Tatort: Die Wahrheit mit Wachtveitl und Nemec

Franz Leitmayr, Ivo Batic und der Münchner Isar-Mord

Ich bin ein Riesen Tatort-Fan und schaue seit Jahren wirklich jeden Fall. Entweder sonntags oder in der Mediathek. Die Tatort-Sommerpause finde ich immer eher nicht so gut, da muss ich dann nämlich die dritten Programme nach Wiederholungen durchforsten. Warum mir Tatort-Schauen so wichtig ist, erzähle ich bald ausführlich.

Gestern war ein guter Tatort-Tag, für mich und für alle. Warum für mich? Der Münchner Tatort ist für mich – natürlich nicht ausnahmslos – der beste. Ich lebe in dieser Stadt und am liebsten sehe ich Udo Wachtveitl in seiner Rolle als Franz Leitmayr ermitteln. Im gestrigen Tatort Die Wahrheit fischte er allerdings im Trüben und genau das ist es, was diesen Tatort so besonders macht und das sicherlich nicht nur für mich.

Parallelen zum Isar-Mord von München

Es ist drei Jahre her, da gab es in der bayerischen Landeshauptstadt niemanden, der nicht darüber sprach. Der Isar-Mord war als Tat unfassbar. Ebenso die Tatsache, dass bis heute kein Täter gefasst ist. An der Isar wird ein Mann ermordet und wie es scheint, gibt es keinerlei Verbindung zwischen dem Täter und dem Opfer. Genau so etwas erleben die fiktiven Ermittler Leitmayr und Batic im gestrigen Tatort Die Wahrheit. Besagte Wahrheit gibt es nicht. Auch hier scheint es keine Verbindung zwischen Täter und Opfer, einem jungen, verheirateten Familienvater zu geben. Auf offener Straße zückt der Täter sein Messer, sticht mehrfach zu und verschwindet. Die Zeugen widersprechen sich. Die Ehefrau des Opfers hält intensiven Kontakt zur Polizei, v.a. zu Ivo Batic, und liefert eine Erinnerung nach der nächsten nach. Das Kind des Opfers verstummt beinahe. Um diese, sich in groben Zügen auf die Realität des Isar-Mordes beziehende Ebene wird eine weitere hinzu erfunden. Zwei weitere Morde geschehen. Und – ACHTUNG SPOILER – diese Morde können aufgeklärt werden. Sie haben aber nichts mit der ersten Tat zu tun. Leitmayr und Batic finden den Mörder des jungen Mannes nicht. Der Fall bleibt ungelöst, die Ermittler unzufrieden. Als diese Tat ad acta gelegt wird, schlägt Leitmayr die Akte wieder auf und zwar im Privaten, in seiner Wohnung. Das Schlussbild ist eines der stärksten, die ein Tatort je gesehen hat. Ähnlich stark wie im Tatort Borowski und der stille Gast aus dem Jahr 2012. Hier hatten Sie den Mörder (Lars Eidinger) schließlich aber der ist – quasi erst während des Abspanns – wieder entwischt. In Die Wahrheit haben sie ihn nicht, aber als Leitmayr recht abgerockt mit seiner Retro-Polizei-Trainingsanzugsjacke vor seiner Indizienwand steht, ist klar: Dieser Fall ist noch nicht zu Ende.

Wechselspiel – Leitmayr und Batic übergeben sich den Staffelstab der Unzufriedenheit

Wer die oft pointiert und gut eingesetzte Humorebene der Kommissare Leitmayr und Batic so gerne sieht wie ich, der wird im Tatort Die Wahrheit enttäuscht, denn diese Ebene bleibt völlig aus. Das ist aber auch die einzige Enttäuschung und Humor wäre in diesem Fall ohnehin äußerst unpassend, denn die beiden Ermittler fischen wirklich die ganze Zeit über im Trüben und haben zudem ihre persönlichen, an den Fall geknüpften Probleme. Ivo Batic befindet sich von Beginn an am Rande einer Burnout-Diagnose. Franz Leitmayr wird zum SOKO-Leiter und gibt sich nach bestem Wissen und Gewissen alle Mühe. Konflikte sind in dieser Ausgangssituation vorprogrammiert. Batic will zu schnell zu viel. Leitmayr will eine saubere, korrekte, zielgerichtete Ermittlung – und wenn es Wochen dauert. Wer zur Tatzeit im unmittelbaren Radius im Funkzellennetz eingelockt war, muss zur Speichelprobe antreten. Denn die DNA vom Täter, die gibt es. Aber der Name zur DNA fehlt. Die Ermittler haben sonst nichts. Und sie bekommen auch nicht mehr. Während sich Batic so langsam wieder in die Spur bringt, indem er sich z.B. intensiv um die Witwe und den Jungen des Opfers kümmert, bemerkt man kaum, dass es den Kollegen Leitmayr mittlerweile völlig herausgehoben hat aus dieser Spur. Eine der stärksten Szenen ist ein massiver Streit zwischen den Kommissaren.

Vielleicht sollte ich mir einen neuen Freund suchen“, schreit Batic. „Nimm dir dafür Urlaub. Das könnte nämlich dauern“, lautet die nicht weniger laute Antwort von Leitmayr.

In der nächsten Szene versacken die beide gemeinsam an einem Tresen. Denn auch das ist der Münchner Tatort, sie necken und sie lieben sich.

Fazit: Ein sehr guter München-Tatort

Für mich ist das eine der besten Folgen von Udo Wachtveitl und Miroslav Nemec. Die Geschichte ist von enormer Brisanz. Die Hilflosigkeit der Kommissare, die in Die Wahrheit nicht verschwinden wird, ist neu und sie wird glaubhaft gespielt und ebenso glaubhaft inszeniert. Wut und Verzweiflung sind auch hier die ständigen Begleiter der Machtlosigkeit. Und der Zuschauer hat Mitleid. Wie kann man mit einem Rätsel leben, das man nicht lösen kann? Wo doch genau das der Job ist. Dieser Tatort fesselt einen und – ACHTUNG SPOILER – man kann nur hoffen, dass es im zweiten Teil eine Auflösung geben wird. Bis dahin sind auch die Zuschauer der Hilflosigkeit ergeben, verzweifelt und ein bisschen wütend.

Tatort: Die Wahrheit. Udo Wachtveitl, Miroslav Nemec. ARD/BR 2016.

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