Streitgespräch #2: Gedichte

Wir müssen über Poesie sprechen

Koepfe_rund_UHeike, ich verstehe wirklich nicht, warum Du keine Gedichte magst. Also, wirklich überhaupt nicht. Eigentlich ist ein Gedicht doch wie ein Songtext. Es bringt ein Gefühl auf den Punkt. Punkt. Und Songtexte zitierst Du ja in Dauerschleife. Was macht bei Dir also den Unterschied?

Koepfe_rund_HLiebe Ulla, als wir einander zwei Jahre kannten (und man darf sagen, wir kannten uns gut), kam unsere Blog-Idee ganz plötzlich ins Wanken. Und ich würde sagen, schuld dran bist du! Gedichte: ja oder nein, lautete die konzeptionelle Gretchenfrage. „Machen wir nicht“, meinte ich. „Machen wir eh“, meintest du. Und jetzt hab ich den Buchstabensalat. Können wir bitte wenigstens das DADA-Zeug weglassen? Und dass du gleich mit den Songtexten anfängst, um meine Gedichtabneigung zu entkräften, ist ebenso clever wie perfide. Du weißt, wie sehr ich v.a. die Songs oder Texte – wenn du so willst – von Thees Uhlmann oder Die höchste Eisenbahn liebe. Und weißt du auch warum? Genau, weil sie GESUNGEN werden. Mit Gedichten wird man alleine gelassen. Oder sie werden VORGETRAGEN. Ich weiß nicht, was ich schlimmer finde.

Koepfe_rund_UVielleicht hast Du ja immer nur die „falschen“ Gedichte gelesen. Natürlich gibt’s da absoluten Schrott. So „Ich bin klein, mein Herz ist rein“-Poesie finde ich auch eher mau. Und ich rede auch nicht von diesen Gedichten, die auf Omas 80. Geburtstag vorgetragen werden. Überhaupt finde ich, dass ein Gedicht meistens besser ist, wenn es sich NICHT reimt. So fett sind die Reime nämlich meistens nicht. Also, außer jemand wie Schiller oder so war am Werk. Aber Du willst ja jetzt wohl nicht ernsthaft was gegen Schiller sagen, oder? Oder?

Also hmm… wie sag ich das jetzt am besten? Wenn schon Gedichte, dann doch bitte Koepfe_rund_Hunbedingt mit Reimen! Schiller? Gerne. Kästner? Ja, ja. Heinz Erhard? Auf jeden Fall! Bjarne Mädel? Unbedingt. Aber diese reimfreien Bilder, die sich so bedeutungsschwer aneinander reihen. Och nö. Bitte nicht.

Koepfe_rund_UWhat about Hip Hop, meine Liebe? Da stehst Du doch drauf. Und die edlen Damen und Herren des SPRECHgesangs (ich behaupte, den GESANG kann man da vernachlässigen) reimen ja wohl, als würde ihr Leben davon abhängen und tragen das oft auch SEHR bedeutungsschwer vor. Ich würde sagen, das ist moderne Poesie.

Reime werden abgenickt und zwar im Beat! Aber auch im Wort Sprechgesang Koepfe_rund_Hbegegnet uns wieder das Wort Gesang, was die Sache für mich so interessant macht. Ich setze mich nicht hin und rezitiere die Texte von Casper oder Marteria. Bass! Bass! Ich brauche Bass! Bei einem Film lese ich ja auch nicht nur das Drehbuch und sage dann: Oh, ein sehr schöner Text. Wirklich. Sehr schön. Nein, ich schaue den Film! Ich höre den Song! Und ich – gähn – lese das Gedicht – nicht!

Koepfe_rund_UOkay, lassen wir das mal so stehen. Aber es ist kompletter Kokolores, dass Gedichte automatisch schwülstig und pathetisch daher kommen. Les doch mal Joachim Ringelnatz, das ist witzig! Oder Robert Gernhardt. Oder Ernst Jandl. Ich mein ja bloß. Lyrik kann auch Sex, Drugs and Rock ’n‘ Roll. Blätter mal rein in „Howl“ von Allen Ginsberg oder Charles Bukowski. Das hat auch BASS. Und bei den Morgue-Gedichten von Gottfried Benn kann einem vor lauter verbaler Gerichtsmedizin auch mal schlecht werden.

O-ha, Hausaufgaben. Ich kann mich schon mal hinsetzen und da überall hineinlesen. Koepfe_rund_HTheoretisch zumindest, denn praktisch blockiert mich bereits genau diese Vorstellung: Ich setze mich hin und lese ein Gedicht. Und dann noch eins. Und noch ein drittes. Und vielleicht noch ein viertes und so fort. Ganz so wie der Griff in die Pralinenschachtel beim Fernsehen. Konsumiert man Gedichte wie Serien-Episoden oder Kurzgeschichten? Oder liest man ein Gedicht, klappt dann das Buch zu, hebt den Kopf seitlich halbhoch in irgendeine Richtung und denkt mit gekräuselter Stirn über das Gelesene nach? Ulla, ich weiß einfach nicht wie man Gedichte liest!

Koepfe_rund_UIch weiß nicht, wie ‚man’ Gedichte liest. Da gibt’s kein Regelwerk. Ich glaube, ich kräusele dabei nie die Stirn. Außer vielleicht, weil ich grübele, warum Dir das jetzt nicht gefällt. Ich persönlich lese nicht mehrere hintereinander. Aber Heike: Learning by Doing, probier’s mal aus. Eins noch zu Deiner Beruhigung:
Selbst wenn es um Liebe und andere große, wuchtige Gefühle geht, bringt ein guter Dichter das so hin, dass zwischen den Zeilen nicht der Schleim heraus trieft. Darum geht es ja bei Literatur: Die Besten können jedes Thema so verpacken, dass man’s einfach geil findet und sie nicht gleich auf Nimmer-Wiedersehen in die Kitsch-Schublade steckt. Und manchmal gehen die Gefühle eben mit einem durch. Aber wenn die Worte wie Gefühlsbomben einschlagen, so wie bei Else Lasker-Schüler, dann muss man schon ein Herz aus Stein haben, um da nicht schwach zu werden.

Ulla, ich bitte dich, jetzt steht hier Schwarz auf Weiß, Koepfe_rund_Hich hätte ein Herz aus Stein.

 

Koepfe_rund_UNö, eben nicht. Oder hast Du etwa heimlich Else Lasker-Schüler gelesen? Aber Poesie kann eben wirklich alles, das wollte ich damit sagen. Das ist ein echt wandlungsfähiges Genre. Vielleicht sogar das ultimative. Poesie kann auch Politik. Les mal die Naturlyrik der DDR. Ja, die NATURlyrik. Da geht’s eigentlich um was ganz anderes. Verpackt in perfekte Symbole. Sarah Kirsch zum Beispiel ist für mich die Größte. DIE GRÖSSTE.

Beim Stichwort Naturlyrik sehe ich mich wieder im Deutsch-Leistungskurs oder in der Koepfe_rund_HUni-Vorlesung Romantik, wie ich mit Krämpfen und schmerzverzerrtem Gesicht leicht dösig vom Stuhl unter den Tisch gleite. Naturlyrik? Echt jetzt, Ulla? Wir besprechen in unserem gemeinsamen Projekt nicht nur Lyrik, sondern auch Naturlyrik? Naturlyrik finde ich am schlimmsten, auch wenn es da gar nicht um Natur, sondern um Politik oder Liebe oder Glück geht.

Koepfe_rund_UIch gebe zu: Schule und Uni tragen nicht unbedingt dazu bei, dass Gedichtelesen „the new shit“ wird und viral geht. Aber Lyrik macht Spaß. Sie gibt Rätsel auf, man wird zum Detektiv. So viele versteckte Hinweise, Symbole, falsche Fährten. Und manchmal gibt’s auch keine Lösung. Dann macht’s trotzdem noch Spaß, weil es einfach traumhaft klingt. Georg Trakl zum Beispiel: Der konnte Bilder aus Worten malen. Und kein Schwein kapiert, worum’s geht. Aber das ist mir als Schwein auch wurst: weil’s sooooo schön ist.

Koepfe_rund_HJa, auch wenn man sich Paul Celans Gedichte intensiver anschaut – hab ich mal gemacht, bitte fragt nicht weiter – kommt man schnell zu deinem Trakl-Schluss. Man bekommt einfach nicht so leicht die Info, worum es geht. Dass Gedichte auch Spaß machen können, da muss ich dir natürlich schon auch recht geben. V.a. seit man keine a’s und b’s mehr hinter die einzelnen Verse schreiben muss. Hier eins meiner liebsten Spaßgedichte, oder mein liebster Spaßaphorismus, von Bjarne Mädel:

Glück reimt sich nicht auf Leben. Naja, so ist das eben.

Koepfe_rund_USiehste, ein Anfang ist gemacht! So, Heike, jetzt kommt mein absolutes Killer-Argument. Mach Dich auf was gefasst. Ich werfe einen Namen in den Ring: Thees Uhlmann. Du liebst Thees Uhlmann, richtig? „Ich sang die ganze Zeit von Dir“ seiner Band Tomte ist ein Liebeslied. Ein schönes. Wenn man den Text liest, hat man ein Gedicht vor sich. Eindeutig. Was sagst Du jetzt? Ich sage: Du himmelst einen Dichter an und hast es nicht mal gemerkt. Du stehst auf Gedichte und hast es nicht mal gemerkt. Ha! Heike ist verliebt in einen Dichter, Heike ist verliebt in einen Dichter!

Bin ich gar nicht! Koepfe_rund_H

Koepfe_rund_U Bist du wohl!

 

 

Koepfe_rund_H

Ja ok, stimmt… Aber zurück zum Thema: Ich singe. Du singst. Er singt. Da haben wir`s wieder. „Manche singen von Liebe. Ich sang die ganze Zeit von dir.“ Das sind zwei sehr schöne Sätze. Da hast du recht. Und sie gehören gesungen. Häufig ist es so, dass mir bei Bands, die mir gefallen, der Satz über die Lippen kommt: „…und die Texte sind halt echt auch so richtig gut.“ Aber es sind eben Songtexte, die gesungen gehören und keine Gedichte, die solange im Regal verstauben, bis jemand wie du sich mit ner Tasse Tee in der Hand denkt: „Ich könnte mal wieder im Sessel sitzen und ein Gedicht lesen. Oder zwei. Oder drei.“ Und jetzt noch ein Real-World-Beispiel: Seit die Songtexte von Tocotronic immer mehr wie Gedichte daherkommen, also so seit dem weißen Album, gefällt mir deren Musik nicht mehr so sehr. Poetry killed the video star! Word. I’m out!

(Fotos: (groß) Lauren Peng/Unsplash; (klein) Georg Stanka)

3 thoughts on “Streitgespräch #2: Gedichte

  1. littlesis

    Sehr unterhaltsam, euer Poesie- Battle. Mehr davon! Ich finde Gedichte manchmal gut. Vielleicht ja, weil ich HipHop mag

  2. Peter

    Liebe Ulla, liebe Heike,

    nun misch ich mich in euer Streitgespräch ein. Lyrik hü oder hott??!!

    Liebe Heike, ich muss meiner Tochter, obwohl sie es nicht nötig hat, zur Seite springen, den Gedichten das Wort reden. Wo andere einen ganzen Roman schreiben, da schlagen Gedichte wie eine Bombe ein, da wird das Wesentliche in zehn, zwanzig Zeilen gesagt. Als Beispiel das Gedicht von Ludwig Fels aus den frühen Siebzigern:
    „Reinfall
    Ich bin hineingefallen/in die Zeit der großen Scheine/der kleinen Brötchen und/der bösen Leute./Ich fühl mich als hätt ich Dreck am Stecken./Kniefälle mußte ich lernen/und die Hände ausstrecken/als wär ich zum Leiden geboren./Nach unten gestoßen und nach oben gesprungen/so bin ich gelandet/auf schlüpfrigem Parkett, wo auch tagsüber/der Kronleuchter in Flammen steht./Zu heiß gebadet, wurde ich abgebrüht./Ich bin hineingefallen/in die Zeit der Wiederholungen/der ewigen Fortsetzungen und/der Vertröstungen auf später./Ich hab dazugelernt/ich darf jetzt Türen öffnen/und stockdunkle Räume erklären./Schön sind die Aufgaben/die mir zugefallen sind.“
    (aus Ludwig Fels „Vom Gesang der Bäuche Ausgewählte Gedichte 1973 – 1980“ Sammlung Luchterhand, Oktober 1980.

    Gedichte müssen ja nicht gefallen, aber solche wie dieses sind zeitlos, sie singen von einer Wirklichkeit, die vielleicht nur in ein Gedicht passt!

    Euer Magazin ist Klasse, witzig, spritzig, man spürt eure Leidenschaft für das Wort. Haltet bloß nicht die Klappe!

  3. Motte

    „Because the night belongs to lovers“ von Patty Smith war ( zumindest für mich und zugegeben vor Äonen ) so etwas wie das Anstossen des Uhrenpendels,wenn es um Lyrik und/oder Songwriterpoesie geht. Von diesem Zeitpunkt aus konnte ich plötzlich Punkte verbinden,gleich einer Landkarte auf der die Reissnägel weit voneinander gesteckt,imaginäre Fäden ganz ohne Intension oder Vorstellung Konnektionen ergaben,welche ähnlich einem Storchschnabel eine wunderbare und farbige Projektion von Songtexten zur Lyrik in absoluten Gleichklang katapultieren.
    Niemals möchte ich dieses Erlebnis missen,eröffnete es mir doch ganz neue Welten und Zugänge zur Sprache als Verbindung zu allem,was sich vom Buchstaben zum Worte formt.
    Euer Streitgespräch fand ich ganz wunderbar zu lesen,zeigt es doch,dass Seilziehen mit Wörtern immer eigentlich nur eines ergibt,nämlich Verbindung oder sogar Verbundenheit.

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