Matthias Brandt: Raumpatrouille

Matthias Brandt lockt uns mit literarischen Geschichten in ein Leben, das sein’s sein könnte

Es will mir einfach nicht gelingen, mir vorzustellen, ich sei die Tochter von Angela Merkel. Oder, noch unmöglicher, das siebenjährige Kind von Angela Merkel. Es klappt nicht. Ich kann’s nicht. Es ist UN-MÖG-LICH! Aber das ist ja auch äußerst unnötig, kann man da meinen, und von daher auch egal. Aber natürlich – und beruhigenderweise – gibt es für dieses Gedankenspiel Gründe.

Der Schauspieler Matthias Brandt, den allerspätestens seit seiner Rolle als Kommissar Hanns von Meuffels im Polizeiruf 110 jeder kennt, hat jüngst sein literarisches Debüt vorgelegt. In Raumpatrouille schenkt er seiner Leserschaft 14 kurze Geschichten, erzählt in der Ich-Form aus der Perspektive eines gerade einmal siebenjährigen Ichs. Die literarischen und somit fiktiven Texte sollen autobiographisch gefärbt sein.

Alles, was ich erzähle, ist erfunden. Einiges davon habe ich erlebt. Manches von dem, was ich erlebt habe, hat stattgefunden.“

Dieses Zitat ist den Geschichten vorangestellt und selbst an diesem Punkt dachte ich noch: Naja, das kann ja nicht so weit her sein mit der autobiographischen Färbung, der Vater des Jungen im Buch ist ja Bundeskanzler und Matthias Brandts Vater war ja sicher nie… Und wirklich erst da fiel es mir wie Schuppen von den Buchstaben des Namens Matthias Brandt. Matthias Brandt ist der jüngste Sohn von Willy Brandt, dem ehemaligen Bundeskanzler. Und ich, ich wusste es nicht. Es gibt Menschen um mich herum, die sehen mich jetzt so an, als müssten sie mir nun einen Teil meiner Intelligenz aberkennen. Nicht wissen, dass Hanns von Meuffels der Sohn von Willy Brandt ist, wie konnte das denn passieren?

In diesem Bild versteckt sich eine Aufforderung

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Von Kniebundhosen und Oberleitungsbussen

Es ist passiert und vielleicht hat es mein Leseverhalten beeinflusst. Wie gebannt habe ich dieses kleine Buch in mich aufgesogen. Matthias Brandt entführt den Leser in eine Zeit, in der die Kinder an Fasching mit doppelläufigen Korkengewehren schossen, mit dem Oberleitungsbus zum Schulgottesdienst fuhren, Bonanzaräder ihr Eigen nannten, Kniebundhosen trugen und Musikkassetten mit der Aufschrift James Last zur Kenntnis nahmen. Das Setting, in das der Plot der einzelnen Geschichten eingebettet ist, wird plakativ erzählt. Schnell baut sich eine Vergangenheit vor dem inneren Auge auf.

Dieser Junge – man möchte ihm in die Backen kneifen

Die Hauptfigur ist geprägt von einer großen kindlichen Naivität. Der Junge scheint permanent zu reflektieren, nimmt sein Umfeld äußerst aufmerksam wahr, beobachtet und analysiert – aber eben im Rahmen seiner Möglichkeiten. Obwohl er häufig versucht, vorauszudenken, läuft vieles nicht so, wie er es sich in seiner kindlichen, oder sagen wir, blühenden Fantasie zurechtüberlegt hat. Die Naivität des Kindes ist eben so harmlos wie süß. In Gedanken musste ich dem fiktiven Jungen beinahe auf jeder Seite mindestens einmal in die imaginären Backen kneifen und das, obwohl ich glaube, dass er das ganz und gar nicht mag.

„Auferstehungskirche. Der Name, dachte ich lange Zeit, käme vom frühen Aufstehen, weil wir dorthin donnerstags in der ersten Stunde zum Schulgottesdienst mussten.“ Mit diesem, die eben angesprochene Naivität aufzeigenden, Satz beginnt die Geschichte Puppenkönig, in der der Erzähler mit dem Nachbarn Herrn Lübke heiße Schokolade trinkt. Heiße Schokolade ist das verbindende Element zwischen Herrn Lübke und unserem jungen Erzähler. Wäre der Vater der Erzähler, hätte die Geschichte wahrscheinlich einen anderen Schwerpunkt. Eine historische Zeit aus der Sicht eines Kindes erzählen zu lassen, macht auch die Stärke anderer Werke, wie z.B. Martin Walsers Ein springender Brunnen aus. Wenn du sieben bist, dann willst du Fussballgott werden und dieses Ziel erscheint in diesem Alter sogar realistisch.

Jetzt, als Torwart, würde ich mein bisheriges Ich hinter mir lassen, um ein vollkommen anderer zu werden.“

Das sind die Höhenflüge in diesem jungen Leben.

Weil ich bei dem missglückten Zauberkunststück mein Kinderzimmer in Flammen hatte aufgehen lassen, wurde es renoviert. Währenddessen wurde ich ausquartiert und kehrte nach Abschluss der Arbeiten statt in die gewohnte Unordnung in ein aufgeräumtes, von meiner Mutter mithilfe eines Innendekorateurs gestaltetes, sogenanntes Jugendzimmer zurück. Es war jetzt, als sei ich bei mir selbst zu Besuch. Meine Mutter war beleidigt, weil ich mich nicht freute. Dabei wusste ich nur nicht, wer hier wohnte. Ich jedenfalls nicht.“

Das sind die Tiefpunkte im Leben dieses Siebenjährigen, der freilich etwas anders lebt als seine Schulkameraden, die wahrscheinlich nicht alle eine Putzfrau haben und schon gar kein Kindermädchen und am allerwenigsten einen Chauffeur. Aber all das spielt für die Gegenwart des kindlichen Seins nur eine untergeordnete Rolle. Astronaut zu werden, oder wenigstens Briefträger, die vernichtende Blamage beim Fussball zu überleben, genauso wie die Übernachtung beim Freund außer Haus, das ist alles viel wichtiger. Und genau das ist es, was dieses Buch so bezaubernd macht.

Die Eltern – Jaja, die gibt es auch

Sowohl die Mutter als auch der Vater kommen in einzelnen Geschichten immer wieder vor und streifen den Plot. Ein Urlaub mit der Mama – und den Bediensteten – in Norwegen und eine, von der Politik instrumentalisierte und somit schon beinahe automatisch zum Scheitern verurteilte, Fahrradfahrt mit dem Vater werden beschrieben. Ein nicht ganz kindgerechter Ausflug auf den Rummel und der nur zögerliche Mut beim viel beschäftigten Papa an die Tür des Arbeitszimmers zu klopfen, damit dieser einem was vorliest, werden auch geschildert. Als Leser bildet man sich automatisch eine Art Mehrwissen ein (also ich jetzt auch, nachdem ich kapiert habe, dass Willy Brandt der Vater von… ihr wisst eh, was ich sagen will). Oh Staatsgeschäfte hier und ah Diplomatie dort und dazwischen dieser liebe, naive Bengel. Doch den Fehler, Realitäten der Amtszeit von Willy Brandt in dieses Buch und v.a. in diesen Jungen hineinzuinterpretieren und den Geschichten somit etwas pseudoreales hinzuzudichten, das sollte man vermeiden. Der Junge genügt. Die Geschichten genügen. Der Ton genügt, um diese Lektüre zu etwas ganz Besonderem werden zu lassen. Ich hätte in beinahe jede Seite einen Knick machen können. Einen Knick to remember.

Zugabe: Memory Boy von Jens Thomas

Das Album Memory Boy von Jens Thomas ist insofern Teil des Buches Raumpatrouille da sich die Geschichten von Matthias Brandt und die Lieder seines Bühnenpartners ergänzen, bereichern, beeinflussen und ganz offensichtlich gegenseitig beflügeln.

Hier gibt`s mehr Infos zu diesem Gemeinschaftsprojekt:

www.brandt-raumpatrouille.de

Und unter anderem hier gibt`s das Buch:

Matthias Brandt, Raumpatrouille, 176 S., 18 Euro, Kiepenheuer & Witsch. Erschienen 2016

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