Westeros liegt in Nordirland

Wo Game of Thrones zum Leben erweckt wird

Ich liebe gute Geschichten. Ganz besonders solche, bei denen ich selbst kurz vor Ende nicht sicher bin, wie sie enden werden. Bei denen weder schwarz noch weiß gemalt wird, sondern mit mehr als 50 Grauschattierungen. Bei denen es „das Gute“ und „das Böse“ nicht gibt, weil jeder Charakter ein bisschen von beidem ist. Bei denen niemand verschont bleibt: weder ich als Leser, Hörer oder Zuschauer noch die Charaktere. Sie mögen noch so schön, mächtig, charmant oder bösartig sein, sie mögen die Geschichte tragen oder ihr Würze verleihen – es geht ihnen an den Kragen, sie werden durchgeschüttelt, sie steigen empor, sie fallen herab. Weil gute Geschichten so spielen wie das Leben: chaotisch, überraschend, unvorhersehbar. Und darum liebe ich Game of Thrones.

Vom Song zur Serie

1996 veröffentlichte der amerikanische Fantasy-Autor George R.R. Martin den ersten Band seines Epos A Song of Ice and Fire, im Deutschen Das Lied von Eis und Feuer. Seit 2011 wird die gewaltige Saga vom Pay TV-Sender HBO verfilmt. Mit ungeheurem Aufwand, einem gigantischen Budget, erstklassigen Schauspielern und phänomenalen Drehbuchautoren. Was man da zu sehen bekommt, ist: spektakulär. Hinter diesem Spektakel steckt viel, viel Geld, aber vor allem Menschen, die verstehen, es richtig einzusetzen. Da wird jede Menge in Special Effects geballert, aber nur da, wo man sie braucht. Denn der vielleicht größte Pluspunkt dieses Projekts ist der Verzicht – und zwar auf Kulisse.

In den Titanic Studios wird gedreht, was die Natur nicht bieten kann.

Der überwiegende Teil der Aufnahmen – und ja, das sieht man und das spürt man – sind draußen in der wilden Natur entstanden. In Kroatien, Spanien, Island, Marokko, Malta – und Nordirland.

Und genau dahin habe ich mich aufgemacht: an die Küste Nordirlands. Dort, wo Winterfell, die Eiseninseln, die Sturmlande, Drachenstein und Dorne liegen. In Martins Westeros mögen die Sieben Königslande Tausende von Meilen trennen, hier ist es manchmal nur ein Steinwurf.

Bei den Starks auf Winterfell

Der Innenhof von Winterfell entstand auf Castle Ward

Wo beginnt man eine Reise ins Herz dieser Geschichte? Natürlich dort, wo sie beginnt: in Winterfell, dem Sitz der Familie Stark. Die Starks sind Nordmenschen durch und durch. Rau, aber herzlich, diszipliniert, ehrlich, gerecht und treu. Ihr Wappentier ist der Wolf und ihr Leitspruch Winter is comingDer Winter naht. Natürlich gibt es Winterfell nicht wirklich. Und ich bemerke es auch erst auf den zweiten Blick, als ich auf das Anwesen von Castle Ward komme, wo der Sitz der Starks für die Serie entstand. Doch als ich genau hinsehe, erkenne ich den Innenhof der Burg, wo Ned, Catelyn, Robb, Sansa, Arya, Bran und Rickon Stark zu Beginn gemeinsam mit Jon Snow und Theon Graufreud Robert und Cersei empfangen. Das war in Staffel 1! Seitdem haben die Starks und Winterfell so einiges mitgemacht.

Robbs Camp und Walder Freys Zwillingsturm liegen in Wirklichkeit ganz nah beieinander.

Der älteste Sohn der Starks, Robb, reitet gegen Ende der ersten Staffel gegen die Lannisters. Sein Kriegslager schlug er ebenfalls auf dem Gelände von Castle Ward auf: bei Audley’s Field. Direkt dahinter erhebt sich Audley’s Castle als einer von Walder Freys Zwillingstürmen, das real aus einem einzigen mickrigen Türmchen besteht. Dennoch erkennt man es sofort. Mindestens genauso schnell wie wir Zuschauer erkannt haben, dass der alte Frey nichts Gutes im Schilde führt.

Bei den Graufreuds auf den Eiseninseln

Willkommen auf den Eiseninseln!

Im Verlauf der Geschichte verweht es die Stark-Geschwister wie Blätter im Wind. Ein paar von ihnen müssen sterben, einige verleugnen ihre Identität, andere finden zu ihrer Bestimmung. Auch Ned Starks Mündel Theon Graufreud hat’s alles andere als leicht. Mal hasst man ihn, mal liebt man ihn, mal tut er einem einfach nur leid. Von Winterfell führt ihn seine Reise zunächst zurück in seine alte Heimat, die Iron Islands, die Eiseninseln. Im Hafen des kleinen Ortes Ballintoy trifft er dort ein und erstmals wieder auf seine Schwester Asha (die in den Büchern übrigens Yara heißt). Später wird er hier in der Religion des Eilands getauft und ein Schäfchen des Ertrunkenen Gotts, des Drowned God.

Was tot ist, kann niemals sterben: Der Taufort von Theon Graufreud.

Von dort reiten die beiden (wer sich erinnert: etwas vertrauter als bei Geschwistern so üblich; aber das hat bei Game of Thrones ja Methode) über die Murlough Bay Richtung Pyke zur Burg ihres Vaters Balon Graufreud.

Von der Murlough Bay geht’s direkt nach Pyke.

Der trägt einen Kraken auf seinem Banner und erklärt, was das Motto der Eisenmänner ist: We do not sowWir säen nicht. Der felsige Sitz der Eisenmänner heißt in Nordirland Dunluce Castle und liegt nur einige Meilen vom Giant’s Causeway entfernt. Die Burg wurde einst auf die steilen Felsen der Causeway Coast gebaut und fiel irgendwann der Natur zum Opfer. Aufgrund von Erosion stürzten Teile ins Wasser, was sie zur Ruine und unbewohnbar machte: das perfekte Setting für den unwirtlichen Herrschaftssitz der Eiseninseln.

Die Burg Pyke alias Dunluce Castle thront inmitten der Felsen.

 

Noch etwas mulmiger wird der Blick nach unten auf der Seilbrücke Carrick-a-rede. Die wackelige Angelegenheit kostet Eintritt und wird vom National Trust verwaltet. Aber keine Sorge: Das Ding ist sicher, auch wenn die sechste Staffel der Serie anderes vermuten lässt: Balon Graufreud jedenfalls überlebt den Gang über die Brücke nicht. Oder hat ihn etwa jemand gestoßen?

Plumps macht da der Balon und ward nicht mehr.

Bei Renly in den Sturmlanden

Nicht nur die Graufreuds träumen von der großen Macht und dem Eisernen Thron. Besonders den Brüdern Baratheon würde ein Platz auf dem scharfkantigen Stuhl gut schmecken. Die Familie trägt den Hirsch als Wappentier und ist nicht als sonderlich friedfertig bekannt: Ours is the FuryUnser ist der Zorn lautet ihr Credo. Der eher sanfte Renly schlägt sein Lager in den Sturmlanden auf, um von dort Königsmund zu erobern.

Sturmkap – hier plant Renly Baratheon seinen Eroberungszug.

Die Sturmlande befinden sich in den nicht ganz einfach zu erreichenden Hügeln über der Murlough Bay unweit des Fair Heads bei Ballycastle, der höchsten Klippe Nordirlands sowie abseit der Carrick-a-rede-Brücke. Auch ohne Game of Thrones-Hintergedanken eine Wanderung wert. Hier lässt Renly Baratheon sich von Loras Tyrell bezirzen und von Brienne von Tarth beschützen, was – wie sollte es anders sein – nicht lange gut geht.

Hier treffen Catelyn Stark und Renly aufeinander.

Bei Stannis und Melisandre auf Drachenstein

Schließlich hat sein älterer Bruder Stannis und vor allem seine mysteriöse Gespielin, die meist nur als rote Frau bezeichnete Priesterin Melisandre, auch ihre Finger mit im Spiel der Throne. Stannis’ Sitz, das imposante Drachenstein, thront über dem Downhill Beach.

Mit CGI wird aus dem kleinen Mussenden Temple das imposante Drachenstein.

Der reale Mussenden Temple verwandelt sich dank CGI in das sturmumtoste Dragonstone, in dem übrigens Daenerys Sturmtochter Targaryen – auch als Mutter der Drachen bekannt – das Licht der Welt erblickte. Die rote Frau verbrennt am Strand lieber Ungläubige.

Die rote Frau legt hier gerne mal ein Feuer.

Mit Jamie und Bronn in Dorne

In Staffel Fünf treffen Jamie Lannister und Bronn bei ihrer Suche nach Myrcella auf die dornischen Sandschlangen. Erinnert ihr euch? Das sieht zwar sehr exotisch und südländisch aus, wurde aber im eher kühlen Nordirland verwirklicht. Das kleine Land beweist, wie vielseitig es sein kann: die Szenen wurden auf den endlosen weißen Sandstränden zwischen White Park Bay und Portstewart Strand gedreht. Wenn die Sandschlangen nicht gekommen wären, hätten Jamie und Bronn hier sicher einen kurzen Badestopp eingelegt.

Die White Park Bay grenzt an die Küste von Dorne.

Mit Asha beim Königsthing

Nach dem Tod von Balon Graufreud bemüht sich seine Tochter Asha um den Thron der Eiseninseln. Weil es dort etwas rauer zugeht, wird ein Wettkampf – Königsthing oder im Englischen Kingsmoot genannt – abgehalten. Der Kampf findet unweit der Carrick-A-Rede Seilbrücke statt. Wer bei Game of Thrones ganz genau hinsieht – das lohnt sich eigentlich immer – entdeckt die kleine Brücke öfter mal im Hintergrund.

Hier kämpft Asha um den Thron ihres Vaters.

Nicht nur in Szenen, die auf den Eiseninseln spielen. Die Umgebung mit seinem türkisblauen Wasser und den schroffen, aber mit sattem Grün bewachsenen Felsen ist einfach zu schön, um sie nicht innerhalb von Westeros öfter mal zu verlagern und zu verwandeln.

Mit Arya auf dem Königsweg

Die abenteuerlichsten Irrwege unter den Starks schlägt vermutlich Arya ein. Mal gibt sie sich als Junge aus, mal als Fischhändlerin, mal ist sie blind, mal ein Niemand – aber immer sinnt sie auf Rache. Diese Reise mit Wiederkehr beginnt auf dem Königsweg.

In der Serie gibt’s hier keine Straße, nur ganz viel grünes Gras.

Eine der eindrücklichsten und bedrohlichsten Wegstrecken führt durch die Dark Hedges, eine dicht gewachsene Allee in der Nähe des Städtchens Ballymoney. Mittlerweile ist sie ein wahrer Touristenmagnet, hier werden Busladungen an Fotosüchtigen hingekarrt. Nicht ganz zu Unrecht: Die Allee hat etwas Magisches. Weil mit den Starks die Geschichte beginnt – und wagemutig behaupte ich, auch enden wird, schließen die Dark Hedges würdig den Kreis.

Kennt ihr noch mehr fantastische Drehorte? Ich freue mich über Ideen und Inspirationen in den Kommentaren.

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