Roland Topor: Memoiren eines alten Arschlochs

Who the F… is Roland Topor? Roland Topor war ein echter Tausendsassa. Er wurde 1938 geboren und verstarb 1997. Beides geschah in Paris. Dazwischen war Roland Topor Maler, Dichter, Zeichner, Bühnenbildner, Dramatiker, Regisseur, Schauspieler, Liedermacher, Trickfilmer, Plakatgraphiker.

Roland Topor (Foto: © M. L. de Decker)

Roman Polanski verfilmte 1976 Topors Roman Der Mieter. Topor selbst war 1979 in Werner Herzogs Nosferatu als Schauspieler an der Seite von Klaus Kinski zu sehen und er zeichnete ein Filmplakat zur Blechtrommel von Günter Grass und, und, und… Roland Topor war also durchaus jemand. Jemand der als Kunst- und Kulturschaffender viele Fußstapfen für die Ewigkeit hinterlassen hat. Bereits 1975 schrieb er mit dem Buch Memoiren eines alten Arschlochs eine fiktive Autobiographie. Mit diesem Werk hält er dem Kunst- und Kulturbetrieb seiner Zeit einen Spiegel vor, in dem nichts als hohle Fratzen zu sehen sind. Von seiner Aktualität haben die Memoiren dieses Arschloches nichts eingebüßt. Im Gegenteil.

Was für ein Arschloch

Der fiktive Topor in Memoiren eines alten Arschlochs triezt seine Leser mit Selbstbeweihräucherungen, die einem die Luft zum Atmen rauben und das Hirn vernebeln. Dieser Topor lässt keinen Zweifel daran, dass er der Beste und der Wichtigste Mensch von allen Menschen ist. Für seine Werke – Topor ist vieles und in erster Linie Künstler – gilt das natürlich auch. Dieser Topor genügt sich selbst. Selbst zum Bauchpinseln braucht er niemanden. Denn auch diesen Pinsel schwingt der Künstler wie kein Zweiter. Dieser Topor ist weit gereist. Er hat die ganze Welt gesehen. Und dabei ist er beinahe allen namhaften Menschen seiner Zeit begegnet, die durch ihre Literatur, ihre Kunst oder ihre Musik einen Platz in den ersten Reihen der Öffentlichkeit ergattert haben.

Ich habe sie alle gekannt, alle! Und diejenigen, denen ich nicht leibhaftig begegnet bin, habe ich im Fernsehen gesehen.“

Nur damit ihr Bescheid wisst, mit wem wir es hier zu tun haben. Doch es ist nicht Topor, der sich im Licht der Berühmtheiten aus beinahe allen gesellschaftlichen Bereichen sonnt. Die anderen verzehren sich danach, in seiner Nähe zu sein. Davon ist Topor fest überzeugt. Sein Ego ist wie das Universum. Es kennt kein Ende. Es ist aber nicht nur so, dass ihn jeder bewundert, beneidet und verehrt. Beinahe jeder, der ihm begegnet profitiert von ihm, von seinem Talent oder von seiner Strahlkraft, die wie der Heiligenschein des Messias über seinem Haupt zu schweben scheint. Die Figuren-Vorlage zu Hermann Hesses Steppenwolf war Topor selbst, so Topor. Titel und Idee zu Georg Orwells 1984 stammen von Topor, so Topor. Den Kubismus hat Topor erfunden, so Topor. Der Tod von Marilyn Monroe tue ihm leid, so Topor. Denn die habe sich nur deshalb umgebracht, weil sie erfahren hatte, eines ihrer Bilder sei kein echter, sondern ein falscher Topor, so Topor. Das Tragische an der Sache, so Topor, ihr Topor war gar nicht falsch. Er war echt. Beim Lesen dieser Memoiren wird klarer und klarer: Alles was wir kennen, schätzen, lieben, brauchen, wollen, bewundern… haben wir diesem Topor zu verdanken. Doch. Wir. Danken. Es. Ihm. Nicht.

Eine Rampensau auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten

In Memoiren eines alten Arschlochs werden auf beinahe jeder Seite des Buches etliche Namen gedropped. Wäre Topor ein Rapper, wäre er der Beste! Was sonst? Alleine das Namenverzeichnis am Ende der Diogenes-Taschenbuchausgabe ist acht Seiten lang. Sehen und gesehen werden ist der Kern dieses fiktiven Lebens. Sich und sein Tun geschickt und einprägsam präsentieren und verkaufen zu können, bilden eine weitere Säule dieser Existenz. Ob man wirklich etwas kann oder ein totaler Blender ist, spielt am Ende keine Rolle, denn es geht hier viel weniger um das Werk und um das, was man schafft und tut, als vielmehr darum, das eigene Ego möglichst perfekt im Scheinwerferlicht zu platzieren. Und perfekt meint hier, von maximal vielen gesehen und gehört zu werden. Der fiktive Topor gibt für die Zukunft des Kunstmarktes eine Prognose zum Besten, die auch und gerade auf die Social-Media-Welt von heute in vollem Umfang zutrifft:

„Meiner Meinung nach ist die Kultur ein Jahrmarkt der Eitelkeiten. Manche finden Käufer, andere wieder nicht. Die Verbreitung der Kultur hängt also ganz wesentlich von der Verpackung ab. Ich wage zu behaupten, daß (sic) sich morgen die Kultur ausschließlich auf die Verpackung beschränken wird, denn schließlich ist die Verpackung kultureller als das Verpackte.“

Es geht nicht darum, dass du was kannst. Es geht darum, dass du, auch wenn du gar nichts kannst, immer so tust, als könntest du was ganz Tolles.

In the future everybody will be world famous for fifteen minutes.“

Auch dieser berühmte Satz von Andy Warhol ist längst wahr geworden. Klicks, Likes, Influencer, Spielerfrau, It-Girl, Big Brother, Dschungel – du bist, was du behauptest zu sein und nicht, was du bist. Wenn du es gut behauptest.

Wieviel Topor steckt in dir?

Dieses Arschloch hat womöglich mehr Bezug zu den heute lebenden Menschen als zu denen, über die es erzählt. Das Gepose und Getöne und Geblende hat längst die Eliten und Nischen verlassen. Wir alle tun es. Die klug, hübsch und mit ganz viel Aufwand verpackten hohlen Phrasen, sie sind mitten unter uns. Und wer frei davon ist, der lösche sein erstes Social-Media-Profil.
Der Autor Roland Topor hingegen war tatsächlich jemand. Roland Topor war keine hohle Phrase, kein Instagram-Profil, kein Blender mit hervorragenden Selbstvermarktungsskills. Roland Topor war Maler, Dichter, Zeichner, Bühnenbildner, Dramatiker, Regisseur, Schauspieler, Liedermacher, Trickfilmer, Plakatgraphiker. Und ein Meisterhumorist war er dazu, das verrät die Lektüre von Memoiren eines alten Arschlochs.

Roland Topor: Memoiren eines alten Arschlochs, 208 S., 12 Euro. Diogenes, 2017.

Die französiche Originalausgabe erschien 1975 unter dem Titel Mémoires d’un vieux con

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