Sven Regener: Wiener Straße

Das ganz große Ding

Sven Regener bringt den Lesern seines aktuellen Romans Wiener Straße das Berlin der 1980er Jahre zurück. Nichts war unmöglich in dieser Zeit. Punks, Freaks, Hausbesetzer und Künstlerkollektive bestimmten den Pulsschlag der Stadt, die sich zu einer eigenen kleinen Welt formierte. In die Mitte dieser Welt platziert Sven Regener sein Figurenkabinett um Erwin Kächele und dessen Café Einfall.

Leise Töne, großer Knalleffekt

Der permanent leicht angenervte Erwin Kächele versucht, seine Freunde etwas aus seinem Fokus zu rücken, um sich auf seine schwangere Freundin und die bevorstehende Vaterschaft zu konzentrieren. Diese Entscheidung betrifft unter anderem seine Berufsnichte Chrissie, eine trotzig-motzige Teenie-Göre mit vielen Ideen aber wenig Durchhaltevermögen. Zusammen mit den beiden Künstlern H.R. Ledigt und Karl Schmidt sowie Frank Lehmann werden sie von Erwin in eine Wohnung über dem Café ausgelagert. Das hält die vier aber keinesfalls davon ab, Erwin, wann immer es geht, in eben diesem Café zu besuchen. Erwin bleibt also genervt. Erwin hat Stress und das ist auch kein Wunder. Anfangs hat sein Café, das er als Kneipe versteht, erst ab 18 Uhr geöffnet. Da sich aber immer eine kleine Meute Freunde darin aufhält, stehen permanent potentielle Gäste in der immer offenen Tür:

Ist schon offen?“

Das ist einer der Sätze, der Erwin an den Rand des Wahnsinns bring. Die Öffnungszeiten werden vorverlegt, als Chrissie sich mit ihrer Idee durchsetzt, Kaffee und Kuchen anzubieten.

„,Aber den Kuchen mach ich auf eigene Rechnung“, sagte Chrissie, und das so unverschämt, dass Erwin fast ein bisschen stolz auf sie war.
„Den will ich erst mal sehen, den Kuchen!“
Jetzt kam wieder einer durch die Tür, die Erwin nicht abgeschossen hatte. „Ist schon offen?“ […]
„Ja“, sagte Erwin, „kannst einen Kaffee haben.“
„Was kostet der denn?“ fragte Ralf.
„Zwei Mark!“ sagte Chrissie.
„Das ist aber teuer“, sagte Ralf und ging wieder raus.
Chrissie sah ihm hinterher: „Das wird super!“ sagte sie.“

Eine superkomplizierte Kaffeemaschine, die Kuchenidee, eine Kettensäge in den Händen von H.R. Ledigt, das zu ihm und Karl Schmidt in Konkurrenz stehende Künstlerkollektiv ArschArt, eine sich anbahnende Liebesgeschichte zwischen Erwins Schwester und dem Kurator einer Ausstellung im ehemaligen Intimfrisuren-Laden nebenan durchkreuzen permanent Erwins Idee von einem ruhigen Alltag. In einem Schwangerschaftskurs lässt sich Erwin einen Mitfühlbauch anschnallen. Diesen Schwangerschaftssimulator, der den Männern zeigen soll, was Schwangere leisten, trägt er konsequent. Erwin, so scheint es, hat kapituliert. Doch diese Kapitulation ist eine positive, denn der Träger des Wohlfühlbauches beginnt sich immer mehr zu entspannen, als sich das Geschehen um all diese Figuren, die umeinander kreisen, spiralförmig in Richtung Finale zuspitzt.

Jede Figur ist Lieblingsfigur

Wiener Straße ist – trotz der Kettensäge – ein ganz leises Buch, in dem auch gar nicht so viel passiert. Es lässt sich gemütlich lesen. Die Stimmung, die durch die Sprache vermittelt wird, ist äußerst entspannt. Und das, obwohl permanent kleinere und größere Aufreger passieren. Eine beeindruckende Leistung des Romans Wiener Straße (erschienen bei Galiani Berlin) ist, dass die Figuren von Sven Regener hier absolut gleichberechtigt auftreten. Der Mittelpunkt ist Erwin, der dieses Zentrum überhaupt nicht anstrebt. Um ihn rum stehen die Menschen seines Lebens, die unterschiedlicher nicht sein könnten. Jeder Charakter ist auf seine Weise liebenswert, witzig, mindestens besonders, manchmal auch skurril. Keine Figur ist wichtiger oder unwichtiger als die andere. Und trotz aller Streitigkeiten scheint jedem bewusst zu sein, dass es so, wie es ist, absolut perfekt ist.

Ich will hier weg

Beim Lesen von Wiener Straße kann es passieren, dass man sich weg wünscht aus dem Jetzt. Einfach mal machen, einfach mal laufen lassen, einfach mal miteinander reden, einfach mal streiten und sich wieder vertragen, einfach mal füreinander da sein, einfach mal alles nicht so ernst sehen, einfach mal locker durch die Hose atmen. Einzelne schaffen das vielleicht auch heute noch. Die Gesellschaft scheint diese Leichtigkeit gegenwärtig verloren zu haben. Heute hat keiner Bock, sich für jemanden anderes einen Mitfühlbauch umzuschnallen. Da ist es umso schöner, dass man sie in Sven Regeners Wiener Straße wiederfindet, diese absolut erträgliche Leichtigkeit des Seins.

Sven Regener: Wiener Straße, 304 S., 22 Euro. Galiani Berlin, 2017.

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