Thomas Klupp: Paradiso

Alex Böhm gegen den Rest der Welt

„Die guten Menschen, denke ich, sollten schön sein und Glück haben mit allem und die schlechten hässlich und bald sterben.“ Diese unverblümten Gedanken von Alex Böhm, dem Protagonisten aus Thomas Klupps Debütroman Paradiso, sind exemplarisch für den verqueren und ambivalenten Charakter, den der Autor als „ehrlichen Blender“ und „aufrichtigen Lügner“ bezeichnet. Böhms Lebenseinstellung ist faul und bequem. Er ist berechnend und schlau, ein Neider und Heuchler, Aufschneider, Lügner und Hochstapler. Im Wechselspiel dieser Masken mogelt sich der erfolglose Filmstudent durch Beziehungen, Freundschaften; kurz: durch sein Leben.
Ein Tag, an dem nichts so läuft, wie zuvor geplant, schickt den jungen Mann auf eine Irrfahrt durch die Republik, die sich zur Reise in die Vergangenheit seiner Jugend entpuppt. In Potsdam steht Böhm an einer Raststätte, wartet auf einen gelben Kombi, seine Mitfahrgelegenheit, die ihn nach München zu seiner Freundin Johanna bringen soll. Mit ihr will er am nächsten Tag nach Portugal fliegen. Da der Kombi auf sich warten lässt, muss der Reisende umdisponieren. Wie aus dem Nichts taucht der Computerkonrad von damals aus der Schule auf und Böhms Reise nimmt einen Verlauf, der ihn nicht nur mehr und mehr von seinem eigentlichen Ziel entfernt, sondern überhaupt alles ins Wanken bringt, womit sich dieser Selbsttäuscher tagtäglich über Wasser hält. Der Loserkonrad von einst hat es in der Computerbranche indessen tatsächlich zu etwas gebracht. Statussymbole – dickes Auto, Blondine inklusive – untermauert Konrad durch Endlosmonologe, die keinen Zweifel daran lassen, dass er sein Ego mittlerweile auf sicheren Argumentationspfeilern stabilisieren konnte. Böhm, angewidert von seinem Chauffeur, will mitspielen bei dieser Selbstbeweihräucherung. Heiter und beschwingt erzählt er von einem nicht existenten Drehbuch, das er verkauft haben will und welches bald mit hochkarätiger Besetzung verfilmt werden wird.
Böhm weiß, dass es sich bei dieser Begegnung nur um ein kurzes Intermezzo handelt. Es fällt ihm nicht schwer, sein Blenderspiel souverän über die Bühne zu bringen. Wenn es jedoch ernst wird, bei engeren Bindungen und Freundschaften, stößt er mit seiner Unaufrichtigkeit an gefährliche Grenzen, die die Situationen leicht zum Kippen bringen und die Unberechenbarkeit dieses Helden offenbaren. Bei einem Zwischenstopp wird dies auf brutale Weise deutlich. Böhm pausiert in seinem Heimatort Weiden in der Oberpfalz. Hier trifft er auf seine Exfreundin Leni, die noch nicht einmal weiß, dass sie bereits den Titel der Ex innehat und die bei diesem Kurzbesuch als Egospielzeug und Emotionsgeisel herhalten muss. Am selben Abend begegnet er seinem besten Heimatfreund Simon. Das Aufeinandertreffen endet damit, dass der Freund halb tot geschlagen im Wald zurück bleibt und untermauert das unberechenbare Potential Böhms, dem es am Ende aber immerhin gelingt, seine neue Freundin Johanna rechtzeitig in München am Flughafen zu erwischen – wer hätte das gedacht?

Thomas Klupp ist es mit diesem, mit dem Nicolas-Born-Debütpreis 2009 ausgezeichneten, Erstlingswerk gelungen, einen frischen Roman vorzulegen, der durch sprachliche Leichtigkeit und eindringliche Figuren – allen voran Alex Böhm – überzeugt.

Thomas Klupp, Paradiso, 200 S. 7,95 Euro. BTV Berliner Taschenbuch Verlag, 2009 erschienen.

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