Wer das liest, ist doof

Lesen und lesen lassen

„Ein guter Germanist muss alles lesen“, so der Germanistik-Professor einer Freundin vor Jahren im ersten Semester einer Uni-Vorlesung. Die gleiche Freundin hat mit mir einen Streit darüber entfacht, ob Harry Potter nun in die Kinder- und Jugendliteratur einzuordnen sei, oder ob sich das Buch gleichermaßen an Erwachsene richtet. „An alle!“, war ihre Meinung. „Ganz klar an Kinder- und Jugendliche!“ war meine. Tage später erhielt ich einen Brief mit einer aus dem Magazin Focus herausgerissenen Seite auf der es hieß, dass Harry Potter auch deshalb so grandios sei, weil sich diese Lektüre auch an erwachsene Leser richte. Heute, Jahre später und nach Leseerfahrungen wie Tschick von Wolfgang Herrndorf oder Das Schicksal ist ein mieser Verräter von John Green, könnte mir die Diskussion  Jugendliteratur für Erwachsene, ja oder nein nicht egaler sein. Warum ich damals so stur und so streng war? Keine Ahnung. Wahrscheinlich weil mir Harry Potter einfach wirklich nicht gefallen hat. Was nicht an den Figuren oder dem Plot liegt, sondern an der Tatasche, dass ich mich im Fantasy-Setting mit Hexen und fliegenden Besen noch nie wirklich wohl gefühlt habe. Der kleine Vampir – uhaaa! Die kleine Hexe – grrrrr! Doch was soll, darf, muss man nun lesen?
Ich lese, was ich will. Erlaubt ist, was gefällt. Alles kann, nix muss. Und das sollte jeder so halten. Kein Anzugträger muss sich in der U-Bahn unwohl fühlen, weil das Cover seiner Harry Potter-Ausgabe jedem bekannt ist und ins Auge sticht. Niemand sollte sich nur deshalb einen dieser Schutzumschläge aus Stoff, oder buntem Plastik, oder was es da nicht mitlerweile alles gibt, kaufen, damit bloß keiner merkt, dass man jetzt doch auch zu denen gehört, die 50 Shades of Grey lesen.
In Sachen Mode und Gesichtsbehaarung geben heute oft Hipster den Ton an. Who`s hot and who`s not? Statusmeldungen zu Reisen, Autos, exklusiven Events drehen am Regler der selben Skala. Cool. So mittel. Uncool. Im Leseland sollten wir die Finger von solchen optischen Messlatten lassen. Also von wegen „Wer das liest, ist doof“, ich sage: „Lesen und lesen lassen!“

Bild: Giulia Bertelli/unsplash.com

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