Meg Wolitzer: Die Ehefrau

Die Emanzipation in den Startblöcken oder:
Liebe als Lebenslüge

Joe war ein wunderbarer Schriftsteller […]. Und ich werde ihn immer vermissen.“

Mindestens die Hälfte davon ist gelogen. Aber das ist nicht der Anfang von Meg Wolitzers aktuellem Roman Die Ehefrau. Das ist das Ende. Das Ende von Allem.

Back to where we – Joe and Joan – started

Joan und ihr Ehemann Joe, ein berühmter Schriftsteller, sitzen im Flieger nach Helsinki. Anlass der Reise: Joe erhält dort einen renommierten Literaturpreis. Mehrere Jahrzehnte sind die beiden nun schon verheiratet und Joan ist fest entschlossen, dass dieser Trip das letzte gemeinsame Ding sein wird. Sie will ihn verlassen. Gründe dafür gibt es viele. Blonde. Brünette. Aber das alleine ist es nicht. Sie kramt in ihren Erinnerungen und weiß, dass sie in ihrem Leben zu früh falsch abgebogen ist.

Liebe auf den ersten Blick vs. Liebe auf den ersten Fick

Joan trifft zum ersten Mal in einem Literaturseminar auf Joe Castleman. Er ist der Dozent, sie die von der Literatur und von ihrem attraktiven und charismatischen Dozenten faszinierte Studentin. Es dauert nicht lange, dann wird auch Joe auf Joan aufmerksam. Sie sticht aus der Menge an wissbegierigen und nach ihm gierenden jungen Frauen heraus, weil sie schreiben kann. Er attestiert ihr eine große Begabung und gesteht ihr, dass er sich selbst auch vielmehr als Autor denn als Dozenten sieht. Obwohl seine Frau gerade ihr erstes gemeinsames Kind geboren hat, beginnt er eine Affäre mit Joan. Und er gibt ihr seine Kurzgeschichten zu lesen. Im Bett ist der nur wenig ältere Joe der Begabte, seine Texte hingegen sind unterirdisch. Nachdem die Affäre auffliegt, geht alles ganz schnell. Die junge Familie zerbricht, Joan bricht ihr Studium ab, die beiden bleiben zusammen und hausen in einem Pensionszimmer, das zur Gesamtsituation passt. Nichts passt mehr. Statt zu studieren fängt Joan an, in einem Verlag zu arbeiten und Joe schreibt an seinem ersten Roman. Der Roman mit dem Titel Die Walnuss wird zum Welterfolg und macht ihn über Nacht berühmt. Von da an passt wieder alles. Zumindest scheinbar. Joseph Castleman wird ein berühmter, hoch geschätzter und von vielen verehrter Schriftsteller von internationalem Ruhm und seine Ehefrau Joan macht sich perfekt in der Rolle der perfekten Ehefrau und Mutter von am Ende drei Kindern.

Der Mann – naiver Egomane mit Wohlstandsbauch

„Was ist denn mit deinen eigenen Texten“, wird Joan häufiger von Leuten gefragt, die um ihre Begabung und ihre Begeisterung für das literarische Schreiben wissen.
„Ach, ich schreibe nicht mehr“, ist ihre Antwort.

Joan ist extrem beschäftigt […]. Sie muss mein Ego babysitten.“

So lautet die Antwort von Joe. Dem witzigen, wortgewandten, in Gesellschaft so locker aufspielenden Joe. Und er hat Recht. Denn er hat ihr diesen Full-Time-Job der Egositterin gegeben. Joe ist kein guter Mann. Er betrügt seine Frau. Mit Nutten zu Recherchezwecken. Mit Studentinnen bei Literaturworkshops nur drei Appartements neben dem, in dem sich seine Frau aufhält. Und die weiß es. Jeder weiß es. Er feiert sich selbst, steht gerne im Rampenlicht. Er trinkt viel, er ißt viel, er redet viel, er vögelt viel, er gefällt sich sehr gut. Aber Joe ist auch kein schlechter Mensch. Wahrscheinlich hat er zu keinem Zeitpunkt aufgehört, seine Frau zu lieben. Er betont bei jeder Gelegenheit, dass er nichts wäre ohne sie, dass er sie braucht wie sonst nichts auf der Welt. Dass sie vorhat, ihn nach der Preisverleihung – dem Höhepunkt seiner Karriere – zu verlassen, ahnt er nicht. Sie hat sein Ego immer gut babygesittet, dass sie ihn verlassen könnte, kommt in seinen egozentrischen Überlegungen nicht vor.

Die Frau – eine aufopferungsvolle Duckmäuserin

Wie konnte das passieren? Eine begnadete Anwärterin auf den Titel „Erfolgsautorin“ schmeißt hin und opfert ihr Leben der Karriere ihres Mannes. Einem unbegabten Hallodri. Naive, junge, bedingungslose Liebe. Das ist nur ein Teil der Antwort. Die Zeiten. Das ist der andere Teil der Antwort. Die beiden begegnen sich in den 1960er Jahren. Auch wenn Frauen studieren oder – wie Joan – in Verlagen und dergleichen in Büros arbeiten, sind sie nicht das Zentrum der Familie. Sie ernähren die Familie nicht und keiner schaut in erster Linie auf sie. Die Köpfe drehen sich immer noch immer und überall nach den Männern um, um Antworten zu bekommen. Keiner erwartet etwas Kluges von einer Frau. Der Mann steht immer noch fest im Mittelpunkt von eigentlich allem. Die Zeiten waren dabei, sich zu lockern, haben bald die Weichen für die Emanzipation gestellt. Doch Joan hat sich für ein Leben wie man es halt so lebt entschieden. Sie hat ihren Traum aufgegeben. Auch die Demütigungen durch die vielen Affären ihres Mannes hat sie angenommen. Man lässt sich nicht scheiden in den 1970ern. Und irgendwann hat man sich aneinander gewöhnt.

Alle sind passiv doch die Welt dreht sich weiter

Es hat viel Deprimierendes, dieses Buch über die Ehe aus Sicht der Frau. Vieles sollte anders sein. Damals schon. Doch alles ist, wie es ist, und es bleibt, wie es ist. Es sei denn, sie trennt sich in Finnland tatsächlich von Joe. Und dann? Freiheit für den letzten Lebensabschnitt? Der Mann – also dieser Mann – scheint ein sehr gutes Leben zu leben. Ein glückliches Leben. Ein erfülltes Leben. Seine Frau hat ein Leben in Wohlstand. Von außen betrachtet fehlt es also auch ihr an nichts. Ihm würde es ohne ihr an allem fehlen. An allem! Und daher ist das Rollenverhältnis klar:

Ehefrauen kümmern sich, sie schweben um einen herum. […] Ehefrauen bringen Brühe, wir bringen Heftklammern, wir bringen uns selbst und unsere schmiegsamen, warmen Körper. Wir wissen genau, was wir zu den Männern sagen müssen, denen es aus irgendeinem Grund so schwerfällt, sich um sich selbst zu kümmern.
„Glaub mir“, sagen wir, „alles wird gut.“
Und dann sorgen wir dafür, dass es das auch tut, so als würde unser Leben davon abhängen.“

Joan hat ihrem Mann mehr gebracht als nur Brühe und Heftklammern. Sie hat ihm sein Leben gebracht.

Joe war ein wunderbarer Schriftsteller […]. Und ich werde ihn immer vermissen.“

So äußert sie sich am Ende über ihren Mann. Mindestens die Hälfte davon ist gelogen.
Die Ehefrau, Meg Wolitzer, 270 S., 23 Euro. DuMont

Englische Originalausgabe:
The Wife, Meg Wolitzer, 224 S., 8,99 Euro. Vintage

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