Vanessa Lafaye: Summertime

Kein Schlüssel zum Glück

Es gibt Orte, von denen man genau weiß, dass man sie liebt, ohne je da gewesen zu sein. Für mich gehören dazu die Keys – hach ja, die Keys! Eigentlich bin ich ja nicht so zu haben für schwüle Hitze und Karibik-Flair, aber manchmal mache ich da eine Ausnahme. Für die Florida Keys zum Beispiel. Die stehen ganz weit oben auf meiner Reisewunschliste. Einmal im Leben muss ich auf die Inselgruppe im Süden des Sunshine States, einmal werde ich über die Seven-Mile-Bridge Richtung Key West düsen. Dorthin, wo Ernest Hemingway gewohnt hat, der Filmklassiker Key Largo gedreht wurde und die göttlich gute Serie Bloodline spielt. Die Keys strahlen für mich nämlich eine ganz besondere Faszination aus. Sie bieten die perfekte Mischung aus Lässigkeit, Schönheit und dunklen Abgründen.

Genau diesen Mix habe ich mir auch von Vanessa Lafayes Roman Summertime erhofft. Der spielt auf den Florida Keys und der Klappentext hörte sich in dieser Hinsicht äußerst vielversprechend an. Bei wem jetzt bereits die Alarmglocken schrillen, liegt leider richtig.

In die Falle getappt

Es gibt schließlich einen guten Grund, warum Heike und ich uns für den Namen Halt die Fresse Klappentext entschieden haben (den könnt ihr übrigens hier nachlesen). Tja, aber manchmal muss man eben in die Falle tappen, vor der man selbst stets warnt. Vielleicht ja, um sich seiner eigenen Daseinsberechtigung zu vergewissern. Dann wäre die Lektüre dieses Buches immerhin für etwas gut gewesen. Wer es jetzt noch nicht ahnt, dem sei es klipp und klar gesagt: Dies hier wird ein Verriss.

Beginnen wir von vorne, beginnen wir beim Klappentext. Der hörte sich für mich nach Drama mit Substanz an:

„Florida, 1935. In Heron Key sind die Beziehungen zwischen den Einwohnern so verworren wie die Wurzeln der Mangrovenbäume. Fast zwanzig Jahre sind vergangen, seit Henry die Stadt verlassen hat, um in Europa zu kämpfen. Die ganze Zeit hat Missy auf ihn gewartet. Als gutes Dienstmädchen kümmert sie sich um das Baby und das Haus der Familie Kincaid. Nun ist er zurück, doch in dem Veteranen erkennt sie kaum noch den einst stolzen Mann. Als eine weiße Frau in der Nacht vom 4. Juli halbtot am Strand gefunden wird, gerät Henry in Verdacht. Während die Anspannung in der kleinen Stadt weiter ansteigt, fällt das Barometer – der verheerendste Tornado aller Zeiten zieht auf. Im Auge des Sturms offenbaren sich Tragödien, lüften sich Jahrzehnte alte Geheimnisse – und Missys und Henrys Liebe wird auf die Probe gestellt…“

So weit, so vielschichtig. Zugegeben: Das klingt nicht nach erstklassiger, tiefschürfender Literatur, aber es wird doch Lust auf einige spannende Erzählstränge gemacht: etwas Drama, etwas Action, etwas Liebe, etwas Politik – und dazu noch soziale Spannungen. Tja, Pustekuchen. Stattdessen: jede Menge Plattitüden, Klischees sowie ein Plot und Sätze, die einer x-beliebigen Seifenoper entsprungen sein könnten.

Ohne Sinn und doppelten Boden

Das fängt bereits beim Verhältnis der beiden Protagonisten zueinander an. Missy wartet auf Henrys Rückkehr aus dem Ersten Weltkrieg. Das erzählt uns bereits die Rückseite des Buches. Was uns dort als lang ersehnte Wiedervereinigung von zwei Liebenden verkauft wird, entpuppt sich im Roman schnell als Nullnummer. 8 Jahre war Missy alt, als Henry in den Krieg zog. Er um die 20. Und jetzt wartet sie darauf, dass er heimkommt und sie heiratet. „Hä?“, fragt ihr euch? Ja, ich auch. Aber es wird noch besser: Henry ist längst wieder da und wohnt in einem Veteranenlager. Weder seine Familie noch Missy ahnt das, denn Henry will ihnen nicht begegnen. Warum? Keine Ahnung. Er trägt eine Narbe und der Krieg hat ihm zugesetzt, erklärt er ihnen beim ersten Aufeinandertreffen. Stichhaltiger und nachvollziehbarer wird die Begründung leider nicht.

Das liest sich so, als hätte die Autorin eine bestimmte Konstellation für die Handlung ihres Romans gebraucht. Um diese schlüssig zu begründen und zu konstruieren, fehlte ihr aber scheinbar Zeit, Lust oder Talent. Denn ganz egal, wohin man in diesem Buch liest: komische Beziehungen, Geheimnisse und Abgründe. An sich nichts Schlechtes: daraus kann ja eine fesselnde Geschichte werden. Doch leider bleiben diese Geflechte bis zum Ende das, was sie schon zu Beginn waren: schwarze Löcher. Wir erfahren nichts über die Hintergründe, die Persönlichkeiten und die Beweggründe der Figuren. Ein Problem bleibt ein Problem. Die einzige Lösungsstrategie, die Vanessa Lafaye für ihre Charaktere einfällt: die Bösen müssen sterben. Das ist nicht nur langweilig, das ist übelstes Schema F und hat das Niveau eines Groschenromans.

Wenn Doc denkt

Es ist nicht nur die Handlung, die einschläfernd wirkt und wütend zugleich macht. Vor allem die Gedanken, die die Autorin ihren Figuren einpflanzt, haben mich an den Rand der Verzweiflung getrieben. Beispiel gefällig? Der Arzt des Städtchens Heron Key – natürlich schlicht Doc genannt, wie sollte es anders sein? – ist heimlich in Missys Chefin Hilda Kincaid verliebt. Schön und gut. Wie er über sie denkt, ist an Klischeehaftigkeit kaum zu überbieten:

Er wünschte, er könnte sie beschützen. „Lassen wir diese Wichtigtuer doch einfach stehen und suchen uns ein hübsches Plätzchen, von wo wir uns den Sonnenuntergang ansehen können“, hätte er am liebsten zu ihr gesagt. Er wünschte, er könnte ihrem zuckenden Lid Einhalt gebieten, indem er ihre Hand berührte, ihr versicherte, dass sie nach wie vor wunderschön war und für ihn auch immer eine Schönheit bleiben würde. Dass sie es verdiente, glücklich zu sein.

Ist er nicht putzig, der Doc? Will mit seiner Angebeteten in den Sonnenuntergang spazieren und sie glücklich machen. Flacher geht Charakterzeichnung kaum.

Der Holzhammer ist kein Schreibwerkzeug

Leider ist die Szene kein Einzelfall. Auch in Sachen Vorausdeutung tut sich der Roman nicht durch Feinsinnigkeit und Subtilität hervor:

In Zeiten wie diesen wünschte sie, ein Sturm würde über Heron Key hinwegziehen und alles vernichten – all die absurden Feindseligkeiten, die beinahe hundert Jahre zurückreichten, aber auch die jüngst entstandenen. Die Korallen unter ihren Füßen waren förmlich getränkt von all dem Hass. Vielleicht würde sich, wenn der Ort erst einmal von der Landkarte verschwunden wäre, die Gelegenheit bieten, noch einmal ganz von vorn anzufangen. Ja, genau das wäre ideal. Ein Neubeginn.

Puh. Man muss wahrlich keine hellseherischen Fähigkeiten besitzen, um zu erahnen, was im Laufe des Romans passieren wird. Ein Tornado wird über Heron Key hinwegfegen und alles zerstören. Wer hätte das gedacht?

Gekrönt wird die sprachliche Ausstattung des Romans von Metaphern und Vergleichen der Marke 08/15.

Er sah ihr tief in die Augen. In seinem Blick spiegelte sich eine verzweifelte Sehnsucht, so tief wie das Meer.

Wirklich? Wirklich? Mehr fällt einer Schriftstellerin da nicht ein, als der plumpste unter den plumpen Vergleichen? Meine Sehnsucht, dieses Buch so schnell wie möglich von mir zu werfen, war an dieser Stelle mindestens so tief wie die tiefste Stelle des Atlantiks.

Ich kann es leider nicht netter formulieren: Summertime hat mich wütend gemacht. Hier wird ein riesiges Potenzial einfach so verschenkt. Und zwar durch oberflächliche Konstruktion und formelhaften Schreibstil. Da wäre viel, viel mehr drin gewesen. Manchmal macht es auch traurig, recht zu haben: Halt die Fresse Klappentext.

Vanessa Lafaye. Summertime – Die Farbe des Sturms. Limes Verlag, 2017. 19,99 Euro.

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