Seamus Heaneys Spuren

Wenn Gedichte graben

Es passiert gar nicht so selten, dass man etwas liest, dass einen fesselt, begeistert oder sogar von den Socken haut. Mir zumindest passiert das durchaus alle paar Monate, aber nur ein sehr geringer Teil dieser Bücher, Gedichte oder Artikel bleibt bei mir, gräbt sich ein und begleitet mich von da an durchs Leben. Denn das passiert mir nur ganz selten, vielleicht alle paar Jahre.

Doch das mit Seamus Heaney und mir, das war Liebe auf die erste Lektüre. Und es hat nicht viel dazu gebraucht. Ein einziges Gedicht nur, ein paar Zeilen, eine Minute meiner Lebenszeit. Ich weiß noch genau, wie das war, als ich das erste Mal Digging gelesen habe – bis heute mein liebstes seiner Gedichte. Ich war 24, Studentin und passenderweise gerade in Irland. Spätestens beim letzten Satz – was wäre dieses Gedicht ohne seinen letzten Satz? – bekam ich Gänsehaut.

Digging
Between my finger and my thumb
The squat pen rests; snug as a gun.
Under my window, a clean rasping sound
When the spade sinks into gravelly ground:   
My father, digging. I look down
Till his straining rump among the flowerbeds   
Bends low, comes up twenty years away   
Stooping in rhythm through potato drills   
Where he was digging.
The coarse boot nestled on the lug, the shaft   
Against the inside knee was levered firmly.
He rooted out tall tops, buried the bright edge deep
To scatter new potatoes that we picked,
Loving their cool hardness in our hands.
By God, the old man could handle a spade.   
Just like his old man.
My grandfather cut more turf in a day
Than any other man on Toner’s bog.
Once I carried him milk in a bottle
Corked sloppily with paper. He straightened up
To drink it, then fell to right away
Nicking and slicing neatly, heaving sods
Over his shoulder, going down and down
For the good turf. Digging.
The cold smell of potato mould, the squelch and slap
Of soggy peat, the curt cuts of an edge
Through living roots awaken in my head.
But I’ve no spade to follow men like them.
Between my finger and my thumb
The squat pen rests.
I’ll dig with it.
(Seamus Heaney, 1966. aus: Death of a Naturalist)

 

Weil ich wusste, dass ich da etwas las, das so schlicht und einfach daherkommt, aber so echt und so wahr ist und gleichzeitig so schön. Heaneys Worte haben Kraft, Energie und ganz viel Seele. Und ich glaube, erahnen zu können, warum das so ist. Weil er immer über sich schreibt. Sein Land, seine Landschaft, seine Familie. All das, was seine Wurzeln ausmacht, was ihn ausmacht.

Schöne Worte

Vielleicht kann man nur so schreiben, so wahr und gut und schön, wenn man alles von sich preisgibt, ohne sich je zu verraten. Aus jeder Zeile hört man den nordirischen Bauernjungen heraus, aus einer Familie von Torfstechern: sein Vater war es und vor ihm dessen Vater und vor ihm wiederum dessen Vater. Bricht die Tradition mit Seamus ab? Nein: er führt sie auf seine Weise fort. Er sticht nicht mit dem Spaten, er sticht den guten Torf aus sich selbst, mit seinem Stift. Das ist das großartigste Bild, das Worte zeichnen können. Griffig, klar, so klug und doch so einfach. Ich jedenfalls würde, wenn ich mich unter all diesen Autorinnen und Autoren, all diesen Meisterinnen und Meistern, für einen Schreibstil entscheiden müsste, für eine Art, das Leben mit Worten zu beschreiben, immer die von Seamus Heaney wählen.

Seamus Heaneys Heimat – Bellaghy, ein Dorf in Nordirland.

Als ich in Nordirland war (vom Zauber der Causeway Coast und den Game of Thrones-Drehorten habe ich euch bereits erzählt), wollte ich natürlich auch die Heimat Seamus Heaneys besuchen. Im kleinen Ort Bellaghy befindet sich sowohl sein Grab als auch ein Museum, das sich dem Leben und Schreiben des Literatur-Nobelpreisträgers widmet und erst 2016 eröffnet wurde.

Raum für ein Leben

Ein magisches Museum. Es blickt hinter die Werke Heaneys und in seine Biographie, ohne voyeuristisch zu sein. Man erfährt, was und wer ihn zum Autor gemacht hat, sieht seinen Schreibtisch, hört seine Stimme und geht dem Zauber seiner Gedichte auf den Grund.

Ein Museum voller schöner Sätze.

Auch wer nie ein Wort von Heaney gelesen hat, oder nicht einmal seinen Namen kennt, darf hier in seine Welt treten und wird sich sofort zurechtfinden. Literaturmuseen können ja sehr bedeutungsschwer und hochtrabend und staubtrocken daherkommen. Das hier ist das genaue Gegenteil und deshalb ein großes Glück. Aber diese Eigenschaften hat es auch mit seinem Schriftsteller gemeinsam.

Mit Worten spielen

Nach dem Museum wollte ich unbedingt noch Seamus Heaneys Grab besuchen. Ich fand es ganz unscheinbar in einer Ecke des Friedhofs und sehr schlicht.

Am Friedhof von Bellaghy.

Wie hätte es anders sein sollen? Und ein einziger Satz steht darauf:

Walk on air against your better judgment.

Walk on air against your better judgment – lauf’ auf Wolken, obwohl du’s besser weißt.

Ein weiterer Satz von Heaney, der mich den Rest meines Lebens begleiten wird.

Viele weitere schöne Sätze und Worte von Seamus Heaney findet ihr in Opened Ground, einer Sammlung seiner Gedichte von 1966 bis 1996. Mein liebster Band ist sein erster: Death of a Naturalist, das mit dem großartigen Digging beginnt und bereits alles sagt:

Between my Finger and thumb
The squat pen rests.
I’ll dig with it.

Sehenswert:
Seamus Heaney Homeplace in Bellaghy

Leseempfehlung:
Seamus Heaney. Opened Ground. Poems 1966–1996. Farrar, Straus & Giroux, 1999. 16,99 Euro.
Seamus Heaney. Death of a Naturalist. Faber and Faber, 2006. 9,99 Euro.

Wer den Einstieg lieber auf Deutsch nimmt, ist hiermit hervorragend bedient:
Seamus Heaney, Michael Krüger. Die Amsel von Glanmore: Gedichte 1965-2006. Fischer, 2011. 16,99 Euro.

 

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