Liebeslieder an den Wald

Auf Waldspaziergang mit Heike und Ulla

Der Herbst ist fast vorbei, die Luft klirrt schon vor Kälte und an den Ästen der Bäume klebt der Raureif. Und der Wald? Ist gerade pitschepatsche nass – brrrrrrr….! Es tröpfelt von den spitzen Nadeln der Tannenwipfel und die nur noch sporadisch mit Laub behängten Laubbäume lassen die triefenden Blätter hängen. Aber selbst bei so widrigen Umständen zieht es viele Menschen erst in die Gummistiefel und dann hinaus ins Unterholz. Warum ist das so? Wir haben da so eine Ahnung.

Im Wald mit Heike

Blair Witch Project habe ich nicht gesehen. Ich wurde damals im Kino dazu verdammt den Vorschau-Trailer zu gucken. Das hat mich so tief in den Sessel gedrückt, dass ich mir danach nur dachte: „Das wäre der perfekte Zeitpunkt gewesen, Eiskonfekt zu holen.“ Das Knacken des Holzes, das Rauschen des Windes, jemand oder etwas, der oder das rennt und atmet. Die kalte Dunkelheit und dazwischen das verzweifelte, angstvolle Wimmern, der im Wald verschütt gegangenen Studenten. Wälder bei Nacht, und Wälder abseits von Waldwegen, sind also schon einmal nicht so mein Ding. Aber Wälder, in denen sich die Sonnenstrahlen ihren Weg durch die mit weißen Birkenstämmen bepflockten Baumreihen bahnen, und das am anderen Ende des Horizonts auftauchende Reh, das kurz inne hält, bis es einen gekonnten Abgang ins Nichts hinlegt, das sind die Wälder, die ich mag.

Die Luft ist klar. Kein Großstadtlärm verirrt sich hierher, im besten Fall auch kein anderer Mensch. Nichts lenkt dich ab. Kein Straßenlärm durchkreuzt deine Gedanken. Unter den Füßen wechselt der natürliche Bodenbelag von hart auf zart, von moosig weich zu matschig fest. Im Wald sein heißt frei sein, allein sein, bei sich sein.

Der Wald zeigt dir, wie es einmal war, wie es hätte sein können, wie es niemals wieder sein wird. Der Wald ist nur eine Auszeit von der Echtzeit. Die Stadt ist mein Zuhause. Ich lebe im Leben. Ich liebe meine Stadt. Manchmal mag ich Lärm. Ab und an mag ich sogar viel Lärm um Nichts. Im Wald hingegen bekommst du deine Dosis Ruhe verpasst. Das ist wie eine Kur vom Alltag. Du tankst die Ruhe, die es manchmal braucht, um sich neu zu erden. Und wo kann man sich bitte schön besser erden als auf dem weichen Waldboden? Mal wieder Reset drücken oder besser noch Standby und sich kurz verstecken vor der eigentlichen, der gewohnten Welt, mit all ihren Terminen und Verpflichtungen, all dem Freizeitstress und der Arbeit auf dem Schreibtisch und den Balken auf dem Handy und dem Benzin im Tank… Im Wald sein ist auch keine Lösung, klar. Aber es hilft. Warum? Weil es schön ist! Der Wald ist zu jeder Jahreszeit schön. Im Herbst gefällt er mir am besten. Kunterbunt. Pures Gold, wenn die Sonne mitspielt. Im Winter gibt`s nur Schwarz-Weiß. Da lenkt noch weniger vom Wesentlichen ab, als zum Beispiel im Frühling, wenn alles sprießt und fließt. Oder im Sommer, wenn der Wald so richtig am Ranklotzen ist, wenn er einen auf ganz dicke Hose macht und zeigt, was er so drauf hat. Farben, Formen, Leben! Egal zu welcher Jahreszeit es mich in den Wald verschlägt, wirklich richtig war es nur, wenn die Schuhe, die dann abends im Flur stehen, ebenfalls pitschepatsche nass sind, oder besser noch: furchtbar dreckig. Den Leuten, die zuvor in der U-Bahn auf meine Dreckschuhe gestarrt haben, möchte ich sagen:

Jaja, schaut alle hin. Ich war da, wo ich sehen konnte, wie`s mal war, wie es hätte sein können und wie es niemals werden wird. Nicht hier. Nicht jetzt.

Im Wald mit Ulla

Kennt ihr Walden? Nein, nicht Ashton Kutshers Figur in Two and a Half Men. Nein, auch nicht diese neue Männerzeitschrift. Ich meine das Buch. Henry David Thoreaus Walden. 
Zugegeben: Ich kenne das Buch auch nur wegen Der Club der toten Dichter. Mister Keating, vom wunderbaren Robin Williams gespielt, zitiert im Film daraus:

Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegung zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es wurde unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde.

Dem Lehrer geht es um das tiefe Leben, ihm sollen seine Schüler das Mark aussaugen. Das klingt gut – wer will das nicht? – da bin ich dabei, aber trotzdem muss ich Herrn Thoreau widersprechen.

Wenn ich das Leben wirklich spüren will, gehe ich nicht in den Wald. In den Wald, dahin gehe ich zum Durchatmen. Wenn mich mal wieder alles ankotzt und ich nicht durchdrehen will, dann gehe ich in den Wald. Ein Schritt vor den anderen, einatmen und wieder ausatmen – mehr wird da nicht von mir verlangt. Kein Mensch redet auf mich ein. Für ein paar Momente entfliehe ich der wirklichen Welt, dem Müssen, Wollen, Kann-ich-nicht. Dann geht’s mir gleich besser.

In der Stille, dem luftigen Zirpen der Vögel, dem Flüstern der Blätter im Wind und dem federnden Boden unter den Sohlen ordnet sich Gedanke für Gedanke neu. Wird vieles halb so schlimm. Treffe ich Entscheidungen. Kommt mir Unbekanntes in den Sinn. Denke ich an früher. An bessere und an schlechtere Tage. Schließe ich Frieden.

Und gerade jetzt – in der Zeit vor Weihnachten – liebe ich den Wald. Weil er etwas Magisches hat. Was krabbelt da? Hast Du das Raunen gehört? Wer wohnt in dieser Höhle? Was versteckt sich in den Wipfeln der Bäume?

Ich träume von einer Waldweihnacht. Um Mitternacht am Heiligen Abend, so sagt man, könnten die Tiere sprechen. Und wenn der Schnee die Bäume dann noch in ein winterweißes Kleid gepackt hätte, jeder Stiefelschritt knackt und knistert – wäre das nicht wunderbar?

Ich, die schon lange vom Glauben abgefallen ist, finde meine Portion Heiligkeit nämlich in der Natur. Unter den Bäumen.

(Fotos von Heike und Ulla: Georg Stanka)

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