William Boyd: Eines Menschen Herz

Ein Jahrhundert in einem Leben

Ulla meinte vor einiger Zeit zu mir: Heike, du MUSST William Boyd lesen! Und was mach ich? Ich hab’s nicht gemacht. Und was macht die Ulla? Sie schenkt mir Eines Menschen Herz von – genau – William Boyd.

Der Roman Eines Menschen Herz – englische Originalausgabe: Any Human Heart-, erzählt ein Leben. Nur eines. Das Leben von Logan Mountstuart, geboren am 27. Februar 1906 in Uruguay, gestorben am 5. Oktober 1991 in Frankreich. Wenn wir tot sind, wieviele werden wir gewesen sein? Wie viele Menschen werden wir gewesen sein? Wirklich nur einer? Oder wirklich nur ein junger, einer im besten Alter und ein Alter? Oder gar in jedem Jahrzehnt ein anderer? Und wann werden wir anfangen zu akzeptieren, dass wir immer genau das sind, was das Leben aus uns macht? Diese und noch unzählige andere Lebensfragen habe ich mir gestellt beim Lesen von Logan Mountstuarts Leben.

Vom Erzählen in Tagebüchern

Die Form des Romans ist von William Boyd ebenso geschickt wie mutig gewählt. Die Hauptfigur erzählt uns ihr Leben in Tagebüchern. Das Schultagebuch, Das Oxforder Tagebuch, Das erste Londoner Tagebuch und so weiter. An Dialogen mangelt es diesem Roman aber nicht. Der Schreiber notiert sein Leben sehr ausführlich, zumindest immer dann, wenn er es aufschreibt. Dazwischen gibt es Zeitsprünge, Jahre, von denen keine Aufzeichnungen existieren. Logan Mountstuart erlebt dieses Jahrhundert wirklich und zwar bewusst, intensiv und das immer vom Brennpunkt der Zeit aus. Aber warum interessiert uns das Leben dieser Figur weit mehr, als das Jahrhundert, das sie erlebt? 1969 schreibt er über etwas, das der Dichter David Gascoyne ihm gesagt haben soll:

Wir wollen nicht wissen, daß ‚Hitler in Polen einmarschiert ist‘- wir sind viel neugieriger darauf, was du zum Frühstück gegessen hast. Außer natürlich du warst dort, als Hitler in Polen einmarschierte und er dich beim Frühstücken gestört hat.“

Es interessiert uns, weil er ein Mensch ist. Uns interessiert dieses Menschen Herz.

Logan Mountstuart

boyd_kleinWilliam Boyd schenkt uns eine Hauptfigur, die, obwohl so unfassbar viel geschieht in ihrer Biographie, doch recht passiv durchs Leben geht. Der junge, in England lebende Mountstuart, der in Oxford auf’s College geht, ist faul und leidet vor allem in seinen Jugendjahren an chronischer Selbstüberschätzung, ohne dabei wirklich zu leiden. Seine Abschlussprüfung findet er, sei ihm gut gelungen. Die Prüfer hingegen finden, das sei nur so mittel gut gewesen. Auch gut, scheint sich Mountstuart zu denken. Diese Leichtfüssigkeit schadet ihm nicht. Er hat Freunde, erst Eltern, nach dem Tod seines Vaters eine Mutter, Mädchen, später Huren, nacheinander zwei Ehefrauen und bis zuletzt Freundinnen. Er hat Jobs. Er ist Schriftsteller und Journalist, manchmal abwechselnd, manchmal parallel. Im zweiten Weltkrieg wird er Spion, dann Gefängnisinsasse, nach dem Krieg ist er Kunsthändler, am Ende seines Lebens wird er aus Versehen zum Handlanger der RAF. Die Etappen seines langen Lebens bringen ihn nach England, Frankreich, New York, Nigeria. Er ist ein Treibender, der sich gerne treiben lässt. Manchmal freiwillig. Manchmal weil ihn die Umstände dazu zwingen. In jedem Fall ist er ein Überlebender. Wenn es darum geht zu überleben, wird der passive Mountstuart jedesmal aktiv. Logan Mountstuart will leben, den letzten Atemzug so weit als möglich nach hinten schieben.

Wie beiläufig wird Geschichte erzählt

Die Hauptfigur trifft in ihrem Leben so allerlei Menschen, die heute unzweifelhaft zu den Größten ihres Faches und ihrer Zeit gehören. Virginia Woolf kann sie nicht leiden. Von Pablo Picasso erhält er eine Zeichnung, die ihn Jahrzehnte später in einer finanziellen Durststrecke über Wasser halten wird. Er begegnet den Schriftstellern Alex Bennett, Aldous Huxley, Ernest Hemingway und James Joyce. Er hat einmal ein Kunstwerk von Paul Klee besessen und 1969 hört er über BBC World Service die Mondlandung im Radio.

Es war ein seltsames, schwindelerregendes Gefühl, nach oben zu starren und mir die Männer auf dem Mond vorzustellen. Ich war traurig und fühlte mich ein wenig beschämt. Traurig deshalb, weil es wohl kein besseres Beispiel dafür gibt, mit welchem Tempo das Leben einem Mann meines Alters davongaloppiert. Vier Jahre vor meiner Geburt hatten sich die ersten Flugmaschinen aus Sperrholz und Leinwand gerade in die Lüfte erhoben. […] Und beschämt war ich bei dem Gedanken, daß wir armseligen, zerfahrenen Kreaturen zu solchen Leistungen fähig sind.“

Reich und arm, jung und alt, vom Glück geküsst, vom Pech verfolgt

Der aus gutem Hause stammende, wohlhabende Mountstuart lernt im Laufe seines langen Lebens alle Facetten des Seins kennen. Oft lebt er sorgenfrei, weil reich, in seinen Hundejahren ernährt er sich von Hundefutter. Er vergnügt sich und verliebt sich. Er verliert die, die er liebt und kann sich fortan nicht mehr vergnügen wie zuvor. Er hat ein erste Klasse Ticket für’s Leben gelöst, doch die Geschichte und das Schicksal spielen da nicht mit. Ein Weltkrieg erschüttert das stabilste Fundament. Doch Mountstuart nimmt sein Schicksal an, lebt einfach immer weiter, was auch passiert und versucht dabei stets eine gute Figur zu machen.

Jungskram und Altersweisheiten

Ich mochte vor allem den ganz jungen Mountstuart. Den Kopf voller Flausen und Jungsträume, das Herz in der Hose. Als er das andere Geschlecht kennenlernt, konzentriert er sich dabei sofort auf die erste große Liebe des besten Freundes. Schon da wird klar, dass das Leben so manche Überraschung für einen parat hat. Auch den ganz alten Mountstuart mochte ich sehr. Dieser fällt tief, weil die Gesellschaft versagt. Menschen, die keine Senioren sind, behandeln Senioren entweder wie Unsichtbare oder wie Nervtötende. Der alte Mountstuart, der sich von all dem nicht unterkriegen lässt, schreibt im Tagebuch der Jahre 1979-1991 über einen Baum und meint doch sich selbst:

Der Winter entblößt die massive, verschlungene Muskulatur der alten Eiche. Wie ein alter Mann, der seinen Maßanzug abgelegt hat und in seiner Nacktheit nicht weniger beeindruckend ist.“

In seinen letzten Jahren zieht er auch immer wieder Bilanz über das Leben und über das Glück:

Das ist alles, was das Leben am Ende ausmacht: die Gesamtheit des Glücks und des Unglücks, das einem widerfährt. Diese einfache Formel erklärt alles. Summiere Glück und Unglück, und wiege es gegeneinander auf.“

Aus den selben Jahren stammen die Sätze:

Wir alle wünschen uns einen schnellen Tod, aber wir wissen, daß er nicht jedem vergönnt ist. Unser Ende ist das letzte Stückchen Glück oder Unglück – der letzte Beitrag zur jeweiligen Seite der Bilanz.“

Mountstuart stirbt unter einem Kastanienbaum. Neben ihm steht eine halbleere Flasche Wein.

 

Unter anderem hier gibt’s das Buch:

Eines Menschen Herz, William Boyd, 704 S., 11,99 Euro. Berlin Verlag 2008.

Das Leben von Logan Mountstuart gibt es auch als Mini-Serie:

Any Human Heart – Season 1 [2 DVDs] [UK Import]

Und eine Verfilmung gibt’s auch:

Masterpiece Classic: Any Human Heart

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