Leselust & Lesefrust

So viele Bücher und so wenig Zeit

Diese Woche auf der Frankfurter Buchmesse 2016, da war es wieder. Und neulich, in der Buchhandlung, da war es auch. Das Gefühl. Mein Blick trifft auf die Bücher in den Regalen. Alle ordentlich eingeräumt und aufgereiht. Meine Finger streifen die Titel auf den Tischen. Und dann spüre ich es wieder, dieses leicht melancholische Gefühl, das mich immer dann beschleicht, wenn ich merke, dass ich es niemals schaffen werde. Es wird mir nicht gelingen, all die Bücher zu lesen, die ich lesen möchte.

Ein Leben ist zu wenig

Die Titel in den Regalen der Buchhandlungen wechseln. Beinahe täglich. Gefühlt stündlich. Die Verlage hüten ihre Schäfchen, parallel suchen und finden sie immer wieder neue Autorenschätze, die mit ihren Werken den Literaturmarkt bedienen. Auf der Frankfurter Buchmesse zeigen die Verlage was sie haben. Das ist gut. Es beruhigt mich. Schluss wird also niemals sein. Aber was mache ich mit der Masse, die da vor mir liegt. Die Bücher haben vielleicht nicht gerade mich gesucht, aber ich habe sie gefunden. Selbst wenn man für seinen Geschmack, seine Vorlieben und seine Interessen die guten von den für einen selbst unrelevanten Titeln und Autoren trennt, liegen da vor einem doch immer noch kilometerweit Meilensteine aus Seiten und Covern und Umschlägen. Es wird mir nicht gelingen. Ganz gleich, wie alt ich auch werde, am Ende, beim hoffentlich versöhnlichen, friedvollen und großen Finale, werde ich nicht sagen können: Wenigstens (Oder: Gott sei Dank) konnte ich alle Bücher lesen, die ich über die Jahre hinweg in mein imaginäres Regal gestellt habe und in dem jedes für sich nur darauf gewartet hat, dass es von meiner Hand ausgewählt wird, um in meinen Kopf gestellt zu werden.

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Ich brauche kein schönes Wetter. Ich brauche Zeit.

Die Lightbox motiviert mich ungemein.

Die Lösung namens Verbesserungsvorschlag

Eine echte Lösung für dieses Luxusproblem, dem Problem der Masse an Qualitätsliteratur, dem Fakt, dass es für beinahe jede Leseleidenschaft die passenden Autoren, Verlage und Titel gibt, habe ich nicht. Selbst wenn man so etwas Albernes sagen würde wie: Hör halt auf zu essen, und Schlaf wird überbewertet, und wer braucht schon soziale Kontakte, und ist dir dein Job wirklich so wichtig, etc. Wer gerne liest weiß: Ich habe nicht genug Zeit. Doch auch ein unerreichbares Ziel sollte man nicht aus dem Auge verlieren. Denn natürlich kann man ihm etwas näher kommen, wenn man ein paar Dinge beachtet:

1. Hör einfach nicht auf zu lesen! Wenn das Fernsehprogramm dich langweilt, dann schalte doch ab und lies stattdessen. In Büchern sind ja auch Geschichten enthalten (meistens jedenfalls), nur die Bilder vor deinem geistigen Auge, die musst du selber malen. Aber da der Autor schon etwas vorgezeichnet hat, ist das mit den Bildern bei guten Büchern wie beim Malen nach Zahlen. Megaspannend und supereinfach.
2. Alles kann, nichts muss! Lies nur, was dir gefällt! Die Literaturwelt spricht gerade über Bob Dylan, aber du magst gar keine Gedichte. Dann kauf dir die gedruckten Lieder nicht. Die Feuilletons schreiben sich die Finger wund zu Christian Krachts Die Toten, aber die Dreißiger Jahre sind so gar nicht dein Jahrzehnt. Dann sollte dieser Band vielleicht auch nicht ganz oben auf deiner Leseliste stehen.
3. Das Leben ist zu kurz für schlechte Bücher! Quält dich der Stoff, dann hast du den falschen Stoff. Wenn du dich in einem Buch von Seite zu Seite schleppst und dabei eigentlich nur hoffst, dass es bald vorbei ist, dann solltest du dieses Buch für immer zuklappen. (Wenn du, lieber Leser, Schüler bist, dann vergiss das sofort wieder! Sorry!)
4. Es gibt auch Quantität mit Qualität! Keine falsche Scheu vor dicken Wälzern. City on Fire von Garth Risk Hallberg ist ein ganz schweres Ding. Aber eben nur gewichtsmäßig. Beim Lesen wird das Feuer entfacht und der Spaß kann losgehen. Du kannst diese Tausend-Seiten-Wucht lesen, oder drei, vier andere Bücher und die dann fleißig abhaken. Oder du gönnst dir mal einen Schmöker, der dich zwar etwas länger beansprucht, von dem du aber auch länger etwas hast. Wenn`s allerdings so ist, wie in Punkt drei geschildert, dann weg damit, ab ins Regal zurück.
5. Wer doch leicht Panik bekommt, bei dem Gedanken, dass das Leseleben zu kurz ist, für all die Bücher die man lesen möchte, der muss tatsächlich etwas strukturierter vorgehen. Listen machen ist für solche Menschen sinnvoll und gut. Mehr als zehn Bücher sollten aber nicht darauf stehen. Sonst schlägt die Organisation gleich wieder in Panik um. Außerdem macht es Sinn, sich auch unter der Woche Lesezeiten einzurichten. Die Stunde zwischen dem Abendessen und der Tagesschau kann doch gut zum Runterkommen, Tag Abhaken und Lesen genutzt werden. Wenn du so gerne planst und strukturierst und rechnest, dann rechne dir aus, wie viele Stunden du am Tag, in der Woche, in einem Jahr, von mir aus in einem Leben in der U-Bahn oder im Zug verbringst. Es gibt keinen Grund, da kein Buch dabei zu haben.

Ich nehm’, was ich krieg

Vielleichte sollte ich weniger darüber jammern, dass ich niemals alles werde lesen können, was mich interessiert und mich mehr darüber freuen, dass da schon so viel Schönes war und dass da auch sicher noch so einiges um die Ecke kommt. Ich hör jetzt auf zu schreiben, denn in meinem rechten Augenwinkel liegt ein Stapel mit zehn ungelesenen Romanen. Mehr sollte man wirklich nicht in seinem Augenwinkel platzieren. Sonst zuckt das Auge und es bricht doch nur wieder die Panik aus.

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