Sarah Perry: Die Schlange von Essex

Ein Schatz unter Millionen

Sarah Perry schreibt uns ins Jahr 1893. Die Londonerin Cora Seaborne ist um die 30, und gerade Witwe geworden. Kein Grund für sie, von nun an ihre Tage als schwarz gekleideter Trauerkloß zu fristen. Ganz im Gegenteil: Sie erwacht zum Leben. Der Tod ihres Mannes wird für die eigenwillige Cora zum Glücksfall, zum Befreiungsschlag. Zusammen mit ihrem eigenwilligen Sohn Francis – Perry schreibt ihn als pubertierende 19. Jahrhundert-Version von Sheldon Cooper aus The Big Bang Theory, der in unserer Gegenwart vermutlich als Asperger-Autist diagnostiziert würde – verlässt sie die Metropole und bricht nach Essex in das kleine Dorf Aldwinter auf.

Denn in Essex geht die Angst um. Mehrere Bürger berichten, die Schlange von Essex – ein Monstrum aus alten regionalen Legenden – treibe nach Jahrhunderten der Abwesenheit wieder ihr Unwesen und habe sogar einen Mann getötet. Die Leute sind verschreckt und wagen sich kaum mehr aus dem Haus. Ein Nebel hat sich über die Gemüter gelegt.

Eine wie keine

Ein gefundenes Fressen für die wissbegierige Cora, die eine glühende Anhängerin Darwins und enthusiastische Fossilien-Sammlerin ist. Sie vermutet hinter der sagenumwobenen Schlange zwar kein mythisches Wesen, trotzdem glaubt sie an sie. Vielmehr hofft sie, eine neue archetypische Spezies zu entdecken und so womöglich einen Durchbruch als Forscherin feiern zu können. Deshalb stapft sie täglich und Stunde um Stunde die Küste Essex’ entlang. In schweren Stiefeln, einem Herrenmantel und mit zerzaustem Haar. Nicht unbedingt so, wie es sich für eine Vertreterin der britischen Oberschicht – und schon gar nicht für eine frischgebackene Witwe – ziemt. Aber Cora gibt nicht viel auf Konventionen und die tradierten Geschlechterrollen.

Ich habe zu lange mit Hemmnissen gelebt. Sie fragen mich, warum ich im Schlamm wühle? Weil ich es aus meiner Kindheit kenne. Ich habe kaum jemals Schuhe getragen, ich habe Ginster für den Kräuterlikör gepflückt und Teiche gesehen, die vor Fröschen brodelten. Aber dann kam Michael, und er war so…zivilisiert. Sein Bestreben war es, jedes Stückchen Wald zu asphaltieren und jeden Sperling in einen Käfig zu sperren und auf einen Sockel zu stellen. Mit mir ist er ähnlich verfahren. Meine Taille wurde eingeschnürt und mein Haar mit einem heißen Eisen gekringelt, mein Gesicht wurde abgepudert und neu aufgemalt. Aber jetzt bin ich frei und kann mich wieder der Erde zuwenden, wann immer ich es möchte. Ich kann mich von Moos und Flechten überwuchern lassen. Sie finden die Vorstellung, der Mensch könnte nicht über den Tieren stehen – und wenn, dann höchstens auf einer Sprosse auf der Leiter –, vielleicht abstoßend. Ich nicht, denn mich hat sie befreit. Kein Tier hält sich an irgendwelche Regeln, wozu sollten wir es tun?

Auf einem ihrer ersten Erkundungsgänge trifft die ebenso weise wie wilde Cora auf den Dorfpfarrer von Aldwinter, den belesenen und gutmütigen William Ransome. Der glaubt keineswegs an die Schlange und redet jeden Sonntag von der Kanzel gegen den Aberglauben seiner Schäfchen an. Obwohl Cora und Will so unterschiedlich sind, entsteht zwischen den beiden sofort eine enge Freundschaft. Eine Freundschaft auf Augenhöhe. Nicht selbstverständlich im Viktorianismus.

Sie gingen zusammen weiter, mühelos passte der eine sich den Schritten des anderen an. Will dachte bei sich, dass ihre Beine so lang sein mussten wie seine; sie waren gleich groß, vielleicht konnten sie sogar die Arme gleich weit ausstrecken.

Freunde sein

Stundenlang streiten die beiden harmonisch über ihre unterschiedlichen Ansichten. Sie werden unzertrennlich. Auch mit Ransomes elfenhafter Ehefrau Stella freunden sich Cora und ihr Sohn an.

Allerdings scheint mit Stella etwas im Argen zu liegen. Sie leidet seit Monaten an hohem Fieber, wird immer beseelter und entwickelt eine bedenkliche Affinität zur Farbe Blau. Schnell wird klar: Stella ist krank. Cora lässt ihren besten Freund, den kleinwüchsigen und genialen Arzt Luke Garrett, aus London kommen. Der wiederum erhofft sich, durch diesen Freundschaftsdienst endlich mehr als ein Freund für Cora zu werden.

Über die Seiten hinweg spinnt Sarah Perry langsam ein solches Spinnennetz an Erzählsträngen, Motiven und Themen. Immer wieder kreuzen sich die Wege der unterschiedlichen Charaktere, sie trennen sich wieder und begegnen sich auf neue Weise. Das liest sich unterhaltsam, ist aber gleichzeitig unheimlich reich an geschichtlichen sowie wissenschaftlichen Hintergründen und Anspielungen.

Wunderbares Wechselspiel

Und wie schnell, ja manchmal fast unbemerkt sich die Blätter hier wenden! Es knallen immer wieder Welten aufeinander. Und nach jedem großen Knall ist nichts wie zuvor. Das gilt für Naturwissenschaft und Religion, Religion und Aberglaube, Frau und Mann, Liebe und Freundschaft, Liebe und Hass, Arm und Reich, Adel und Unterschicht, Krank und Gesund. Man kann sich niemals sicher sein, denn Frau Perry weiß nur zu gut, wie man mit Lesererwartungen spielt. Was für ein Glück!

Genreliteratur können viele. Aber einen so außergewöhnlichen, so lebendigen und unkonventionellen Roman voller unkonventioneller Figuren schreiben nur ganz, ganz wenige. Was für ein Werk! Ich habe die störrische und schwer zu fassende Cora ins Herz geschlossen, genauso wie ihren zahmeren Freund Will, ihre sozialistische Begleiterin Martha und all die anderen Charaktere aus diesem so besonderen Figuren-Inventar. Es muss ungeheuer schwer gewesen sein, dieses volle, dichte Buch zu schreiben. Man merkt es ihm nie an. Und ich lege es jeder einzelnen Menschenseele ans Herz. Weil es so wunderbar über die Freundschaft und die Wankelmütigkeit von uns Menschen erzählt. Weil es so unkompliziert über Kompliziertes schreibt. Ein Buch wie kein anderes. Ein großer Schatz unter all den Millionen von Büchern.

Sarah Perry: Die Schlange von Essex. Eichborn, 2017. 24,00 Euro.

Auf Englisch:
Sarah Perry: The Essex Serpent. Main, 2017. 7,99 Euro.

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