Patricia Duncker: Die Germanistin

Wer liest hier wen?

Junge trifft Mädchen. Das Mädchen, wir werden ihren Namen nie erfahren, sie bleibt immer nur die Germanistin, hat eher wenig Talent für die Liebe in Taten, dafür aber umso mehr für die Liebe in Gedanken.
Beide sind Literaturwissenschaftler an der University of Cambridge. Sie dissertiert über Schiller, er über den zeitgenössischen französischen Schriftsteller Paul Michel. Er also Romanist, sie Germanistin.
Unserem Protagonisten gegenüber bleibt die Titelheldin unterkühlt. Eines Tages findet er sie in Tränen aufgelöst über einem Brief. Sie schreibt einen Liebesbrief, gesteht sie ihm. Er bebt vor Eifersucht. Einen Liebesbrief an Schiller, ihren Autor. Man muss den Autor lieben, über den man schreibt – das macht die Germanistin dem Romanisten unmissverständlich klar und schickt ihn auf die Suche nach seinem Autor Paul Michel, der seit über zehn Jahren in einer Psychiatrie lebt.

In Paris angekommen, stellt unser Romanist jedoch fest, dass Michel sich nicht länger in der Psychiatrie befindet. Stattdessen aber findet er Briefe Michels an den Philosophen Foucault. Es sind Liebesbriefe eines Autors an seinen Leser. Als Foucault stirbt, so wird es dem Protagonisten erzählt, verzweifelt Michel, er wird in die Psychiatrie eingewiesen, Diagnose: Schizophrenie.

Der Romanist findet seinen Autor schließlich in einer anderen Psychiatrie in Clermont, vermeintlich irre und hochgefährlich.
Alles ändert sich, als die beiden aufeinander treffen – der Autor und sein Leser. Jetzt sind wir beim Kern des Romans angelangt, dem Wechselspiel zwischen den beiden.

Und genau das ist es, was dieses Buch so unglaublich großartig macht:
Es lässt sich als eine Metapher auf die Macht der Worte, der Literatur lesen
Oder:
Als eine spannende Detektivgeschichte.

Das Beste: Patricia Duncker schreibt und konstruiert so hervorragend, dass man sich für keine der beiden Seiten entscheiden muss.

Ich will nicht zu viel verraten. Aber im Grunde geht es darum:
So wie der Romanist sich zu Michel vorarbeitet, arbeiten wir Leser uns durch das Buch – beide auf der Suche nach Sinn, nach der Lüftung des Rätsels. Falsche Fährten, Sackgassen, hier ein Hinweis, dort ein anderer, widerfahren uns, dem Romanisten, dem Leser. Bis wir ins Herz der Erzählung vordringen. Meisterhaft, wie unser Leser endlose Räume durchschreiten muss, bis er schließlich zu Michels Zelle in der Psychiatrie gelangt. Und die Symbolik der Befreiung! Der Autor wird von seinem Leser aus seinem Gefängnis, dem Schwebezustand zwischen Realität und Fiktion befreit. Aus einem kranken, körperlich schwachen wird ein attraktiver, kraftstrotzender Mann. Und der Leser? Auch in ihm vollzieht sich eine Wandlung. Der passive Lesende, der Wissenschaftler wird zum Akteur, zum Befreier, zum Liebenden. Ein Autor und seine Geschichte transformieren ebenso das Leben des Lesers. Beide bedingen sich, beide erwecken sich gegenseitig zum Leben.
So alleine wie am Beginn des Buches können beide am Ende nie mehr sein. Seine Stimme und seine Hände, das sei es, sagt der Romanist, was er an Michel nie vergessen werde. Kapiert?

Eine Geschichte von gegenseitigem Geben und Nehmen, eine Liebesgeschichte.
Und wer ist hier Autor und wer ist Leser? Michel und Foucault, Michel und der Romanist, der Romanist als Ich-Erzähler und wir? Wir und?

Ach ja: und was ist eigentlich mit der Germanistin? Nur so viel: Am Ende fällt alles zurück auf unsere Titelheldin.

Patricia Duncker, Die Germanistin. 199 S., 9,90 €, dtv. 1997 auf Deutsch erschienen. Originaltitel: Hallucinating Foucault

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.