Ullas liebste Liebesgeschichte

Thomas Hardy: Am grünen Rand der Welt

Will you be my Valentine? Ganz ehrlich: Für mich schmeckt der Valentinstag irgendwie klebrig süß, amerikanisch verkitscht und nach Plastik. Dem wollen wir etwas entgegen setzen. Nämlich: eine gute Geschichte. Ja, über die Liebe. Aber garantiert ohne Zucker und von höchster handwerklicher Qualität. Ich habe die Ehre, den Anfang zu machen. Mit meiner allerliebsten Liebesgeschichte.

Zugegeben: Diese Wahl hat mich einiges an Grübelei gekostet. Gar nicht so einfach, die Geschichte auszusuchen, die mir am meisten ans Herz geht. Und irgendwie hab ich mich mit meiner Entscheidung jetzt sogar selbst überrascht.

Wahrscheinlich hätte jeder, der mich kennt, auf eine ganz andere Love Story getippt. Heike meinte sofort:

Du nimmst ja eh Stolz und Vorurteil!

Und als wir die Idee zu dieser Strecke hatten, war das tatsächlich auch das erste Buch, das mir in den Sinn kam. Und ich wollte sogar schon anfangen, darüber zu schreiben, als ich noch einmal überlegen musste.

Wenn man all den Mythos, den ganzen Hype und all die Verfilmungen, Nacherzählungen und Hommagen wegnimmt, den Witz von Jane Austen und die Schwärmerei für den wirklich ganz zauberhaften Mr Darcy beiseite lässt, ist Stolz und Vorurteil dann wirklich DIE ultimative Liebesgeschichte? Oder besser gefragt:

Ist Stolz und Vorurteil MEINE ultimative Liebesgeschichte? Nein.

Bitte keine Vorurteile

Keine Frage: Es ist nach wie vor eines meiner meistgelesenen, trostspendendsten Bücher und eine irgendwie immer noch aktuelle Liebesgeschichte. Aber vielleicht hab ich mich schon zu sehr an sie gewöhnt, hab mich in ihr abgewohnt oder an ihr überfressen. So richtig ans Herz geht sie mir nicht (mehr). Das Auge bleibt enttäuscht trocken und nach dem Lesen geht das Leben weiter wie zuvor.

Darum hab ich mich unter all den Büchern meines bisherigen Lebens auf die Suche nach einer Geschichte gemacht, die MIR etwas sagt. Darum geht’s ja schließlich beim Lesen. In einem Buch etwas zu finden, das zu DIR spricht, mit dem DU in DEINEM Leben etwas anfangen kannst. Und dazu muss es nicht einmal etwas mit Dir und Deinem Leben zu tun haben. Vielleicht ist es nur ein Satz oder ein einziges, richtig platziertes Wort, ein Charakter oder die Atmosphäre der Geschichte.

Und genau deshalb fällt meine Wahl auf Thomas Hardys Far From the Madding Crowd, das im Deutschen – ein bisschen unglücklich übersetzt – Am grünen Rand der Welt heißt.

Und warum ist das jetzt MEINE Liebesgeschichte?

Das bleibt mein Geheimnis. Aber ich sage euch, warum es einfach eine ganz wunderwunderwunderbare Erzählung ist.

Der Schäfer Gabriel Oak liebt die störrische, eigensinnige und impulsive Bathsheba Everdene, seitdem sie das erste Mal an ihm vorbeiritt. Sie schlägt stolz seinen Heiratsantrag aus. Kann nichts anfangen mit dem einfachen Schäfer. Auch mit dem reichen William Boldwood will sie ihr Leben nicht verbringen.

Die selbstbewusste Bathsheba will  – und ja, das Buch stammt aus dem 19. Jahrhundert – frei und unabhängig leben und arbeiten. Sie erbt einen Gutshof, den sie alleine – entgegen aller Ratschläge – übernimmt. Sie engagiert den mittlerweile komplett ruinierten und verarmten Oak als Schafshirten. Der sieht mit an, wie sie sich in den schönen Sergeant Troy verliebt, der eigentlich eine andere liebt, und ihn heiratet. Wie diese Ehe sie in die Verzweiflung treibt und wie auch Boldwood über seiner Liebe zu Bathsheba verzweifelt.

Oak verzweifelt nicht. Er beobachtet, er arbeitet, er hilft, er ist immer da. Und er tut irgendwie immer das Richtige. Rettet den Hof und am Ende auch Bathsheba.

Vielleicht klingt das jetzt sagenhaft langweilig. Ist es aber nicht. Tatsächlich geht’s im Buch ziemlich hoch her. Aber eigentlich ist das, was darin passiert, gar nicht so wichtig. Es geht mir eigentlich mehr um das, was es damit sagt.

Die leise Liebe

Für mich ist Far From the Madding Crowd zuallererst ein Buch über die Liebe. Ein leises, poetisches und trotzdem total unkitschiges Buch über die große Macht der Liebe. Über die Beständigkeit und den langen Atem der Liebe.

Darüber, dass sie das Beste und das Schlechteste in uns hervor holen, dass sie uns retten und uns zerstören kann, dass sie manchmal einfach so verschwindet und manchmal ewig bleibt.

Sie hat tausend Gesichter. Viele davon findet man in diesem Buch. Den sanftmütigen Oak und die leidenschaftliche Bathsheba zum Beispiel. Vielleicht ist der Roman auch der schönste Beweis dafür, dass mancher Kalenderspruch doch stimmt:

Gegensätze ziehen sich an.
Liebe braucht Zeit.
Die Zeit heilt alle Wunden.
Was lange währt, wird endlich gut.

Und trotzdem hat diese Geschichte nichts von einem Kalenderspruch und nie eine einfache Antwort parat. Sie wirkt – auch heute noch – einfach echt. Wie die Liebe sich auf ganz leisen Sohlen ins Leben schleicht, vielleicht so ganz anders, als man sie sich erträumt hat, das habe ich noch nie so schön gelesen wie in diesem Buch. Zwei Menschen, für die das Leben nie leicht war, die es aber auch dem Leben und anderen Menschen mit ihnen nicht leicht machen, finden bei einem anderen einen Zufluchtsort: far from the madding crowd. Oder zu gut Deutsch: weit weg vom Wüten der Welt.

Im vorletzten Jahr wurde das Buch übrigens verfilmt. Am grünen Rand der Welt ist eine der seltenen Literaturverfilmungen, die ihrer Vorlage das Wasser reichen kann. Selten wurde jemand perfekter besetzt als Matthias Schoenaerts als Gabriel Oak. Wer nicht lesen will, sollte unbedingt gucken!

Das war mein Wort zum Valentinstag. Hallelujah und Amore.

 

Thomas Hardy. Far from the Madding Crowd. Penguin, 5,99 Euro.
Thomas Hardy. Am grünen Rand der Welt. dtv, 9,90 Euro.

Film-Empfehlung
Am grünen Rand der Welt, 2015. Regie: Thomas Vinterberg. 6,79 Euro.

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