Simon Strauss: Sieben Nächte

Keiner tätowiert sich Wu-Tang auf’n Arsch

Nimm die 140 Seiten schlanke Erzählung Sieben Nächte von Simon Strauss in die eine Hand und lass die Seiten des Buchblocks am Daumen der anderen Hand vorbei fliegen. Sage irgendwann: Stopp. Fahre bei geschlossenen Augen mit dem Zeigefinger über die Seite bei der du gelandet bist. Sage irgendwo: Stopp. Ich behaupte, die Wahrscheinlichkeit liegt bei nahezu 100 Prozent, dass du jetzt einen Satz liest, über den du sehr, sehr lange nachdenken kannst. Das literarische Debüt Sieben Nächte, des 1988 geborenen FAZ-Redakteurs Simon Strauss, gibt unserem Hirn ordentlich Futter und bringt es beinahe zum Platzen.

30 sein ist nicht schwer, 30 werden dagegen sehr

Der Erzähler und Protagonist in Sieben Nächte ist ein kluger, immer ehrgeiziger und erfolgsverwöhnter junger Mann, angepasst, kein Draufgänger. Und genau diese andauernde Abwesenheit von Ungewissheit und Problemen ist sein Problem. Der 29-Jährige ist gelangweilt von einem Lebensweg der bis ins Kleinste vorgezeichnet zu sein scheint. Karriereleiter erklimmen, sich für eine Frau entscheiden, Urlaube planen, Autos kaufen, Immobilen kaufen, Geld, satt, fertig. Diese Angepasstheit langweilt und verunsichert ihn aber nicht nur, sie macht ihm auch Angst. Und genau diese Angst ist es, die ihn antreibt, vor seinem 30. Geburtstag etwas Außergewöhnliches zu tun. „Ich habe Angst vor Eheverträgen und stickiger Konferenzluft. Angst vor Gleittagen und dem ersten vorgetäuschten Lächeln. Angst vor dem Ende des freien Lebens, vor Festanstellung, Rentenversicherung, Spa-Wochenende im Mai. Angst vor dem Lebenslauf, vielleicht. Deshalb diese Nacht. Deshalb dieses Schreiben.“

Sieben Todsünden als Lebenselixier

Es kommt ein Jemand auf ihn zu, der zunächst nicht näher benannt wird. Der fordert den Protagonisten auf, sich in sieben Nächten jeweils einer Todsünde zu stellen und seine Erlebnisse zu notieren. Der noch nicht 30-Jährige soll hochmütig sein, der Völlerei frönen, faul, habgierig und neidisch sein. Er soll sich der Wolllust hingeben und Jähzorn zulassen. Der Angepasste, immer nur von der Revolution Träumende aber sie nie Anführende, lässt sich auf diesen Deal ein, und ich kann nicht anders, als an Goethes Faust und den Pakt mit dem Teufel zu denken. Der eine will wissen was die ganz große Welt im Innersten zusammenhält, der andere will den vorbestimmten Kitt für seine klitzekleine Welt mit etwas Wasser verdünnen und schauen was geschieht. Das Spiel beginnt.

Der einzige Kampf, der jetzt noch lohnt, ist der ums Gefühl. Die einzige Sehnsucht, die trägt, ist die nach dem schlagenden Herz.“

Bei der Durchführung der Todsünden kommt niemand zu Schaden, keiner wird verletzt oder stirbt. Der Protagonist tut einfach Dinge, die nicht zu ihm passen, besucht Orte und Etablissements, in die er nicht gehört, die er in einem Leben ohne Spiel niemals besuchen würde. Er stürzt sich als Extremsportler, der er nicht ist, von einem Hochhaus Hundertfünfzig Meter in die Tiefe, denn:

Der Hochmut kommt nach dem Fall.“

Danach lässt er sich darüber aus, wie viel besser er ist, als all die anderen. „Klar ist, dass ich es besser könnte. Ich könnte zum Beispiel besser reden als sie. […] Mir würde man zuhören bis zum letzten Halbsatz. Ich würde so reden, wie andere die Neunte von Bruckner dirigieren oder im Fußballstadion den Torschützen ankündigen.“

Für die Völlerei geht er in ein Restaurant. Faulheit betreibt er Zuhause. Auf der Trabrennbahn versucht er es mit Habgier. Neid will er in der Unibibliothek begegnen. Für die Wolllust besucht er eine Art Maskenball. Jähzorn findet er bei einer Autofahrt mit einem Freund. Es ist der Freund, mit dem er diesen Deal gemacht hat.

Gelangweilte Generation

Beim der Annäherung an die Todsünden ist der Erzähler vielmehr ein passiver Beobachter derer, die diese Sünden – wenn man sie überhaupt so nennen kann – tagtäglich begehen, weil sie sind, wie sie sind. Sie sind fett, sie sind faul, sie sind triebgesteuert, arrogant und dergleichen mehr. All das ist nicht erstrebenswert. Auch nicht für einen Endzwanziger, der Angst vor der Langeweile des Lebens hat. Aber den Wunsch etwas fühlen zu wollen, etwas das neu, manchmal groß, überraschend – und im besten Fall ab und an sogar überwältigend – ist, ist mehr als nachvollziehbar. Es drängt sich die Frage auf, wieso viele und ja, vielleicht sogar auffällig viele junge Menschen, diesem Streben nach Gefühl aktiv entgegenwirken, indem sie sich passiv der 0/8/15-Biographie intelligenter Wohlstandsstrebender hingeben. Langeweile und Zukunftsangst sind oft auch hausgemacht. „Keiner tätowiert sich Wu-Tang auf`n Arsch“, heißt es in dem Track Kids (2 Finger an den Kopf) von Rapper Marteria, veröffentlich 2014.

Keiner will mehr ballern, treffen um zu reden
Keiner macht mehr Malle, alle fahren nach Schweden
Jeder liebt die Bayern, vor’m Essen beten
Leben die kleinen Träume, verbrennen die großen Pläne“ (Marteria)

Keiner muss sich Wu-Tang auf den Arsch tätowieren lassen. Aber es muss auch keiner damit aufhören, ab und an so lange wach zu bleiben, bis die lila Wolken kommen. Wir sollten aufhören alle das gleiche Leben leben zu wollen. Karriereleiter erklimmen, sich für eine Frau oder einen Mann entscheiden, Urlaube planen, Autos kaufen, Immobilien kaufen, Geld, satt, fertig. Den wenigsten gelingt es so zu leben. Und viele derer, die so leben, sind nicht zufrieden. Und die, die doch genau damit zufrieden sind, die sollten es auch sein und aufhören zu rennen. Das Gefühl, dem der Protagonist dieses Buches nachjagt, sollte auch unser Ansporn sein. Gefühle statt Geld. Ach, vielleicht sollten wir uns doch alle Wu-Tang auf den Arsch tätowieren lassen, mehr Wein trinken, unordentlich sein und dafür ausschlafen, Aufträge auch mal absagen, nur die fünftteuersten Sneakers im Laden wollen und dann doch nicht kaufen. Just do it. Do nothing. Or die.

Simon Strauss: Sieben Nächte, 144 S., 16 Euro. Blumenbar, 2017

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