Meg Wolitzer: Die Interessanten

Wir waren jung, wir waren glücklich

„Solange etwas ist, ist es nicht das, was es gewesen sein wird.“ So lautet der erste Satz aus einem ganz anderen Buch. Martin Walser beginnt seinen autobiografischen Roman Ein springender Brunnen mit diesen Worten. Und beim Lesen von Meg Wolitzers Werk Die Interessanten ist es genau das, was mir immer wieder zwischen die Synapsen knallt.

In Die Interessanten geht es um das Erwachsenwerden. Es geht um Wünsche, Träume und Hoffnungen. Es geht um Talent und die Abwesenheit von Talent, um die gesunde und die irregeleitete Selbsteinschätzung. Es geht um Schicksal und Timing. Aber primär geht es um Freundschaft und um sechs Leben.

Sechs Leben in vier Jahrzehnten

Mitte der 1970er Jahre treffen sechs Teenager im Sommercamp Spirit in the Woods aufeinander. Das Camp richtet sich an künstlerisch Interessierte. Tanz, Film, Musik, Theater, diese Themenfelder sind der Spirit in the Woods. Der Fokus liegt auf sechs der Teilnehmer, die viel Zeit in einem der Tipis auf dem Gelände verbringen. Hier wird  philosophiert, gelacht und rumgemacht. Sie verlieben sich, bilden erste Liebespaare oder werden zurückgewiesen und geben sich mit Freundschaft zufrieden. Hochnäsig, ja etwas arrogant sogar, nennen sie sich Die Interessanten. Sie ahnen dabei nicht, dass sich von diesem Zelt ausgehend ihre Schicksale so zu verweben beginnen, dass ihre Leben auf immer miteinander verknüpft sein werden – in guten und in schlechten Zeiten, ob sie wollen oder nicht.

Ein spannendes Spannungsfeld

Die Charaktere der sechs Protagonisten sind von großen Unterschieden geprägt. Soziale und physische Vorzüge sind nicht jedem in gleichen Teilen gegönnt. Die Karten, die das Leben an sie ausgeteilt hat, reichen von vielversprechend bis unglücklich. Jetzt kommt es darauf an, wie die Karten ausgespielt werden. Die schöne Ash und ihr sportlicher Bruder Goodman leben den amerikanischen Traum. Sie haben sehr reiche Eltern, die in New York eine Top-Adresse bewohnen. Ihr Lebensweg schein vorgezeichnet. Cathy ist das kurvige Sexy-Girl der Truppe. Ihre Oberweite hilft ihr bei den Jungs, steht aber ihrer Tanzkarriere im Weg. Jonah ist der Sohn eines Folk-Stars, dem die Wege zur Musik trotz Talent für immer verschlossen scheinen. Ethan ist der unattraktivste aber auch begabteste in diesem Kreis. Jules – aus deren Perspektive die Geschichte erzählt wird – kommt aus ärmeren Verhältnissen. Sie ist weniger hübsch als die anderen beiden Mädchen, schafft es aber schnell die Gruppe durch ihren Witz an sich zu binden.
Auch außerhalb des Camps halten die sechs Kontakt. Nur wenn sie alle gleichzeitig am selben Ort sind, empfinden sie wahres Glück. Ohne einander sind sie unvollständig. In einer Silvesternacht kommt es dann jedoch zu einem Ereignis, das die Gruppe auseinander reißt. Die Harmonie wird gestört, das Gleichgewicht gar zerstört. Von nun an  gibt es Splittergruppen und Geheimnisse, manche Kontakte werden verschwiegen.

Wir brauchen einander

Der Roman erzählt in drei Teilen vier Jahrzehnte aus dem Leben von sechs Menschen. Missbrauch, Misserfolg, Homosexualität, Ehen, Kinder, Karrieren und Durchschnittlichkeit – die einen erleben, sind, werden oder bekommen das eine, die anderen das andere. Das Buch erzählt davon, wie es ist, in das eigene Leben hineinzuwachsen, zurechtzukommen und parallel die Leben der anderen mitzubekommen – miterleben kann man sie ja nicht.

Das Verhältnis und die Biographien von Ethan, Ash und Jules sind Dreh- und Angelpunkt der Geschichte. Durch dieses ungleiche Dreieck blitzt eine Idee davon auf, wie Leben funktioniert. Du triffst Entscheidungen, die dich für immer beeinflussen, ohne dass dir das in diesem Moment bewusst ist. Du macht Fehler, die klein aussehen und sich als groß herausstellen. Warum hat man diesen Jungen zurückgewiesen, wo man ihn doch mochte? Etwa wirklich nur, weil er unattraktiv war, oder weil man dachte man sei selbst nicht gut genug? Wieso ist es so schwer, einen Traum aufzugeben? Warum denkt man sich in die Leben anderer hinein und macht seines dadurch kleiner oder größer als es ist? Wenn Meg Wolitzer hier vom Erwachsenwerden erzählt und von Lebenswegen, dann hat das viel mit Neid und Missgunst, aber noch viel mehr mit tiefer Liebe und Verbundenheit zu den eigenen Freunden zu tun.

So lese ich dieses Buch

Das Buch erteilt seinen Lesern eine Ohrfeige nach der anderen. Kümmere dich um deinen eigenen Scheiß!, scheint es im Subtext auf vielen der 600 Seiten zu schreien. Du, nur du bist verantwortlich für dein Leben. Du willst etwas tun? Dann tu es! Du willst etwas sein? Dann versuche, da möglichst nahe heranzukommen. Vielleicht schaffst du es ja sogar ganz! Aber höre um Himmels willen auf, nichts zu tun und nur darauf zu schauen, was die anderen alles leisten und schaffen und rocken und meistern. Und wie schön sie dabei aussehen, kraftvoll und strahlend, unbeschwert und leichtfüssig. Sei, wer du bist und liebe, wen du hast, denn was wären wir ohne die anderen?

Die Interessanten im Pay-TV

Auf Amazon Prime gibt es gerade den Pilotfilm The Interestings für eine angedachte Serie zu sehen, der auf Meg Wolitzers gleichnamigem Roman basiert. Nur bei Erfolg soll eine ganze Serie zu Die Interessanten/The Interestings bestellt werden. Der Pilot bewegt sich sehr nahe am Plot. Die Zeitsprünge sind leicht nachzuvollziehen, was vor allem auch an der jeweiligen Haarlänge der Hauptdarstellerin liegt. Six Feed Under-Star Lauren Ambrose spielt die erwachsene Jules. David Krumholtz, bekannt aus Numb3rs, verkörpert Ethan. Der Cast überzeugt generell. Die erste Episode einer Serie ist ja meist nie so richtig leicht. Auch der Stoff mit den vielen Zeitsprüngen, macht den Einstieg etwas schwer. Der Cliffhanger jedoch ist – und das sogar für die, die das Buch kennen – so vielversprechend, dass man nur hoffen kann, dass Amazon dieser Serie eine Chance gibt und Produktionsgelder in die Hand nimmt.

Meg Wolitzer, Die Interessanten, 608 S., 9,99 (Taschenbuch). Dumont Verlag. Erschienen 2013 als The Interestings.

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