Was ist mit den Leuten?

Sprachlos & kalt

Früher, in grauer Vorzeit, anno dazumal, so bis vor sechs Monaten – als Heike und ich noch zusammen in einer Redaktion und einem Büro arbeiteten – gab es die ein oder andere Mail, manchen Anruf oder auch persönliche Zusammentreffen/Kollisionen, die Heike die immer gleichen fünf Worte entlockten:

Was ist mit den Leuten?

Irgendwann wurde dieser so vielfältig einsetzbare Satz bei uns zum geflügelten Wort. Mittlerweile ist er mir richtig ans Herz gewachsen, aus meinem Leben nicht mehr wegzudenken.

Gäbe es die Wahl zum Satz des Jahres, wäre er für mich der haushohe Gewinner 2016. Noch nie in meinem Leben habe ich mir so oft und so unerwartet die Frage stellen müssen:

Was ist mit den Leuten?

Ich glaube, damit bin ich nicht allein. Dinge, die ich für unmöglich hielt, sind einfach so passiert. Einfach so. Und dann? Dann drehte sich die Erde weiter, als wäre nichts geschehen. Und gleichzeitig war das Leben ungemütlicher geworden, unentspannter, etwas weniger „Passt schon, ist okay“.

Das P und das O

Das hat mich umso mehr entsetzt, als dass ich mehrere Jahrzehnte meines Lebens – mindestens aber 2,5 – damit zugebracht habe, mich von der Pessimistin zur Optimistin hochzuarbeiten. Und endlich war der Gipfel erklommen – so mit 30 ungefähr – es war soweit, ich konnte offen und ehrlich und überzeugt sagen:

Ja, ich glaube an das Gute im Menschen. Alles wird gut. Das Leben ist schön. Meistens.

Und dann kam das Jahr 2016. Puh. Ich muss sagen, das hat meinen Optimismus ganz schön auf die Probe gestellt. Und hin und wieder hatte ich das Gefühl, man hätte ihn in die Knie gezwungen.

Ungerechtigkeiten, Unsäglichkeiten, Unverschämtheiten, Unzumutbarkeiten. Un- um Un- um Un- prasselten da auf uns ein. Politisch, publik, privat. Manchmal konnten wir es vielleicht gar nicht voneinander trennen.

Vor allem, weil es manchmal von Menschen kam, die wir glaubten, gut zu kennen oder zumindest einschätzen zu können. Die wir für intelligent und vernünftig hielten. Man wird immer wieder überrascht. Von Wahlausgängen, Anschlägen, Brutalitäten, Gemeinheiten und Meinungen, die in Form von Parolen vorgetragen werden. Als hätte die Erde sich einmal zu oft um sich selbst gedreht und ihr wäre dabei schwindlig geworden.

Bleibt alles anders? Hoffentlich!

Ja, die Welt ändert sich. Aber Veränderungen sind nicht immer schlecht, meistens sind sie sogar gut. Wären wir immer so geblieben, wie wir waren, gäbe es uns Menschen wahrscheinlich schon nicht mehr. Keine Kunst, keinen Fortschritt, kein Internet. Ja, natürlich darf man das sagen, wenn man Angst hat, etwas anders sieht oder so nicht will. Muss man sogar. Aber man kann es auch nett sagen oder einfach NUR sagen. Man muss es nicht brüllen, kreischen, zischen, züngeln und raunen, man muss dabei nicht den Vorschlaghammer zücken, man muss dabei nicht die Fäuste heben – und seien es nur verbale. Warum so gemein?

Was also ist mit den Leuten? Ich behaupte: Sie sind unzufrieden. Mit der Welt, der Politik, den anderen Leuten. Aber: zuallererst mit sich selbst. So viel Hass, Zorn und Ablehnung kriegt man nur zustande, wenn tief drinnen etwas in Schieflage geraten ist. Und das will dann nach draußen.

Aber was kann ein Flüchtling, was kann Dein Kollege, Dein Nachbar, Dein Freund oder Deine Familie, was können wir dafür, wenn Du Dein Leben scheiße findest und keine Lust hast, darüber nachzudenken?

Wieso sollen die Leute nett zu Dir sein, wenn Du nicht nett zu den Leuten bist?

Tu’ was. Jetzt!

Und wenn Du seine und meine und ihre Lebensweise scheiße findest, lass uns doch, ist ja unser Leben und nicht deins. Lass Dein „Das macht man so, das hat man immer schon so gemacht“ stecken. Ich frage Dich:

Wer ist „man“ und in welchem Gesetzbuch steht das?

Geh doch lieber mal vor die Tür, spitz’ mal um die Ecke, ganz vorsichtig, lauf mal die Straße runter und noch eine weiter, fahr mal in die Welt oder auch nur ein paar Kilometer: Die anderen sind gar nicht so anders, die wollen Dir gar nichts, im besten Falle auch einfach nur glücklich sein. Keine Partei, kein Krieg und kein Friede, kein Freund und kein Feind und auch kein Geld der Welt wird Dir das Glück bringen. Das bringst Du Dir nur selbst.

Und wenn Du es nicht hast, dann kannst Du es Dir holen. Das dauert zwar eine Weile, aber irgendwann kommt’s vorbei. Ganz langsam und ganz leise. Ich meine nicht DAS GLÜCK, Du wirst nicht plötzlich jauchzen und Purzelbäume schlagen und tanzen und singen und durch die Tage schweben. Aber vielleicht wirst Du ja zufrieden, dankbar, nicht mehr so leer, siehst nicht mehr so schwarz und so weiß, sondern auch die Grautöne, die sind nämlich viel schöner.

Darum such Dir doch ein Hobby, etwas, das Dir Spaß macht, wechsle den Job oder den Wohnort, such Dir Freunde, umgib Dich mit anderen Leuten, sag mal, was Du fühlst und schluck es nicht nur runter, um es anderen zerkaut vor die Füße zu spucken. Und wenn der Frust mannshoch und höher ist, dann lass Dir helfen.

Streck’ mal die Hand aus. Ich wette, jemand reicht Dir seine. Hör mal zu. Ich wette, jemand hört Dir zu. Interessier Dich mal für jemanden. Ich wette, jemand interessiert sich für Dich. Denk’ mal nach, was Du eigentlich willst. Vom Leben und überhaupt. Ich wette, Dir fällt etwas ein.

Mir ist etwas eingefallen: Ich will Optimistin bleiben. 2017 und überhaupt. Komm vorbei! Es ist schön da.

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