Rocko Schamoni: Fünf Löcher im Himmel

Verlebtes Leben

Wer hat den geilsten Namen, den coolsten Style und schreibt die lustigsten Bücher? Richtig: Heinz Strunk! Aber jetzt soll es um Rocko Schamonis 2014 erschienenen fünften Roman Fünf Löcher im Himmel gehen. Die Figuren dieses Werkes hätten grundsätzlich das Potential, auch in Schamonis vorherigen, urkomischen Büchern in Erscheinung zu treten und vielleicht ja mit Michael Sonntag aus Sternstunden der Bedeutungslosigkeit und Tag der geschlossenen Tür einen drauf zu machen. Doch Fünf Löcher im Himmel schlägt leisere Töne an, es trainiert nicht deine Lachmuskeln. Aber es ist auch kein spaßbefreites Buch. Obwohl es sogar großen Spaß macht, es zu lesen, bleibt am Ende nur die Frage: What the F…?!

Die Leiden des jungen und des alten Paul Z.

Paul Zech ist 67 Jahre alt und es sieht nicht gut aus in seinem Leben. Er hatte nie viel und hat alles verloren. Nachdem ihm seine wenigen Sachen unter dem Arsch weggepfändet werden, schnappt er sich eine Kiste mit Erinnerungen und bricht in eine Schrebergartensiedlung ein. Ganz so wie der junge W. in Ulrich Plenzdorfs Die neuen Leiden des jungen W. In einer Kneipe trifft er auf den Wirt Pocke, der gerade dabei ist, den lange gelebten Traum von der eigenen Kneipe zu begraben. Pocke macht die Kneipe dicht. Nach einer durchzechten Nacht der neuen Saufkumpanen macht sich Pocke auf den Weg. Wohin spielt keine Rolle. Er leiht Paul auf unbestimmte Zeit seinen japanischen Sportwagen und Pauls Reise ins Chaos bzw. zu sich selbst nimmt von nun an auf vier Rädern weiter seinen Lauf. Paul fährt los. Wohin genau spielt keine Rolle. Immer wieder greift er in die Kiste der Erinnerungen und liest in seinen Tagebüchern aus der Schulzeit. Dabei wird er mit seinem 17 jährigen Ich konfrontiert.

Und bei dem 17 jährigen Paul schien erst einmal alles ganz normal zu verlaufen. Selbstzweifel. Normal. Unsicherheiten. Normal. Bisweilen verwirrt in Liebesdingen. Normal. Mein Mitschüler Franz Keil ist viel cooler und attraktiver und reicher und souveräner als ich. Alle Mädchen lieben ihn, ich hasse ihn. Normal. Mutter abgehauen. Nicht ganz so normal, kommt aber vor. Vater dauerdicht. Auch nicht ganz so normal. Kommt aber leider sogar sehr häufig vor. Also doch fast schon wieder normal. Paul spielt in der Schule im Theaterstück Die Leiden des jungen Werther mit (da isser wieder), um seine Lehrerin, in die er heimlich verliebt ist, und seine Mitschülerin Katharina, in die er sich auch verliebt hat, zu beeindrucken.

Habe mich eben im Spiegel angeschaut. Ich bin gar nicht so hässlich, wie ich mich oft fühle. Ich bin dünn, und man kann meine einzelnen Muskeln sehen […]. Hat sie mich deswegen angeguckt, weil sie mich attraktiv findet? Haben ältere Frauen so was noch? Sie ist bestimmt schon über dreißig oder sogar noch älter. Ich finde sie trotz ihres Alters wundervoll.“

Das Hadern mit dem Schicksal (der elendigen Sau)

Im Roman werden gekonnt zwei Erzählperspektiven miteinander verwoben. Die Gegenwart, also das Leben des durch`s Land fahrenden alten Paul, wird von einem auktorialen Erzähler erzählt. Die Jugend bekommt der Leser aus erster Hand serviert, aus der Ich-Perspektive der Tagebucheinträge. Die Tragik dieses Lebens wiegt auch deshalb zentnerschwer. Der junge Paul erlebt seinen gescheiterten Vater und setzt alle Hoffnungen daran, nicht so zu enden. Der alte Paul ist längst zur Kopie des Vaters geworden. Dazwischen liegt ein Leben, dass vom Schicksal gef… wurde.

Sezen aus dem Alltag des jungen Paul:
Deprimiert vom Anblick des vollgekotzten Vaters irrt der junge Paul umher und kehrt im Holsten Eck ein. Hier ist es auch nicht besser. Wo er hinsieht, betrunkene Männer.

Die waren alle so fertig, so will ich nie werden. Wie können die sich nur so gehen lassen? […] Endet man automatisch so? Ich nicht, ich werde widerstehen. Ich werde anders werden. […] Ich habe sechs Bier getrunken und zwei Schnäpse. Um zu schauen, wie die Alten sich fühlen. Dann bin ich auf den Tisch gestiegen und habe ,Schnauze, ihr Idioten!’ geschrien.“

Das Ende des alten Paul:
Niemand endet wohl automatisch so. Aber wenn man sein Schicksal nicht permanent bei den Hörnern packt, um mit ihm zu ringen, sieht es mies aus, v.a. wenn einem das Leben schlechte Karten ausgeteilt hat. Das Leben ist ein Kampf und wer niemanden hat, der auf seiner Seite mitkämpft, und dabei einen langen Atem beweist, hat es schwer. Das weiß auch der alte Paul.

Die Zeit ist zu meinem Schicksal geworden. Wenn das damals anders gelaufen wäre, wäre ich ein anderer geworden. Ich bin nie wieder richtig in die Spur gekommen. Einmal vom Gleis runter, und du bleibst daneben. Für immer daneben.“

Das Tragische an dieser Rückschau ist, dass es nicht Paul war, der den Zug seines Lebens zum Entgleisen gebracht hat. Er hätte sein Schicksal bei den Hörnern packen können, er hätte herausfinden können, ob er vom Stapel der Spielkarten des Lebens als nächstes ein Ass zieht. Aber er wurde neben die Spur gestellt. Tragisch. Dramatisch. Ungerecht. Traurig. Aber sowas kommt vor. Normal.

Mein Leben ist der Traum eines Hirntoten. Klang gut als Entschuldigung für fast alles.“

Lebensfragen und keine Antworten

Dieser Roman ist keine 200 Seiten dick. Und doch werden darin zwischen den Zeilen große Lebensfragen gestellt: Wie viele Chancen hat jemand, der mit den besten Absichten ausgestattet zum Sprint in sein Leben ansetzt, aber in schlechte Verhältnisse hineingeboren wurde? Wenn´s mal so richtig falsch läuft, kann´s dann überhaupt wieder irgendwann so richtig richtig laufen? Was ist gerecht? Was ungerecht? Ist es vielleicht sogar zu anstrengend, permanent für sein eigenes Glück zu sorgen? Macht Liebe blind? Macht Alter sehend?

Mich hat dieses Buch geschafft. Ich hoffe im nächsten Roman von Rocko Schamoni kann wieder häufiger gelacht werden. Von mir aus auch über die, die scheitern.

Rocko Schamoni: Fünf Löcher im Himmel, 192 S., 10 Euro (Taschenbuch), Piper Verlag

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.