Travelling the West

Galway wie’s im Buche steht

Es war ein Oktoberherbsttag, ein Mittwoch, an dem ich das erste Mal nach Galway kam. Und empfand nur geringe Vorfreude auf eine Stadt, die mir als ein Moloch der irischen Provinz vorschwebte.
Denn jeder, der Ken Bruens Bücher über den saufenden Privatdetektiv Jack Taylor gelesen hat, kommt mit Bildern im Kopf nach Galway: düstere, dreckige irische Provinz, verhaftet im strengsten Katholizismus, mit besorgniserregender Kriminalitätsrate, Dauerregen und besiedelt von freud- und zahnlosen Trinkern.

Eines vorweg: Ich wurde bitter enttäuscht.

Die Reise nach Galway hatte ich in Limerick, unter Einheimischen auch unter dem Namen back-stab-city bekannt, angetreten. Mehr muss man vielleicht nicht sagen, um einen Eindruck davon zu vermitteln, in welchem Licht sich mir Irland bislang präsentiert hatte.
Ein Schnelldurchlauf ginge wohl so: nächtliches Ghetto – vereinsamter Campus – Pyjama-Index bei mindestens 70% –  verschnupfte Kommilitonen, die jedes Wehwehchen mit der Wunderwaffe Aspirin + Whisky bekämpfen und aus der Küche ein Schimmelparadies zaubern – Ausgehverbot nach 17 Uhr aufgrund bewaffneter Raubüberfälle. Darüber, als meine ständigen Begleiter,  ein Nebelschleier, ein Regenfilm, ein Himmel aus Beton.

Ein Ortswechsel erschien mir also angebracht.
It can’t get any worse – mein Fazit nach einem Monat Limerick – und sowohl Motto wie Beweggrund für die Fahrt nach Galway. Die Stadt im Norden verhieß meinen Augen zumindest einen Blick auf das Meer, der mir bislang versagt geblieben war. Denn der mythische Westen, Heimat der leprechauns und faeries, den sich meine Fantasie nach der Lektüre von Yeats und Joyce  auf das Wunderbarste zusammengepinselt hatte, war von mir schon Wochen zuvor beerdigt worden. Meine letzte Hoffnung, literarische Landschaft erfahren zu können, lag nun ganz auf Jack Taylors Tristesse und Sündenpfuhl in Galway.  Wenn Irland mir nicht mehr als Sex, Drugs and Crime zu bieten hatte, warum dann nicht wenigstens den Horror literarisch auskosten?

Bereits nach 10-minütiger Fahrt bereute ich den Entschluss. Ein ruckelnder Bus über unmotiviert geflickte Straßen. An den Rändern nicht fertig gebaute Rohbauten, aus deren nicht vorhandenen Fenstern mich Kühe aus resignierten Augen anglotzten. Und dann und wann ein Haufen voll Müll als Farbtupfer in der grün-trüben Landschaft.  Das war keine Poesie, aber auch kein Krimi.

Nachdem der Bus schließlich bis Galway gestottert war und mein Magen und ich erleichtert festen Boden unter den Füßen wahrgenommen hatten, machte ich mich hoffnungsfroh gen Elend auf.

Meine Augen scannten die Umgebung sehnsüchtig nach einer Jack Taylor-esken Szenerie ab:

Penner am Eyre Square?
Spelunken in zweifelhaften Gassen?
Drogenschmuggel in dunklen Ecken?
Ein Schwanenmörder am Kai?
Prügelnde Polizisten?
Verzweifelte Menschen in zerfledderten Klamotten, die sich beim Kirchenläuten bekreuzigten? Zeitungsschlagzeilen, die MORD! schrien?

Fehlanzeige.
Fehlanzeige.
Fehlanzeige.
Fehlanzeige.
Fehlanzeige.
Fehlanzeige.
Fehlanzeige.

Denn was bekam ich wohl? Eine lächelnde Stadt.

Graue Steinhäuser glänzen im Sonnenlicht, die Straßen breit und eben und an der Promenade tummeln sich lachende Kinder und Hunde am weißen Sandstrand.

Die Quay Street schlendert man hinauf an bunten Läden und Boulevardschlagzeilen vorbei.

Aus einer Kirche hat man einen gut besuchten Pub gemacht. Auf der ehemaligen Empore spielt eine Band enthusiastisch Irish Folk. Zur Begrüßung ein Guinness vom wettergegerbten Bartender, der mir ruhig lächelnd sein vollständiges Gebiss zeigt und mir auf meine Frage nach Jack Taylor hin versichert, „it’s all imagination, you know“.

Keine leprechauns, keine faeries – nun gut, damit hatte man irgendwie rechnen müssen –  aber Galway ein beschauliches, romantisches Städtchen statt der erhofften Hochburg des Verbrechens?

It’s all imagination? Man stelle sich mein Entsetzen vor!

 

Bild: diak/fotolia

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