Unterwegs in Östergötland

Ziegenkäse zur Geisterstunde

Ich war noch nie in Schweden.
Dabei liebe ich den Norden. Das Meer, der Wind, weite Felder, Seen und Wälder – das ist genau mein Ding. Der weiße schwedische Fleck auf meiner Reiselandkarte muss schleunigst weg, beschließe ich, und mache mich also auf nach Skandinavien, genauer gesagt nach Östergötland an der schwedischen Ostküste.

Wer bei einer Schwedenreise an tagelange Autofahrten und hohe Gebühren für die Fähre denkt, kann beruhigt sein: Gerade einmal zwei Stunden dauert es, dann bin ich im hohen Bogen von Oberbayern in die schwedischen Schären geflogen. Seit Juni diesen Jahres bietet die Fluglinie bmi (www.bmiregional.com) Direktflüge von München nach Nörrköping an. Bequemer geht’s nicht – und billiger wahrscheinlich auch nicht. Aus dem familiären Flughafen ist man flugs wieder draußen – so klein und übersichtlich ist er – dass direkt hinter der Tür das Urlaubsgefühl beginnt!

Bus, Bahn oder ein Mietwagen bringt euch dann in Windeseile in die unberührte Natur Östergötlands. Ich empfehle das Auto. Es bietet nicht nur die größte Flexibilität, es erlaubt einem auch anzuhalten. Und versprochen: Das will man hier oft. Weil die raue Natur so schön ist, dass man einfach ein Foto machen muss oder den Blick in Ruhe schweifen lassen will, weil ein Wäldchen zum Pilze sammeln einlädt oder man einen der unzähligen Hofläden entdeckt hat, wo es erstklassige Produkte zum Probieren und Kaufen gibt.

Meine erste Fahrt führt Richtung Süden in das beschauliche Rimforsa. Direkt am Kinda Kanal, der sich dort zu einem See ausbreitet und kurz dahinter wieder verengt, liegt das Hotel Rimforsa Strand (rimforsastrand.se). Der schönste Platz der Anlage befindet sich am Ufer: Hier kann man in der Saunahütte den Sonnenuntergang beobachten, sich am Wasser das Ja-Wort geben, zu einer Fahrt über den sich durch Östergötland schlängelnden Kinda-Kanal aufbrechen (ob als geführte Bootsfahrt, mit dem Kanu oder auch dem Ruderboot) und angeln.

Ahoi! Bootsfahrt auf dem Kinda Kanal

Ahoi! Bootsfahrt auf dem Kinda Kanal

Schweden at its best heißt es auch im erstklassigen Restaurant des Hauses, das vor allem mit regionalen und saisonalen Speisen aufwartet. Die Fischsuppe – sonst nicht meine erste Wahl – ist unschlagbar und vor allem auch ein echter Augenschmaus!

Ufer des Rimforsa Strand im Abendlicht

I ain’t afraid of no ghosts

Doch Vorsicht: Wenn die Uhr Mitternacht schlägt, braucht es gute Nerven! Angeblich spukt es in dem alten Gemäuer, das 1910 bis auf die Grundmauern abgebrannt ist. Und zwar just in dem Moment, als der ehemalige Kellermeister, der sich durch Raubmord berühmt-berüchtigt gemacht hatte, seinen Tod unter der Guillotine fand. Manch ein Gast, das versichert mir der Besitzer des Hotels, Leif Eriksson, mit ernster Miene, hat den Geist des bösen Buben des Nachts auf seiner Bettkante sitzen spüren und seine Sitzkuhle auf der Matratze gesehen. Angst braucht man nicht zu haben, wiegelt Leif lachend ab, die Geister des Hotels seien alle freundlich.

Hotel Rimforsa Strand - I ain't afraid of no ghosts

Hotel Rimforsa Strand – I ain’t afraid of no ghosts

Ich glaube nicht an Geister. Wirklich nicht. Aber wie er das so erzählt, und nach ihm viele andere, die mir auf der Reise begegnen – und das, ohne das Gesicht zu verziehen – komme ich doch ins Grübeln und ein wenig auch ins Zittern. Aber meine Nacht bleibt ruhig, erholsam und geisterlos.

Erste Tat des frischen Tages: Fika! Die Lieblingsbeschäftigung der Schweden. Ein Schlingel, wer jetzt Böses (oder Schmutziges) dabei denkt. So nennt sich die allseits beliebte Kaffeepause, die man über den Tag verteilt mehrere Male einlegt. Und auch abends sind sie einer Fika nicht abgeneigt. Aber nun genug der Doppeldeutigkeiten…die Ziegen warten auf mich!

I ain’t afraid of no goats

In der Löt Gårdsmejeri (www.lot-gardsmejeri.se) – nicht weit entfernt von Linköping – betreiben Erik Garberg und Björn Kvist ihre kleine, feine Farm. Mit 43 gab Erik seinen gut bezahlten Job als Direktor einer norwegischen Molkerei auf, beschloss seiner Leidenschaft zu folgen und begab sich in das Abenteuer Ziegenzucht. Aus der Milch seiner 82 Tiere stellt er himmlischen Käse und Butter her, die ihresgleichen suchen. Die phänomenale Qualität sprach sich schnell herum. Heute beliefern sie die besten Häuser Schwedens, zum Beispiel die Stockholmer Restaurants des Sternekochs Matthias Dahlgren (www.mdghs.se), aber auch das Nobelpreisdinner und das Königshaus. Die Butter ist leicht gesalzen, ungeheuer cremig und schmilzt fast auf der Zunge. Dass Butter so gut schmecken kann! Ihr Geheimnis liegt übrigens in der Langsamkeit der Herstellung und im Mischverhältnis von Ziegen- und Kuhmilch. Mehr will mir Erik leider nicht verraten.

Queen Omma – Eriks exzellenter Ziegen-Pecorino

Auch sein Ziegen-Pecorino hat es in sich. Noch Stunden später spürt man seinen Geschmack im Mund. Immerhin braucht er auch 3,5 Jahre, um zu reifen. Erik nennt ihn „Queen Omma“ – Mutter Erde – und man darf für das Kilogramm umgerechnet etwa 70 Euro zahlen.

Farmbesuch bei Erik und Björn – I ain't afraid of no goats

Farmbesuch bei Erik und Björn – I ain’t afraid of no goats

Dass seine Produkte so gut ankommen und schmecken, liegt  – da ist sich Erik sicher – zum Großteil an der Art, wie seine Ziegen leben. Nämlich als Individuen. Jede hat ihren eigenen Namen und wird mit viel Liebe und Respekt behandelt. Das merkt man. Ich bin eher scheu mit Tieren, aber selten ist mir jemand Netteres begegnet als diese Ziegen.

Selbstfindung auf Schwedisch

Sich selbst verwirklicht hat auch Karin Lorin, die ich in ihrer Bäckerei Boställets Vedugnsbageri auf ihrer Farm in Vreta Kloster (www.bostallets.se) kennenlerne. Die studierte Ökonomin arbeitete lange Jahre für das schwedische Landwirtschaftsministerium. Irgendwann, erzählt sie mir, hatte sie einfach genug von den immergleichen Meetings ohne Ergebnis, der Büroarbeit und den Tabellen. Deshalb kauften sie und ihr Mann mit Mitte 30 einen Bauernhof auf dem Land und begannen ein neues Leben. Etwas mit ihren Händen zu tun und am Abend das Ergebnis der Arbeit sehen zu können, das sei für sie das Beste am Backen. Begonnen hat alles mit Sauerteig vor 12 Jahren. Mit dem experimentiert sie bis heute. Im Sommer versetzt sie ihr Brot mit Dillgrün und reicht dazu fangfrischen Lachs. Oder sie gibt geröstete Nüsse ins Brot, das passt dann zu ihrer leckeren Karottensuppe. Wer will, kann sein Essen auf der Terrasse der Farm genießen.

Wie Bullerbü: Karins Bäckerei

Wie Bullerbü: Karins Bäckerei

Inmitten der rot gestrichenen Holzhäuser auf bunten Klappstühlen sitzen, über die angrenzenden Felder blicken und in der Nase der Duft nach frisch gebackenen Zimtschnecken und Sauerteigbrot – so muss sich Bullerbü anfühlen!

Sauerteigbrot mit Nüssen passt perfekt zu Karins Karottensuppe

Je länger ich durch Schweden fahre, umso mehr Menschen begegnen mir, die irgendwann genug hatten von ihrem Nine-to-Five-Job, vom Leben in der Stadt und dem gut bezahlten, geregelten Leben. Anpacken, dem Herzen folgen, etwas wagen – das haben sie gemacht und es hat sich gelohnt. Von diesem Mut, von dieser Mir-doch-egal-was-die-anderen-sagen-Attitüde können wir Deutschen uns ein saftiges Stück abschneiden. Ich ziehe gleich doppelt den Hut und düse nach Norrköping. Kontrastprogramm ist angesagt!

Gut & Gestern

Ich schlafe im stylishen Hotel The Lamp (www.thelamphotel.se). In seinem Restaurant steht nicht nur Europas größte Lampe, dort gibt es auch – man kann es nicht anders sagen – saugeiles Essen. Gegrillter grüner Spargel mit karamellisierten Zwiebeln und Parmesan, Lachs mit brauner Butter-Champagner-Sauce und ein Parfait mit geeisten Apfelraspeln: Mmmmmmh!

Nicht nur das Essen lockt nach Norrköping, auch die Stadt hat einiges zu bieten. Im 19. Jahrhundert war die Stadt das Manchester Schwedens, Zentrum der Papier- und Textilindustrie. Nach deren Zusammenbruch standen die riesigen Fabrikgebäude lange Zeit leer. Jetzt herrscht hier aber wieder buntes Treiben. Wohnungen, Büros, ein riesiges Konzerthaus, ein modernes Kino und viele kleine Läden und Cafés sind mittlerweile hier eingezogen. Immer wieder muss ich beim Gang durch die Industrielandschaft an die Hamburger Speicherstadt denken. Es ist irgendwie dasselbe in Gelb – alle Gebäude leuchten in der strahlenden Farbe. Und daneben sorgt das brausende Wasser der Kanalschleuse für Musik und Leben.

Die Industrielandschaft von Norrköping

Wer shoppen will, muss in die Drottninggatan. Und was shoppt man in Schweden am besten? Ich finde Interior Design, z.B. bei Lagerhaus (www.lagerhaus.com). So groß kann mein Koffer gar nicht sein, um alles, was mir gefällt, mitzunehmen. Zum Glück gibt es ja das Internet!

Und wer es noch lauter und lebendiger mag, der springt auf den Zug Richtung Stockholm auf. In zwei Stunden ist man schon in der schwedischen Hauptstadt.

Die Halbinsel Vikbolandet

Die Halbinsel Vikbolandet

Wer Wasser, Wälder und wilde Natur liebt, muss hierher kommen. Hier sind nicht nur die Menschen nett, sogar die Geister und Gespenster (deren Existenz hier unumstritten ist) meinen es gut mit uns. Und die Ziegen allemal. Dein Leibgericht ist auch noch Käse? Auf nach Östergötland! Und zwar schnell!

Früchte im Licht der schwedischen Schären

Tipps

Anreise
Flug mit bmi Regional von München, www.bmiregional.com

Unterkunft
Hotel Rimforsa Strand, rimforsastrand.se
The Lamp Hotel, www.thelamphotel.se

Kulinarik & Höfe
Boställets Vedugnsbageri, www.bostallets.se
Hejtorp Gårdsmejeri, www.hejtorp.se
Löt Gårdsmejeri, www.lot-gardsmejeri.se
Vikbolands Struts och Kött, www.vikbolandsstruts.se

Weitere Infos über
www.visitsweden.com
www.visitostergotland.se

One thought on “Unterwegs in Östergötland

  1. Evi Schmidtkonz

    liebe Ulla,
    sehr, sehr schön ist Dein Reisebericht. Man bekommt gleich richtig Lust
    dahin zu reisen wo Du warst.

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