Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern

Ein ganzes Land. Ein ganzes Volk

Es war einmal: Schönes Syrien

Damaskus im Jahr 2004

Der Dezember 2004 liegt lange zurück und doch kann ich mich sehr gut an diesen Jahreswechsel erinnern. Ich habe eine Freundin in Damaskus besucht, die damals dort studiert hat. Wir wohnten im Viertel Suq Sarudja. Wir waren in der Omajjadenmoschee. Wir haben am Markt Suq el-Hamidiye ganz schrecklich glitzernde Schuhe gekauft. Wir sind durch die Wüste zu

Palmyra im Jahr 2004

den Tempelanlagen von Palmyra gefahren. Über Silvester waren wir in Aleppo. Wir haben die Wasserräder von Hama gesehen. Wir haben Kreuzritterburgen wie den Krak des Chevaliers erobert. Und wir haben so unglaublich gut gegessen. Wir haben bestellt wie die Großen: Hummus, Baba Ganoush, Tabouleh, Fladenbrot, Falafel, Lammspieße… Was wir nie bestellt haben waren Pommes. Aber wir haben immer welche bekommen. Wirklich jedes Mal. Die Pommes standen auch auf der Rechnung und natürlich haben wir sie gezahlt. Wirklich jedes Mal. Europäer und Pommes gehörten allem Anschein nach irgendwie zusammen. Wir haben das als Gastfreundschaft verbucht. Und warum erzähle ich das? Darum:

Kein schöner Land in dieser Zeit

Was mit Syrien passiert ist, bekommt aktuell jeder mit. Was mit den Syrern passiert auch. Der nüchterne Ton der Nachrichtensprecher, die ihre Arbeit machen, die immer neuen Informationen aus Syrien ab 20:00 auf allen Sendern, sind zur Routine geworden. Wie haben die Bayern gespielt? Wie wird das Wetter. Was hat Trump in den letzen 24 Stunden dummes getwittert? Was ist in Syrien los? Wie beeinflusst das Flüchtlingsthema den Wahlausgang 2017? All das zählt zu den Hintergrundgeräuschen unseres Alltags. Man hört vieles über Syrien aber man hört nicht mehr zu. Liest man den Roman Gott ist nicht schüchtern von der mit einem Syrer verheirateten Olga Grjasnowa, bekommt man andere, tiefere Eindrücke.

Gott ist nicht schüchtern

Der Roman beginnt im Arabischen Frühling. Die Revolution bricht sich Bahn, Hoffnung lähmt die Angst vor dem Assad-Regime und sät Aktivismus.

Diesmal geschieht etwas wirklich Großes, denkt Amal.“

Amal ist eine der beiden Protagonisten. Hammoudi ist der zweite. „Lass mal, in ein paar Monaten ist es vorbei, und wir tanzen auf Assads Sarg“, sagt Hammoudis Vater anfangs noch. Der Leser weiß, so wird es nicht kommen. Doch so weit sind wir noch nicht.
Im ersten Drittel ihres Buches nimmt uns Olga Grjasnowa mit in eine irgendwie intakte, lebendige Stadt. Amal ist jung, stammt aus wohlhabendem Haus und arbeitet erfolgreich als Schauspielerin. Mit ihrem Bekannten Youssef, in den sie sich später verliebt, besucht sie die Demonstrationen, auch, als diese gewaltsam niedergeschlagen werden. Sie wird gefoltert und inhaftiert. Ihr Vater muss viel dafür zahlen, sie frei zu bekommen. Hammoudi, ebenfalls aus einer wohlhabenden Familie, lebt eigentlich als Arzt in Frankreich. Er hat eine Stelle als plastischer Chirurg an einer der besten Kliniken von Paris in Aussicht. Hierfür muss er nur kurz in seine Geburtsstadt Damaskus zurückkehren, um seinen Pass verlängern zu lassen. Die Verlängerung für seinen Pass bekommt er problemlos. Doch er darf nicht mehr ausreisen. Seine in Paris lebende Freundin wird er nie wieder sehen. Als die Kämpfe in Syrien beginnen, als sich Widerstandskämpfer gegen das Assad-Regime formieren und auch dann noch, als sich der IS in das Blutvergießen mischt, arbeitet der plastische Chirurg in zerbombten Häusern, verarztet und operiert die Aufständischen. Die Menschen sterben ihm nur so unter den Händen weg. Der IS zwingt ihn, auch seiner Leute Leben zu retten. Er operiert mit dem Gewehrlauf im Nacken. Hammoudi und Amal begegnen sich in Syrien nur einmal. Im zweiten Teil des Romans Gott ist nicht schüchtern wird jeweils die Flucht der beiden geschildert. Die Schauspielerin und der Arzt verlassen ihr Heimatland als Flüchtlinge. Beide sitzen sie irgendwann in heillos überfüllten Booten. Amal hat ihren Familienschmuck in ihren BH eingenäht, mehr kann sie nicht mitnehmen. Beide sehen Menschen auf der Flucht sterben. Beide stranden schließlich in Berlin. Dort begegnen sie sich noch ein weiteres Mal. Die Gegenwart und die Zukunft der beiden, die symbolisch stehen für alle syrischen Flüchtlinge, werden im dritten und letzten Teil des Buches aufgezeigt.

Unsichtbare Individuen

Der Roman Gott ist nicht schüchtern ist ein interessantes, ein lehrreiches Buch. Die Ereignisse nach 2011 in Syrien bis hinein in die jüngste europäische Geschichte werden lehrbuchhaft nacherzählt und anschaulich zusammengefasst. Die andere große Leistung dieses Werkes ist die Nähe zu den beschriebenen Schicksalen. Verfolgt man Hammoudis und Amals Leben, wird mit jedem Satz auf jeder Seite daran erinnert, dass es sich bei jedem Syrer um ein individuelles Schicksal handelt und nicht um eine Zahl, um Flüchtlingsströme, um Verteilungsschlüssel.

„Amal rührt eine Joghurtsoße mit Tahine an und mariniert mit ihr eine Lammhaxe, […]; sie frittiert Auberginen und das Brot, schichtet beides abwechselnd mit Kichererbsen und Joghurt und Tahine in ihrer blauen Lieblingsschale zu Fatte, nimmt vorgekochte Bouillon aus dem Tiefkühlfach und benutzt sie als Basis für Frikke; sie macht Fattoush, indem sie wieder das hauchdünne Brot röstet, Gemüse mit Kräutern wäscht und kleinschneidet und alles zu einem Salat untermischt; sie püriert Kichererbsen und macht aus ihnen Hummus […].“

Der Roman beschreibt, wie das Leben junger Syrer verlief, als diese noch ein Leben in ihrer Heimat hatten. Es duftet mehrfach nach Koriander, Kreuzkümmel, Feigen und Zimt. Amal liebt es, mit ihrem Bruder zu kochen, Gastgeber zu sein, Freundinnen zu treffen. Nach der Zeit der Aufstände und der Flucht über das Meer, bei der sie ein Baby an sich nimmt, dessen Mutter die Überfahrt nicht überlebt, kommt sie schließlich in Berlin an. Hier hat sie nichts mehr. Und hier, so muss sie feststellen, ist sie auch nichts und niemand mehr:

„Amal sieht den Frauen auf der Straße nach. […] Frauen in teuren Kleidern und auf hohen Absätzen. Frauen auf Fahrrädern, Frauen mit Kinderwagen, Frauen mit vollen Einkaufstaschen, Frauen, die irgendwohin eilen, Frauen, die vor Schaufenstern stehenbleiben. Plötzlich wird Amal bewusst, dass sie nicht mehr dazugehört. Niemand beachtet sie mehr. Wo ist ihr Haus? Ihre Karriere? Und ihre Straße, die immer nach Jasmin roch? Wo ist die gefaltete und gebügelte Wäsche in ihrer Kommode? Wo sind ihre Abendkleider und die Hemden ihres Vaters, frisch aus der Reinigung? Wo sind ihre Bücher und Schallplatten? Wo die Freunde und Verwandten? Wo die Partys und wo ist der Sommer vor dem Pool? Wo sind die aufwendigen Filmdrehs und die zermürbenden Proben im Theater? […] Die Welt hatte eine neue Rasse erfunden, die der Flüchtlinge, Refugees, Muslime und Newcomer. Die Herablassung ist mit jedem Atemzug spürbar.“

Näher am Leben

Wer kein Mitgefühl hat, und die Existenz der Syrer hierzulande mit Herablassung ahndet, der sollte dieses Buch lesen. Doch wahrscheinlich wird genau das nicht passieren. Wer Interesse, aber wenig Vorstellung davon hat, was Syrien für ein Land war, die Syrer für Menschen sind, auch der sollten dieses Buch lesen. Wer wissen will, wie alles soweit kommen konnte, der sollte dieses Buch lesen. Wer gerne gute Bücher liest, der sollte dieses Buch lesen und dabei auch versuchen das Gute darin zu finden. Es steht irgendwo zwischen den Zeilen. Man kann es finden, da bin ich mir sicher. Aber Hoffnung, Hoffnung findet man keine:

Plötzlich sagt Youssef: ‚Die Revolution war ein Fehler.‘ ‚Machst du Witze?‘, fragt Amal. Youssef fängt an zu sprechen, erst zögerlich, dann immer schneller: ‚Selbst wenn Assad fällt, in Syrien wird sich so schnell nichts ändern. Das Regime hat sich zu tief in uns eingeschrieben. Im Gefängnis findest du alle fünf Meter den nächsten Diktator.‘“

Auch Hammoudi hat wenig Hoffnung. Er unterhält sich auf der Überfahrt nach Europa mit einem syrischen Jungen:

‚Werden wir sterben?‘ Hammoudi muss schlucken, dann versucht er, Zuversicht in seine Stimme zu legen und antwortet: ‚Nein.‘ ‚Kannst du was tun?‘ Hammoudi schüttelt den Kopf. ‚Weißt du, es ist nicht schlimm, wenn wir sterben, ich will nur nicht zurück‘, sagt der Junge.“

Mein Syrien-Reiseführer von DuMont ist die 3., aktualisierte Auflage aus dem Jahr 2000. Ich gebe die Hoffnung nicht auf, dass man irgendwann wieder Syrien-Reiseführer schreiben und drucken wird.

Olga Grjasnowa: Gott ist nicht schüchtern, 309 S., 22 Euro. Aufbau Verlag, 2017

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