Michael Kumpfmüller: Die Erziehung des Mannes

Dummer, armer, schwacher Mann

Die Erziehung des Mannes ist ein Roman, geschrieben von einem Mann, erzählt aus der Perspektive eines Mannes. Die Frauen kommen in diesem Werk nicht so gut weg. Der Protagonist aber auch nicht, denn der ist ein passiver, selbstzerstörerischer Tropf und trotzdem schafft es der Autor irgendwie, dass einem die weiblichen Figuren auf die Nerven gehen und nicht so sehr dieser „Mann“.

Furchtbare Frauen für eine frauenfreundlichen Mann

Der Student und angehende Komponist Georg ist seit fast sieben Jahren in einer Beziehung. Glücklich ist er aber nicht.

So richtig begriffen habe ich es bis heute nicht, aber Tatsache war, dass ich mit einer Frau lebte, die in sieben Jahren kein einziges Mal mit mir geschlafen hatte.“

Armer Georg. Aber sieben Jahre? Zum Glück lernt er eine neue Frau kennen und verabredet sich mit ihr. Obwohl, von Glück kann man auch hier nicht sprechen.

Alles in allem war ich nicht überzeugt, trotzdem rief ich sie zwei Tage später an, weil sie gesagt hatte: Ruf doch einfach an […].“

Diese Frau – Jule – wird später seine Frau werden und sie wird ihm das Leben zur Hölle machen, und das nicht, weil sie etwas Bestimmtes macht, sondern weil sie einfach nur ist, wie sie ist. Jule nervt, Jule ist ätzend, Jule will das volle Programm, zusammenziehen, heiraten, Kinder kriegen, fertig. Selten ist mir in einem Roman eine so unsympathische Figur über den Weg gelaufen wie diese kaum zu ertragende Jule. Und Georg? Georg rennt offenen Auges ins Verderben. Er macht nicht nichts, er macht etwas viel Schlimmeres, er lässt zu, dass eine andere Person über ihn bestimmt, er tut, was jemand anderes möchte, und nicht das, was er möchte. Er wird zum Trittbrettfahrer einer Gesellschaft, die für jedes Mitglied dasselbe Starterset bereithält, und so tut, als gäbe es nicht viel Spielraum bei der individuellen Gestaltung des Spiels mit dem Namen LEBEN. Will Georg zusammenziehen? Will er heiraten? Will er Kinder? Will er all das mit dieser Frau?

Das mit den Kindern sah ich immerhin. Deshalb schloss man eine Ehe, dachte ich. Damit es Kinder gab. War es nicht die vornehme Aufgabe des Mannes, seinen Samen in der Welt zu vergießen und dafür zu sorgen, dass alles weiterging?“

Ja genau, man nehme den Samen des Mannes und das Leben sprießt nur so vor sich hin… Georg heiratet also, damit die Welt im Innersten zusammenhält. Doch seine Welt ist lange bevor er mit Jule drei Kinder bekommt einsturzgefährdet. Seine Ration Glück auf Zeit sucht er in Familienurlauben. Schnell sieht es so aus, dass er nicht genug an sich denkt, sondern zu sehr damit beschäftigt ist, die Rolle des liebevollen und funktionierenden Ehemannes und Vaters nach Kräften auszufüllen. Doch genauso schnell drängt sich die Frage auf, ob er überhaupt denkt? Georg ist einer, der sich treiben lässt. Und als er schließlich merkt, dass er in die falsche Richtung abdriftet, hat er keine Kraft mehr den Kurs zu korrigieren und ertrinkt.

All in – das Familienmodell als Erfolgsgarantie

Die Ehe mit Jule scheitert. Und der Leser atmet endlich auf. Jule war nicht auszuhalten. Jule und Georg waren nicht auszuhalten. Doch dieses Ende kommt zu spät. Drei gemeinsame Kinder haben das unglückliche Paar zu einer unglücklichen Familie geformt. Und diese Kinder werden das neue Druckmittel der frustrierten Ex-Frau und Mutter. Durch die Kinder werden Georg und Jule auf ewig miteinander verbunden sein. Die guten Tage waren immer schon gezählt und sind nun tatsächlich vorbei. Von den schlechten scheinen noch einige übrig. Das gescheiterte Familienkonzept beeinflusst auch Georgs nächste Beziehung. Er trifft Sonja und lebt schließlich mit ihr. Doch Sonja wird es nach Jahren zu anstrengend, einen dreifachen Vater zu lieben, der versucht, sich um seine Kinder zu kümmern und die Bosheiten seiner Ex-Frau immer wieder auf’s Neue zu ignorieren. Die letzten Jahre seines Lebens verbringt er dann mit der ersten Frau, mit der er geschlafen hat. Sie tritt wieder in sein Leben und bleibt. Ob das Liebe ist? Kaum, aber es scheint ok. Und das ist das Problem von Georg. Im besten Fall sind die Phasen seines Lebens irgendwie ok. Meistens ist es allerdings nicht so ok, sondern eher so mittel, oder eben furchtbar.

Passiver Protagonist

Die Erziehung des Mannes ist ein deprimierendes Kopfschüttelbuch. Die Schuldfrage geistert einem permanent im Kopf rum. Es wäre leicht zu sagen, die Frauen sind Schuld. Aber was heißt das dann für den herausfordernden Grundgedanken, jeder selbst sei seines Glückes Schmied und man könne sein Schicksal selbst in die Hand nehmen?
Wer wird hier angesprochen oder dargestellt? Menschen, die tun, was man tut. Studieren, arbeiten, heiraten, Kinder kriegen, Friede, Freude, Eierkuchen, Tod?! Das Buch zeigt sehr eindrucksstark auf, dass es genau das gibt. Mehrfach, vielfach, tausendfach. Männer heiraten, weil die Frau heiraten will, oder weil sie denken, dass das neben dem Kinderzeugen der wahre Sinn des Lebens ist. Wie viele Männer wachen aus diesem Traum auf und finden sich in der Rolle des Opfers wieder? Doch Männer sind keine Opfer. Auch Georg hätte nein sagen können, hätte weggehen können, hätte seine zukünftige Ehefrau nicht anrufen müssen. Doch er begibt sich in ein Leben, von dem er weiß, wissen muss, dass er es hassen wird, weil er die Frau hasst. Mein Mitleid hält sich in Grenzen. Mein Entsetzen nicht. Selbst wenn Heiraten mehr so ein Frauending wäre, warum sind die Männer so schwach, so weich, so unfähig, zu sagen, dass Heiraten nicht so ihr Ding ist? Und wenn sich auch der Mann nach der Ehe sehnt, warum wartet er nicht auf die richtige Frau? Weil die Frau ihm befiehlt, ihn zu ehelichen und er kann sich nicht wehren? Georg ist ein guter Junge. Doch die Idee, dass er sein Leben nicht hätte anders gestalten können, weil er den Frauen begegnet ist, denen er begegnet ist, ist ebenso entsetzlich wie dumm.

Guter böser Vater, gute nervige Frau

Die Stärke des Buches liegt für mich im zweiten Teil, als wir Georgs Vater kennenlernen. Georgs Vater hatte Affären, hat sein Leben, das auch durch eine Ehe eingefahren war, aktiver gestaltet aber eben auch nicht gut. Er macht seine Frau unglücklich und lebt seinem Sohn etwas vor, was für ihn später auch keine Option darstellt. Eine weitere Stärke ist, eine unsympathische Person auf äußerst gekonnte Weise als unsympathische Figur darzustellen. Das gelingt so gut, dass der Autor allerdings riskiert, dass man das Buch nach jeder einzelnen Begegnung mit Jule an die Wand pfeffern möchte. Ich habe es zu Ende gelesen und es scheint mir ein Männerbuch zu sein, das wahrscheinlich nicht von allen männlichen Lesern zu Ende gelesen wird. Man hätte dieses Buch auch aus der Sicht einer Frau erzählen können. Es herrscht Gleichberechtigung und jeder hat das Recht, sich unglücklich zu machen.

Irrungen, Wirkungen und viele Fragezeichen

Nach der letzten Seite von Die Erziehung des Mannes bleibt ein verdutzter Leser zurück, der sich u.a. folgende Fragen stellt:

Wieviele Menschen (Männermenschen und Frauenmenschen) heiraten nur, weil man das halt so macht?
Oder schlimmer: Wieviele Menschen – und hier sind’s wohl mehr Männermenschen als Frauenmenschen – bekommen nur Kinder, weil der andere Kinder will und weil das eben der Lauf der Welt ist?
Wieviele Menschen wissen im Moment der Eheschließung oder früher, dass das ein Fehler ist, weil das nicht der oder die Eine ist?
Warum ist die Vorstellung, außerhalb einer Paarbeziehung glücklich sein zu können, für so viele so unvorstellbar? Oder ohne Ring? Oder ohne Kinder?

Antworten liefert das Buch nicht, aber es regt zur Vorsicht an.

Die Erziehung des Mannes, Michael Kumpfmüller, 320 S., 19,99 Euro. Kiwi 2016

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