Nancy Mitford und ihre Schwestern

Das Leben packen

Die ganz großen Dinge im Leben – die Liebe und der Tod zum Beispiel – sind mehr als nur eins: sie sind nicht nur schön und nicht nur schrecklich. Ganz oft liegen zwischen beiden Gefühlen, zwischen dem Himmelhochjauchzend und dem Zu-Tode-Betrübt, nur ein paar kleine Schritte. Wer also über diese großen Dinge schreiben will, braucht ein Händchen für die richtige Dosis Drama, die richtige Dosis Komik und die richtige Dosis Kitsch. Und am besten hat ein Autor auch eine gewisse Ahnung von dem, über das er da schreibt. Oder eben eine ordentliche Portion Einfühlungsvermögen.

Wie schön, dass Nancy Mitford von allem mehr als genug hatte. Leider greift kaum mehr jemand zu den Büchern der fabelhaften Miss Mitford, weil sie unter akutem Kitschverdacht stehen. Das liegt zum einen an den – zugegebenermaßen auch etwas zu ladylike gehaltenen – Covern, zum anderen an den hin und wieder nach Frauenroman quietschenden Titeln wie zum Beispiel The Pursuit of Love, das im Deutschen etwas weniger seicht in Englische Liebschaften übersetzt wurde. Wobei der deutsche Titel zwar nett klingen mag, den Inhalt des Romans aber dennoch knapp verfehlt.

Irrungen und Wirrungen

Eigentlich geht es um das Leben zweier Cousinen im England der 1930er Jahren. Beide kommen aus gutem Hause, langweilen sich aber auf ihrem Landsitz unsäglich und warten darauf, dass das Leben endlich beginnt. Vor allem Linda – deren Geschichte das Buch aus der Sicht ihrer Cousine Fanny erzählt – will einfach nur raus. Praktisch wäre da ein Mann, der relativ schnell gefunden ist. Allerdings entpuppt sich der kurz nach der Hochzeit als Totalausfall. Genauso wie der danach. Linda hat kein Glück mit den Männern. Der eine geldfixierter Tory, der andere klassenkämpfender Kommunist: keiner davon für’s Leben. Und als sie dann endlich Glück mit dem Mann hat, kommt Pech und der zweite Weltkrieg dazu.

Nancy Mitford muss für die Irrungen und Wirrungen dieser Liebes- aber vor allem Lebensgeschichte weder tief in die Kitsch- noch tief in die Dramenkiste greifen. Sie betrachtet Lindas Leben mit einem Augenzwinkern, mit leichtem Witz und wenn es ernst wird, dann bleibt sie das auch, ohne es jemals zu übertreiben. So passiert’s, dass man während des Lesens manchmal hin- und her gerissen ist zwischen Lachen und Weinen. Weil das so echt wirkt, so nah dran am wirklichen Leben. Und das, obwohl der Roman bereits 1945 erschien.

Spannender als jeder Roman

Dass das so echt klingt, könnte daran liegen, dass viele Charaktere nach Menschen aus Nancy Mitfords wirklichem Leben gestrickt wurden. Sie war Teil einer der verrücktesten und interessantesten Familien Großbritanniens. Die Mitford Sisters waren zu Beginn des 20. Jahrhunderts aus den Klatschspalten nicht wegzudenken. Sie waren immer mittendrin statt nur dabei. In Liebesdramen, in politischen Verwicklungen und der Weltgeschichte.

Mary S. Lovell hat den berühmt-berüchtigten sechs Schwestern, die auch einen unbekannteren Bruder hatten, ein ganzes Buch gewidmet. Mit dem simplen Titel The Sisters. Selten habe ich eine Biographie schneller gelesen. Bunter und wilder als diese Leben kann selbst der actionreichste Roman nicht sein. Nancy war die älteste und wurde zur Bestsellerautorin. Pamela blieb, was Medientauglichkeit anging, eher unscheinbar. Die schöne Diana verließ ihren Ehemann für den Faschistenführer Oswald Mosley und ist die Mutter des ehemaligen Formel 1-Chefs Max Mosley (der auch nicht ganz skandalfrei blieb, was man mit einer einfachen Google-Suche herausfinden kann). Unity war fanatischer Fan und „Freundin“ von Adolf Hitler und schoß sich in den Kopf, als Deutschland Großbritannien den Krieg erklärte. Jessica entschied sich lieber für Links, wurde Kommunistin und wanderte in die USA aus. Deborah, die Jüngste, heiratete den Duke of Devonshire und wurde Herrin von Chatsworth House.

Geschichten über Geschichten erfährt man, wenn man sich mit den Mitfords beschäftigt. Ob man nun in ihre Biographien eintaucht oder Nancys Romane liest. Gut sind sie alle. Weil sie sich immer mit den großen Dingen beschäftigen. Das ist mal lustig, mal traurig – aber garantiert nie langweilig.

Nancy Mitford. The Pursuit of Love. Penguin, 1945. 8,99 Euro.
Nancy Mitford. Englische Liebschaften. List, 2013. 9,99 Euro.

Mary S. Lovell. The Sisters: The Saga of the Mitford Family. Norton, 2002. 18,99 Euro.

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