Spätsommer vs. Frühherbst – Grüße aus der Zwischenwelt

Wir müssen über das Wetter reden! Wieso, langweile ich dich?

„Mensch, is echt noch schön so. Das Wetter.“ „Jaja, echt. Echt noch schön warm.“ „Fast bisschen zu warm für die Jahreszeit.“ „Stimmt. Wird noch früh genug kalt, gell.“ Wenn sich Gesprächspartner so gar nichts mehr zu sagen haben, oder noch nie etwas zu sagen hatten, dann muss oft das Wetter als Thema herhalten. Ich finde das ist ungerecht – und zwar dem Wetter gegenüber. Entweder die Gespräche verlaufen ungefähr so:

Saugeil, dieser September. Echt. Mega!“ „Ja voll! Ich fass das nicht, dass das jetzt echt noch so krass warm ist.“ „Heiß, Alter! Es ist heiß?“ „Stimmt, Digger. Es ist echt noch megaheiß.“ „Hoch die Tassen! Auf den September!“ „Auf die Septembersonne. Prost.“ „Prost!“

Oder – also wenn das Wetter nicht so oder ähnlich euphorisch besprochen werden kann – man lässt die Finger von diesem Thema und missbraucht es nicht als Lückenfüller für jede, aber auch wirklich jede runtergewirtschaftete Konversation. Warum? Darum! Wir sind umgeben von Wetter, umzingelt gar. Es ist lau, warm, heiß, diesig, regnerisch, kühl, kalt, nass, nasskalt, stürmisch, böig und so vieles mehr. Aber es ist nicht „ganz schön“ oder „echt schlecht“. Und selten ist nur Frühling, Sommer, Herbst oder Winter. Was ist denn zum Beispiel jetzt gerade? Herbst! Warum? Weil der meteorologische Herbst am 1. September beginnt? Und der kalendarische Herbstanfang am 22. September? Und jetzt ist ja schon Ende September bzw. so gut wie Oktober. Ich war aber in diesem Jahr am 12. und am 13. und am 14. und am 15. September zur Mittagspause immer im Freibad. Und Freibäder sind ja eher so ne Sommersache. Stimmt’s? Jetzt lass doch das Wetter mal aus deiner Engstirnigkeitskiste!

Die Herbstdepression ist noch in den Sommerferien

Viele Menschen packen ihre Herbstdepression schon aus, bevor der Herbst sich selbst so richtig ausgepackt hat. Wenn ich am 15. September bei 28 Grad im Bikini mit nem Buch auf ner Decke im Freibad liege und mich ab und an im kühlen Nass erfrische, dann ist es mir egal, wenn im 20-Minuten-Takt ein braungefärbtes Blatt vom Baum über mir auf mein Handtuch segelt. Wenn Mitte August bei 32 Grad die Leute um mich rum ein kühles Bierchen in der einen, das Grillbesteck in der anderen Hand schon ausgiebig bejammern, dass der Sommer nun ja auch schon wieder so gut wie rum ist, dann verjage ich die Fliegen, wische mir den Schweiß von der Stirn und schüttele innerlich den hitzigen Kopf. Jaja, der Herbst wird kommen. Und der Spätsommer ist offiziell auch schon vorbei. Aber der gefühlte Sommer, der war in diesem Jahr sehr, sehr lange. Manchmal, mittags, wenn die Sonne am höchsten steht, kann ich ihn immer noch spüren, den Sommer 2016. Und der hatte ja zu seiner kalendarischen und meteorologischen Hochphase nen eher schlechten Ruf. Der Frühherbst zeigt sich also von seiner goldigsten Seite. Und wenn’s dann so richtig losgeht mit dem Herbst, dann sollte man alles, also wirklich alles, was damit zu tun hat, auf die Pro-Herbst-Liste packen. Spaziergänge in buntem Laub (jaja, mach ich wirklich oft), bei Regen im Café verschwinden (mach ich für Stunden und Stunden und Stunden), bei Sturm mit selbstgestrickten Socken („selbst“ meint hier Menschen, die ich kenne, und nicht mich) bei aufgedrehter Heizung auf dem Sofa abhängen, Netflix schauen oder lesen oder stundenlang mit den Freundinnen telefonieren oder ausmisten oder sich neu in seine Wohnung verlieben.

Was’n mit mir jetzt los? Scheint mir wirklich immer die Sonne aus’m Arsch? Nein natürlich nicht. Aber wenn was ist, hat das bei mir meist nichts mit dem Wetter zu tun. Das Wetter oder vielmehr der Wetterwechsel bestimmen mein Handeln, geben den Takt und die Halbwertszeit für Aktivitäten vor. Pflanzen pflanzen kannste nicht immer machen. Baden gehen auch nicht. Schneemann bauen auch nicht. Nervige Freunde mit Kastanien bewerfen auch nicht. Aber das, das ist doch so richtig geil, oder? Mega! Wirklich voll gut!

Ich wünsche einen goldigen Herbst mit viel Sonne und etwas Regen (um mal wieder aufräumen zu können) und etwas Sturm (weil’s schon auch irgendwie romantisch ist) und nicht wieder den Winter einläuten, wenn der selbst noch am Sockenstricken und noch lange nicht bereit ist.

(Foto: Jacob Sapp/Unsplash)

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.