Lyonel Trouillot: Yanvalou für Charlie

Ein kleines großartiges Buch

Mit Büchern, die man geschenkt bekommt, ist das ja immer so eine Sache. Im schlimmsten Fall kann man sie nicht lesen, weil sie so gar nicht nach dem eigenen Geschmack sind. Also das Genre ist „falsch“ oder die Sprache „funktioniert nicht“. Manche dieser Bücher liest man noch nicht einmal an und man hofft, dass der Schenker nie, wirklich nie, also niemals nachfragen wird, wie man es denn nun fand, sein – oh nein, bitte nicht – absolutes Lieblingsbuch.

Im besten Fall bekommt man aber einen Roman geschenkt, der einen fesselt, packt und nicht mehr loslässt. Einen Roman, bei dem man vielleicht sogar auf einen Autor stößt, den man vorher nicht kannte und von dem man dann einfach alles lesen möchte, was der bisher veröffentlicht hat. Mit Yanvalou für Charlie von Lyonel Trouillot erging es mir genau so. Eine Freundin hat es mir geschenkt, ich habe es gelesen und jetzt kann ich sagen, ich bin wirklich sehr, sehr dankbar für dieses grandiose Geschenk.

Schöne neue Welt

Der in Port-au-Prince geborene und in den USA aufgewachsene Autor Lyonel Trouillot führt den Leser seiner Geschichte nach Haiti in genau diese Stadt. Port-au-Prince ist kein reicher Ort, viele der über zwei Millionen Einwohner leben in Armut, hausen in Slums und haben nichts. Mathurin Saint-Fort gehört nicht zu dieser Schicht. Nicht mehr. Er ist Anwalt. Er ist ein nicht direkt unsympathischer aber doch apathischer, selbstgefälliger Single-Typ, der sich eingerichtet hat in einer Welt, in der es primär um Geld geht und zwar im besten Fall nicht um das der Mandanten, sondern um das eigene. Seine Arbeit definiert seinen Alltag, seine Kolleginnen sind seine Sozialkontakte und die nutzt er gerne aus, ganz so wie es ihm gefällt:

„Ich half ihr aus der Patsche. Ein Essen und eine Runde Sex in ihrer Wohnung. Es kostete sie Überwindung. […] Den Vorgang zu wiederholen schien uns nicht zweckdienlich. Für unser Verhältnis blieb es bedeutungslos. Wir verstehen uns alle drei gut. Aber aus unterschiedlichen Gründen erscheint mir keine meiner beiden Kolleginnen als die richtige Ehefrau. Zudem, ohne sie kränken zu wollen, werden beide langsam älter, ich müsste etwas jüngeres finden. Kurz und gut, da ich erst dabei bin, mir eine Persönlichkeit zusammenzubasteln, habe ich beschlossen, dass die Ehe noch warten kann, bis ich gefestigter bin in meiner Rolle als Anwalt für Unternehmensrecht ohne Vergangenheit und Gewissen.“

Diese Zeit ohne Vergangenheit und Gewissen ist schlagartig vorbei, als der vierzehnjährige Charlie auftaucht und ihn um Hilfe bittet. Charlie ist ein bettelarmes Kind mit Dreck am Stecken. Seine Freunde und er haben Mist gebaut. Mathurin selbst könnte Charlie sein, hätte er in seinem früheren Leben irgendwo eine andere Abzweigung genommen. Die beiden kennen sich nicht, sie stammen aber aus dem selben Slum. Mathurin hat es nicht nur geschafft, sich vom Slum zu befreien, er hat seine Kindheit und Jugend komplett verdrängt. Er verleugnet nicht nur seine Herkunft, sondern auch seinen Namen. Früher nannte ihn niemand Mathurin. Als Charlie vor ihm steht, greift die alte Welt mit ihren dreckigen Klauen Hilfe suchend nach der neuen und beschmutzt sie.

Das Gestern im Heute

Mathurin beginnt, sich zu erinnern, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen und über sein Leben nachzudenken. Nur weil etwas legal ist, muss es nicht gut sein und nur weil jemand etwas illegales macht, muss der noch lange kein schlechter Mensch sein. Alles gerät durcheinander. Ist es verwerflich, dass man es besser haben will, wenn man immer benachteiligt war? Wenn wenige alles haben und die meisten nichts, ist es da wirklich so überraschend, dass manche aufbegehren? Menschen ändern sich, aber kann man das eigene Leben um 180 Grad drehen, ohne jemals wieder zurück zu blicken? Dieses schmale Buch wirft viele Fragen auf. Erzählt wird die Geschichte von Mathurin und Charlie aus drei Perspektiven und immer spielt die Herkunft des erfolgreichen Anwaltes eine Rolle: seine Familie, sein Weg, seine Katharsis.

Seit ich das Dorf verlassen habe, habe ich immer für mich allein gespielt. Und ich werde immer nur für mich allein spielen. So ist das nun mal. So bin ich. Für mich haben Erfahrungen an sich keinen Wert

so Mathurin anfänglich. Doch auch seine Geschichte zeigt, du kannst das Spiel namens Leben nicht alleine spielen. Es gibt zu viele Mitspieler.

Yanvalou für Charlie von Lyonel Trouillot ist ein großartiges Buch, das man in einem Rutsch durchlesen kann. Es ist fesselnd, es erdet, es zwingt den Leser die Komfortzone des eigenen Minikosmos, den man sich in jahrelanger Arbeit erschaffen hat, gedanklich zu verlassen. Wer sich nach diesem Buch keine die Welt umspannenden Gesellschaftsfragen stellt, der hat es nicht gelesen. Und dieses Buch nicht zu lesen wäre schade, denn für das Spiel namens Leben ist es ein Gewinn.

Lyonel Trouillot: Yanvalou für Charlie, 176 S., 18 Euro. Liebeskind, 2016.

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