Streitgespräch #4: Seitenweise Spleens

Lesen und lesen lassen

Heike, eines der ersten Dinge, die ich über dich erfahren habe, war: Du leihst dir niemals Bücher aus. Wenn du eines liest, willst du es besitzen. Ist ja nicht so, als könnte ich das gar nicht nachvollziehen. Ich finde auch, dass man niemals genug Bücher besitzen kann, aber warum bist du da gar so rigoros? Und warum gilt das nicht auch umgekehrt? Verleihen tust du sie ja ohne Murren.

Ah… naja… Ohne Murren stimmt leider nicht so ganz. Der andere bemerkt es vielleicht nicht, aber mein Griff am Buch lockert sich nur sehr, sehr widerwillig. Ich verleihe Bücher. Klar. Bin ja kein Arsch. Aber ich habe immer Angst, dass ich vergesse, wem ich was geliehen hab, und dass der dann vergisst, dass er sich das Buch geliehen hat und schwups, eins weniger. Keine schöne Vorstellung. Dass ich mir selbst keine Bücher ausleihe, hat damit aber nix zu tun. Ich will die Schätze einfach im Regal stehen haben, wenn ich damit durch bin. Das ist, wenn du so willst, meine Macke.

Ich leihe ja schon hin und wieder mal ein Buch aus. Gerade liegt auf meinem Lesestapel Der menschliche Körper von Paolo Giordano, das ich mir bei meinem letzten Besuch in deiner Wohnung geschnappt habe. Besitzt du sowas auch, einen Lesestapel? Und wie gehst du da vor? Arbeitest du ihn akkurat von oben nach unten ab oder darf da auch mal ein anderes Buch dazwischen kommen? Ich habe ja so viele ungelesene Bücher zuhause liegen, dass ich immer nach dem greife, auf das ich gerade am meisten Lust habe oder das am besten zu meiner Stimmung passt. Wie machst du das?

Ah stimmt Ulla, der Giordano ist bei dir. Scherz! Lass dir Zeit. Ich hab auch einen mittlerweile beinahe mannshohen Lesestapel in meiner Wohnung thronen. Ich variiere extrem, würde ich sagen. Also wenn ich einen dicken Wälzer ausgelesen habe, kommt als nächstes ein dünnes Buch dran. Wenn ich etwas wirklich anspruchsvolles lese, bei dem die Sprache zwar ein Gedicht, aber eben keine leichte Kost ist, versuche ich auch hier als nächstes etwas zu lesen, das leichter ist. Das heißt nicht, dass „leichte“ Bücher einem nicht genauso viel geben können wie die „Hochliteratur“. Beim Inhalt versuch ich das auch, wobei das manchmal im Vorhinein schwerer abzuschätzen ist. Also wenn mich der Inhalt sehr mitnimmt, wie das z.B. bei Gott ist nicht schüchtern von Olga Grjasnowa der Fall war, versuche ich diese Stimmung beim nächsten Buch zu umgehen. Ich hab dann Die Kanzlerin. Eine Fiktion von Konstantin Richter gelesen. Auf ein dickeres, erschütterndes Buch folgte ein dünneres, witziges Buch, in dem es aber trotzdem vieles zum Nachdenken gab.

Ja, so ähnlich mach ich das auch. Aber es gibt ja mittlerweile immer mehr Leute, die so etwas wie einen Lesestapel gar nicht besitzen, weil sie auf einem ebook-Reader lesen. Mir wurde vor ein paar Jahren auch einer geschenkt. Und zwar überhaupt nicht uneigennützig von meinem lieben Mann, weil unsere Wohnung vor lauter Büchern überquillt und es ihm vorm Schleppen beim nächsten Umzug graut. Tja, was soll ich sagen? Ich habe es wirklich versucht. Aber dieses seelenlose Ding und ich werden keine Freunde. Ich habe ein paar Bücher darauf gelesen, allerdings waren das irgendwelche ebook-Schnäppchen, die nicht unbedingt Spitzenliteratur sind. Während des Kaufs schlich mir schon der Gedanke durch den Kopf: „Ist wahrscheinlich kein Beinbruch dieses Machwerk nicht in Papierform zu besitzen.“ Und so halte ich es bis heute: Seichtes bis Leichtes kann ich auf dem Kindle lesen, aber die wirklich wichtigen Bücher muss ich in Papierform haben. Das hat etwas mit Genuss zu tun und mit Respekt. Ich will etwas anfassen, hin und her blättern statt klicken und an den Seiten schnuppern. Irgendwie wertschätze ich ein Buch aus Papier automatisch mehr als diesen „downloadable content“. Was sagst Du zum Thema?

Sag niemals nie, aber: Ebook-Reader sehe ich auch in Zukunft nicht in meiner Hand. Zugegeben, wann immer ich verreise, denke ich kurz drüber nach. Wäre doch praktischer, weil leichter und kompakter. Aber selbst wenn mich die Sitznachbarn im Flugzeug belächeln, wenn ich meinen 600-Seiten-Schatz aus dem Handgepäck hole, ist mir das spätestens egal, wenn die ihr Handy, ihr Tablet, womöglich noch einen PC oder von mir aus auch noch mit ihrem E-Reader jonglieren. Ich brauche keinen Strom und ich liebe es, wenn selbst Monate später beim Bücherregal Aufräumen, hier und da etwas Sand aus den Seiten rinnt. Von Sand im E-Reader möchte ich jetzt gar nicht erst anfangen.

Apropos rinnender Sand: Die meisten meiner Bücher will ich bis zum Ende meiner Tage bei mir wissen, um sie immer wieder hervorziehen, etwas nachlesen oder sie einfach nur bewundern zu können. Deswegen werden sie gehegt und gepflegt. Der ein oder andere Knick darf an einer besonders zitierwürdigen Stelle mal hinein, aber das war’s dann auch. Von dir weiß ich, dass du deine Bücher manchmal ganz schön hart rannimmst, du Domina der Buchdeckel! Warum, Heike, warum nur? Womit haben sie das verdient?

Jedes Buch begleitet mich eine Weile. Ich geh nie ohne. Ich lese in der U-Bahn, im Zug, zuhause, im Freibad, an der Isar… Die Bücher baumeln in meinen beutelartigen Taschen umher, dienen ab und an als Kaffeeuntersetzer und die Seiten werden geknickt. Der Knick ist mein Lesezeichen. Lesen. Stop. Knick. Weiterlesen. Stop. Knick. Weiterlesen… Und seit wir bloggen, kommt auch der neonfarbene Textmarker wieder zum Einsatz. So markiere ich nämlich zitierwürdige Stellen. Den meisten meiner Bücher sieht man es also tatsächlich an, dass sie gelesen wurden. Ach was, gelesen. Gelebt wurden die! Und hey, wer es schafft, mich dazu zu bringen, ihm oder ihr ein Buch auszuleihen, der darf nach Herzenslust Eselsohren rein machen.

Das ist natürlich äußerst großzügig von dir! Wenn du ein Buch zu Ende gelesen hast, wo kommt es dann hin? Ins Regal, oder? Langsam habe ich zwar dort kaum mehr Platz, aber trotzdem folgt es einem strikten System. Ich ordne meine Bücher nach dem geographischen Setting der Handlung. Regal Nummer eins ist natürlich Großbritannien gewidmet und nimmt den meisten Platz ein. Dann folgen Irland und Skandinavien, die USA und der Rest der Welt, am Ende kommen Deutschland, Österreich und die Schweiz. Wenn ein Buch gleich mehrere Länder abdeckt, bin ich übrigens großzügig: dann wird es dem Herkunftsland des Autors zugeordnet. Die einzelnen Rubriken sind alphabetisch sortiert. Wie handhabst du das so?

Hallo Freak! Das hast du mir schon häufiger erklärt, und jedes Mal schüttele ich innerlich den Kopf. Aber egal. Jeder spinnt, so gut er kann. Ich sortiere meine Bücher nach Farben. Und zwar vom Hellen zum Dunklen, aber nicht wirklich konsequent, denn dann würde nach Weiß nicht Grün, sondern Gelb kommen. Weiß, Grün, Gelb, Rot, Braun, Blau, Schwarz. So stehen meine Bücher im Regal. Ich wollte mich mal bei Wetten dass…? anmelden, weil ich weiß natürlich, welcher Titel welche Buchrückenfarbe hat. Hmm… Das klingt schon auch etwas nerdig. Aber deins ist krasser! Deins ist krasser!

Ich bin ja gerne Nerd, also geschenkt. Wo wir schon bei Nerds sind: Eine Bekannte hat mir mal erzählt, sie könne keine Taschenbücher lesen, weil sie die so hässlich findet. Damit habe ich ja kein Problem. Natürlich wirkt ein Hardcover edler und wertiger, aber grundsätzlich lese ich beides sehr gerne. Überhaupt finde ich, dass deutsche Taschenbücher im internationalen Vergleich ganz oben mitspielen können. What do you say? Nimmst du beim Lesen eigentlich den Schutzumschlag weg? Ich ja nicht. Weil ich mit Vorliebe alle paar Seiten den Klappentext studiere, um ihn auf Tauglichkeit zu überprüfen. Und das Autorenbild gucke ich auch hin und wieder an. Ich will den Kopf sehen, der sich das Ganze ausgedacht hat.

Also, da du ja verraten hast, wie meine gelesenen Bücher aussehen, wundert es dich vielleicht nicht, dass ich den Schutzumschlag solange zur Seite lege, bis ich fertig bin. Der Umschlag versteckt dann das Gemetzel. Und was das Autorenbild angeht, ist das jetzt vielleicht der perfekte Moment für eine ganz furchtbare Beichte. Achtung! Häufig weiß ich, während ich ein Buch lese, weder Titel noch Autorenname auswendig. Sprich, wenn mich jemand fragt: „Hey Heike, was liest du denn gerade?“, dann kommt sowas wie „Autor und Titel fallen mir jetzt nicht ein. Aber es ist voll das gute Buch, da geht`s um XY.“ Was die Paperback-Ausgaben angeht, bin ich ganz bei dir. Die sind schön hier und hey, da kann sogar der Titel geknickt werden. Kleiner Scherz. Das würde ja gar keinen Sinn machen.

Ich trau dir alles zu! Langsam nähert sich ja wieder das Weihnachtsfest. Verschenkst du eigentlich Bücher? Und lässt du dir gerne Bücher schenken? Meine Antwort lautet bei beidem ja. Ich mag es, anderen ein Buch zu schenken, das ich selbst großartig fand und von dem ich glaube, dass derjenige davon profitieren könnte. Und ich liebe es, Bücher geschenkt zu bekommen, weil ich da schon ganz wunderbare Romane entdeckt habe, die ich mir selbst nie gekauft hätte. Bestes Beispiel: Mein Onkel hat mir vor einigen Jahren Schiffbruch mit Tiger zu Weihnachten geschenkt (wurde mittlerweile als Life of Pi verfilmt). Niemals hätte ich im Laden zu diesem Buch gegriffen! Es geht um Zootiere und über Hunderte von Seiten gibt es nur eine einzige menschliche Romanfigur! Wer mich kennt, weiß, dass Tiere – milde ausgedrückt – nun wirklich nicht mein Lieblingsthema sind. Und dann habe ich es gelesen und war hin und weg. Eines der besten und intensivsten Bücher, an die ich mich erinnern kann. Was sagst du zum Thema?

Da bin ich auch wieder eher schwierig. Ich habe immer etwas Angst, wenn mir jemand ein Buch schenkt. Der könnte ja fragen, wie’s war. Ich versuche, alle geschenkten Bücher zu lesen. Und da war auch schon viel schönes dabei wie zuletzt Die Memoiren eines alten Arschlochs von, Moment ich muss kurz nachschlagen, Roland Topor. Mir wurden aber auch schon Bücher geschenkt, da wusste ich nach zehn Seiten – eigentlich wusste ich es vorher – das wird nix mit uns. Zu viel Fantasie. Zu viel Crime… Und deshalb tue ich mir auch mit dem Bücherschenken schwer. Da muss ich mir schon ganz sicher sein, dass das meinem Gegenüber gefallen wird. Ich schenke selten Bücher. Aber ich könnte stundenlang von Büchern sprechen!

Puh, ich glaube, wir haben über die Jahre ganz schön viele buchinduzierte Spleens und Ticks entwickelt. Was aber auch bedeutet, dass uns das Lesen unheimlich wichtig ist. Ich könnte nicht ohne! Und ich möchte auch gar nicht wissen, wie viel mehr in meinem Leben schief gegangen wäre, wenn ich kein kluges Buch zur Hand gehabt hätte, das mir direkt oder indirekt weitergeholfen hat. Wenn man etwas leidenschaftlich tut, wird man schnell zum Prinzipienreiter. Aber solange sich das nicht auf das restliche Leben ausweitet, ist alles gut. Oder?

Stimmt genau. Wie bereits gesagt, jeder spinnt, so gut er kann. Und wenn er das mit Feuer tut, ohne jemandem wehzutun, dann ist das vollkommen ok. Außerdem können Spleens sehr liebenswert sein. Mein letztes Buch war Die Zweisamkeit der Einzelgänger von Joachim Meyerhoff. Das spielt in Deutschland. Bei Ulla, hab ich da gedacht, stünde das jetzt in der Deutschland-Abteilung im Regal. Bei mir steht’s bei Grün. Das Buch ist Grün. Du verstehst. Versteht ihr mich? Versteht mich irgendjemand?

Bild: Liana Mikah/unsplash.com

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