Morten A. Strøksnes: Das Buch vom Meer

Von Worten und Wellen

Weit und tief und unergründlich.

Das ist das Meer.

Weit und tief – zumindest das ist auch dieses Buch. Unergründlich glücklicherweise nicht. Und doch bewegt sich der Erzählfluss des Buches wie eine Welle. Aus dem großen Ganzen stiehlt sich eine kleine Geschichte fort, türmt sich auf, entfaltet sich zu etwas Neuem und verrinnt schließlich im Sand der Sätze.

Um was es eigentlich geht? Um das Abenteuer zweier Freunde, zweier Norweger, die sich vor den Lofoten aufmachen, um einen Eishai zu fangen und dafür ein ganzes Jahr brauchen. Die zwei, das sind Morten, der daraus dieses Buch gemacht hat, und Hugo. Ja: Das Buch vom Meer ist kein Roman. Und auch kein Sachbuch. Und auch keine Nacherzählung. Und auch keine philosophische Abhandlung. Und auch keine Sagensammlung. Aber ein bisschen von alledem.

Ein Meer voller Geschichten

Morten erzählt von der Faszination des Meeres, der großen Fischertradition der Norweger, den wettergegerbten Männern, für die das Leben auf dem Land unwirklicher und riskanter zu sein scheint als das Leben auf dem Boot und über den wilden Wellen.

Seeleute an Land wirken häufig wie rastlose Gäste. Selbst wenn sie nie wieder zur See fahren werden, erwecken sie in Gesprächen und in ihrem Verhalten den Anschein, als wären sie nur kurz zu Besuch. Die Sehnsucht nach dem Meer werden sie nie ganz los.

Er erzählt vom sagenumwobenen Eishai, den Hugo und er einmal hautnah sehen und erobern wollen, von sich und Hugo und ihrer Freundschaft.

Vor allem aber erzählt er vom Meer. Von seiner Kälte und schroffen Wärme, seinen Bewohnern, seiner Unendlichkeit und seinen abertausenden Legenden. Wie der Mensch versucht hat, es zu zähmen und zu erforschen und immer wieder daran gescheitert ist.

Einfach alles aufzuschreiben, was es über das mächtigste Gewässer zu wissen gibt, ist wohl unmöglich. Aber es scheint, als hätte Morten A. Strøksnes genau das mit diesem Buch vorgehabt. Und ich würde nicht zu sagen wagen, er sei gescheitert.

Lesen und Lernen

Viel zu locker und leicht liest sich diese Ansammlung von Geschichten, Legenden, Erlebnissen, Anekdoten, von Ungeheuerlichkeiten, Fantastischem, Irrwitzigem und Wunderbarem. Ich hätte ihn und seine Sätze immer weiter lesen können. Nicht nur, weil die so munter dahinfliessen, sondern auch, weil ich beim Lesen das Gefühl hatte, unglaublich viel zu lernen, ohne mich dabei anstrengen zu müssen.

Wusstet ihr, dass Robben am Meeresgrund schlafen und dort träumen? Wusstet ihr, dass Robert Louis Stevenson – Autor von Die Schatzinsel und Der seltsame Fall des Dr. Jekyll und Mr. Hyde – einer Familie von Leuchtturmerbauern entstammt und eigentlich Leuchtturmingenieur hätte werden sollen? Wusstet ihr, dass der äußerste Norden Norwegens in die Sagenwelt unter dem Namen Ultima Thule eingegangen ist? Wusstet ihr, dass Fischer auch heute noch an den rotäugigen Meerdraug glauben, in dem ertrunkene Fischer als Geist wiedererstehen? Und wusstet ihr, dass Tiere bis ins 19. Jahrhundert von Menschen vor Gericht gestellt wurden?

Wusstet ihr, wusstet ihr, wusstet ihr. Ja, es gibt unendlich viel zu lesen, lernen, fürchten, bewundern und erfahren in diesem Buch. Am besten – ich bin eben doch Literatur- und nicht Naturwissenschaftlerin – gefielen mir jedoch die Passagen, in denen es ins Romanhafte geht. Ich sage nur: Seite 159. Meerjungfrau. Oder ins Poetische.

Jedes Mal, wenn ich Oslo verlasse und in den Norden reise, habe ich das Gefühl von Befreiung – Befreiung vom Leben im Landesinneren, von den Ameisenhaufen, den Tannen, den Flüssen, den Süßwasserseen und dem gurgelnden Moor. Raus aufs Meer, frei und endlos, rhythmisch und wogend wie die alten Seemannslieder aus der Zeit der Segelschiffe.

Und die Moral von der Geschicht’? Das Meer macht frei. Lesen auch.

Morten A. Strøksnes: Das Buch vom Meer. DVA, 364 S. 19,99 Euro.

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