William Boyd: Sweet Caress

Ein Bild von einer Frau

Wie ein kleines Kind an Weihnachten freue ich mich auf jeden neuen William Boyd. Irgendwie macht er immer dasselbe, aber das so spektakulär wie kein Zweiter.

Diesmal aber war alles anders, obwohl er seiner Masche treu geblieben ist – mit ein paar Ausnahmen. Vielleicht war es aber auch mein Fehler: ich habe gegoogelt. Aber dazu später.

Zunächst für alle Nicht-Boydianer (Leute, lasst ab von diesem Irrsinn!) eine kurze Erklärung der Masche:

Man nehme einen (eher unbedarften) jungen Mann, das 20. Jahrhundert, ein paar berühmt-berüchtigte Persönlichkeiten der Zeitgeschichte (z.B. Sigmund Freud, Mitglieder des englischen Königshauses, Ian Fleming etc.) und mische das ganze gut durcheinander. Heraus kommt die Geschichte des wohl widersprüchlichsten Jahrhunderts – und die eines Menschen.

Beide begreift man in ihrer Kombination als das, was das Leben nun mal ist: eine Aneinanderreihung von Zufällen. Das macht einen mal wütend, mal glücklich – und sehr oft unfassbar traurig. Lest Any Human Heart und ihr wisst, wovon ich spreche.

Das Leben der Amory Clay

So, und nun zurück zu Amory Clay. Sie ist die Hauptfigur von Sweet Caress und boyd-untypisch: eine Frau und damit eine erste Abweichung von der Masche. Wie die anderen Protagonisten in Boyds Romanen lernen wir sie als Jugendliche kennen und folgen ihr auf Schritt und Tritt von Lebensphase zu Lebensphase bis hin zu ihrem Tod. Wir erleben ihren rasanten Aufstieg als eine der ersten erfolgreichen Fotografinnen, das Ende der Weimarer Republik, das New York der 30er und 40er Jahre, berufliche und private Krisen, Krankheit und Krieg.

Der Chronologie ihrer Lebensgeschichte, die uns von Ich-Erzählerin Amory selbst geschildert wird, stellt Boyd ein Tagebuch Amorys aus dem Jahr 1977 an die Seite, quasi als reflexives Korrektiv, das die Geschehnisse einordnet und gleichzeitig den Spannungsbogen oben hält (das hat die Geschichte hin und wieder bitter nötig).

Beispiel: Wir erleben Amorys erstes Mal mit dem jungen Lockwood. Wenige Absätze später lesen wir im Tagebuch, dass sie während ihres Lebens mit fünf Männern geschlafen hat. Das ganze Buch über hebt man also die Finger zum Zählen: Der wievielte ist das jetzt? Und als sie heiratet, stellen wir fest: Halt, das ist erst Nummer Vier! Ein kluger Schachzug, diese doppelte Ebene. 
Well done, Mr Boyd.

Weniger „well“ ist jedoch eine weitere Abweichung von der Masche: Boyd lässt nicht nur Worte, sondern auch Bilder sprechen. Alle paar Seiten unterbricht er bewusst unseren Lesefluss und zeigt uns Fotos aus Amorys Sammlung.

Fakt oder Fiktion?

Genau hier beginnt das Problem, das ich mit dem Buch habe. Am Anfang funktioniert diese Wort-Bild-Symbiose so gut, dass ich überzeugt war, eine Biographie in Romanform zu lesen. Ich war mir ganz sicher: Amory Clay war eine berühmte Fotografin, ich hatte nur noch nie von ihr gehört. Dann wurde mir meine Neugier zum Verhängnis. Wie die wohl ausgesehen hat? Ich will – in diesem Fall leider – immer wissen, wie diese Leute ausgesehen haben, von denen ich da lese.

Google liefert die Antwort sogleich: Amory Clay ist ein fiktionaler Charakter, erfunden von William Boyd. Hmpf.

Einerseits: Chapeau! Wieder einmal reale und fiktive Historie so verwoben, dass man absolut an die Existenz der Protagonistin glaubt.

Doch nun das große Aber:
wir sehen immer mehr Bilder und stellen plötzlich fest, dass dieselben Personen sich auf unterschiedlichen Abbildungen überhaupt nicht ähneln. Was vermutlich daran liegt, dass Boyd sich in seinem Archiv bedient hat und eben Bilder verwendet hat, die nun mal nicht dieselben Personen zeigen.

Ich stelle außerdem an mir selbst fest, dass mir das Kopfkino mitunter doch lieber ist. Kein Foto kann mit Amorys Beschreibung vom eindrucksvollen und erhabenen Cleveland Finzi mithalten. Das trägt natürlich wiederum eine Aussage in sich. Mit den Augen eines Liebenden…

Jammern auf hohem Niveau

Was aber nun wirklich nicht funktioniert, sind die preisgekrönten Fotos. Sie sind einfach nicht gut genug, um mich glauben zu lassen, sie hätten hoch dotierte Preise erhalten. Und das macht mir letztendlich das Buch madig.

Ich fühle mit einem Charakter mit – egal, ob er real oder fiktiv ist. Nur das eine glauben machen, während das andere der Fall ist, das hat für mich nicht funktioniert. Ich brauche einfach diesen „suspension of disbelief“ – im Moment des Lesens muss selbst die unwahrscheinlichste Fiktion für mich wahr erscheinen. Die Fotos haben mir das kaputt gemacht.

Und trotzdem hat mich Amory bis zum Ende nicht verloren. Aber wir reden hier nun mal von William Boyd. Und ich jammere auf höchstem Niveau.

William Boyd, Die Fotografin: Die vielen Leben der Amory Clay. 560 S., 24 Euro. Berlin Verlag.

Auf Englisch:
William Boyd, Sweet Caress: The Many Lives of Amory Clay. 464 S., 23 Euro. Bloomsbury Publishing.

Leseempfehlung:
William Boyd, Any Human Heart. 512 S., 8,99 Euro. Penguin.
William Boyd, Eines Menschen Herz. 704 S., 11,99 Euro. Berlin Verlag.

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