Steve Katz: New York Tingel Tangel

Kawumm! Ein Buch wie ein alles durchdringender Schrei

Literaturbloggern wird ja gerne mal vorgeworfen, sie würden nichts anderes tun, als nur jeweils den Plot von Büchern nachzuerzählen. Zum Glück gibt es Bücher wie New York Tingel Tangel von Steve Katz. Es ist mir absolut unmöglich, diesen Plot wiederzugeben. Dieser Roman verweigert sich jeder Stringenz. Die Erzählperspektive wechselt auf den nur einhundert Seiten permanent zwischen den einzelnen Figuren hin und her. Beinahe jeder eingeführte Name gehört zu den Hauptcharakteren und der Erzähler stellt sich mal hinter den einen, mal hinter die andere, um das Wirrwarr des Geschehens aus den unterschiedlichsten Köpfen heraus zu schildern.

New York Tingel Tangel erschien bereits 1962 unter dem Titel The Lestriad. Es ist ein avantgardistisches, ein rasant erzähltes Buch. Wahn und Wirklichkeit, so scheint es, umgarnen sich, wechseln sich ab. Filmsequenzen werden nacherzählt und dann, so scheint es, in die Gegenwart der Figuren gezerrt, um, so scheint es weiter, eine Weile in deren Realität zu verharren. Die Erzählebenen erfahren Brüche und auch die erzählte Zeit kommt ins Wanken. Alles spielt irgendwie in einer Nacht. Aber eben nur irgendwie. Michael und seine Geliebte Moira sind im Kino, dann beim Essen und dann auf einer Party. Es gibt einen Ritter, der begegnet einem zunächst im Kino, genauer in dem Film, den das Paar sich ansieht. Wenig später taucht ein Ritter in der Realität der Figuren auf. Auch er ist erst auf der Party und schleppt sich dann durch die Nacht. Er sucht seine Lanze und seinen Streitkolben. Gesucht wird hier ohnehin sehr viel und keiner ist wirklich zufrieden mit dem, was er hat und mit dem, was er ausstrahlt.

Sex, Körper, Gewalt – der Mensch als Tier

Es geht heiß her in dieser Nacht. Alle Männer verehren Moira. Sie ist die einzige weibliche Figur in diesem Treiben. Sie ist das fleischgewordene Begehren, sie wird übersexualisiert, jeder will sie haben und beinahe jeder hatte sie schon. „Sie trug das Image der Tugendhaftigkeit genau wie das der Hure“, beschreibt eine Gestalt aus der Nacht seine zurückliegende Erinnerung an die Schöne. „Denn jeden Frühling, seit ich sie kenne, bin ich immer zu Moira zurückgekehrt, damit sie die Sahne abschöpfen kann“, erzählt ein Dichter in seinen Aufzeichnungen. Dass die Männer den Vorstellungen der Herzdame nie genügen, und dass diese Gefühle hat und als mehr als nur der Männertraum wahrgenommen werden will, wird ganz am Ende klar, als sich der Erzähler hinter sie stellt und aus ihrer Perspektive zu erzählen beginnt. „Also gut, dann erzähl mal. Ich schlafe also mit jedwedem Mann,“ beschwert sie sich bei Michael, der auch nicht an ihre Vorstellungen von einem echten Kerl heranreicht.

Sie verachtete die Femininität von Männern.“

Während anhand der weiblichen Protagonistin Begehren und Wolllust abgearbeitet werden, dienen die männlichen Figuren beinahe allesamt als Spiegelfläche für die Angst vor dem Altern und die Unzufriedenheit mit der Selbstwahrnehmung. Michael ist Moira zu feminin. Aber wie sieht er sich selbst?

Er wollte um seine eigene Kraft wissen, ohne ihre Legitimation.“

Der Körper Michaels ist schwächlich und schwach. Außerdem ist Michael, und auch das hat er mit vielen der männlichen Figuren in New York Tingel Tangel gemein, gelangweilt. Das Personal ist gut situiert. Und wer alles hat, ist schnell unzufrieden. „Er wurde seiner Gelüste überdrüssig, ebenso des Reichtums seines Vaters und all der Empfindungen des Lebens, die ihm beständig auf den Lippen zerplatzten. Er wollte arbeiten – und Angst haben.“ Langeweile zu umgehen kann gefährlich enden. „Hast du jemals daran gedacht, deinen Bruder umzubringen?“ fragt Lincoln, Michaels Bruder, den eigenen Vater auf der Feier. Wenig später steht geschrieben:

Lincoln stieß ein Tranchiermesser neben dem Schlipsknoten in den Hals seines Bruders.“

Ob diese mitten im Plot erzählte Szene Teil des Wahns oder der Wirklichkeit ist, lässt sich nicht mit Gewissheit sagen. Genauso wenig, wer denn nun eigentlich der Ritter ist, der durch den Roman läuft und seine Lanze und seinen Streitkobeln sucht. Ob er das Gesuchte wirklich findet, wird nicht klar. Klar ist ohnehin nur, dass nichts klar ist.

Hunderte Bücher gelesen und keines ist wie dieses

Dieses Buch ist absolut zu empfehlen und das, obwohl die Handlung kaum zu rekonstruieren ist. Beim Lesen verliert man sich ständig in den Fallstricken des Plots. Wo sind wir jetzt? Wo waren wir eben noch? Kommen wir hierhin wieder zurück? Passt dieses Teil ins Puzzle, oder wird auch das ein Rätsel bleiben. Es gibt eigentlich nur Fragen und keine konkreten Antworten. Und dennoch, oder gerade deswegen, kommen diese hundert Seiten wie ein lauter Schrei daher: READ THIS! scheinen die Seiten zu fordern. Aus der Hand legen kann man das Buch nicht, hat man erst einmal angefangen es zu lesen. Es ist laut, schnell, wirr, sexy, brutal, verstörend, rätselhaft und in jeder dieser Nuancen gnadenlos. Dieses Buch ist das Gegenteil von Langeweile. New York Tingel Tangel ist irre gewordene Literatur und vor allem ist es irre gut. Wie oft passiert es schon, dass man ein Buch liest und sich am Ende denkt: Fuck! Was war das denn! So etwas habe ich wirklich noch nie gelesen. Also, lesen! Und wenn ihr die Lanze und den Streitkolben gefunden habt, dann sagt mir Bescheid. Ich habe da zwar so eine Vermutung, aber ich bin mir nicht sicher, denn klar ist ja nur, dass nichts klar ist.

Steve Katz: New York Tingel Tangel, 101 S., 10 Euro. Louisoder Verlag. Erschienen 2016. Erstveröffentlichung 1962 unter „The Lestriad“, Edizioni Milella.

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