an dem Satz ‚Wir schaffen das‘ festgehalten hatte.’“

Und ärgern, ärgern tut sie sich auch: „Da wird man jahrelang kritisiert, weil man sich nicht klar genug ausdrückt, und dann sagt man mal so einen schönen einfachen Satz. Und dann ist es auch wieder nicht recht.“

Love is in the air

Auf dem Buch sollte ein Warnhinweis platziert sein. Ok, vielleicht ist er das durch die Worte Eine Fiktion. Denn objektiv kann man diese literarische Merkel nicht betrachten. Ganz subjektiv schließt man sie in sein Herz. Die immer arbeitende, es allen wirklich und wahrhaftig immer recht machen wollende Kanzlerin und Ehefrau Angela Merkel. Mut macht Mutti zwar nicht in diesem Buch, aber es ist schon beruhigend, dass wenigstens einer der höchsten Entscheidungsträger die Menschenwürde nicht aus dem Fokus zu verlieren scheint und auf menschliche Lösungen setzt.

Das Schlusswort bekommen jetzt und hier die Wirtschaftsweisen aus Die Kanzlerin. Die sollten folgende, von der Kanzlerin höchstpersönlich formulierte Frage beantworten:
„Masseneinwanderung in Deutschland. Gut oder schlecht?“ Die Weisen antworten:
„Kurzfristig stelle die Einwanderung eine Belastung dar, sagten sie, aber langfristig könne sie durchaus positiv wirken, sofern die Integration gelinge.“

Ich hab`s mir anders überlegt. Das Schlusswort bekomme ich:
Damit die Integration gelingt, und am Ende vielleicht alles doch irgendwie für alle ganz gut wird, oder für die Flüchtlinge zumindest okayer als jetzt, kommt es wieder ganz stark auf das Volk an! Wir schaffen das nur, wenn das Volk den Stammtisch im hinterletzten Hinterstübchen seines Gehirns verlässt. Jetzt mal ganz subjektiv gesprochen…

Und: Sollten nun tatsächlich Menschen nach Afghanistan abgeschoben werden, wäre mal wieder eine Prise Emotion von höchster Stelle gefragt. Aber schafft sie das?

Konstantin Richter: Die Kanzlerin: Eine Fiktion, 176 S., 18 Euro. Kein & Aber Verlag, 2017

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