Wolfgang Herrndorf: Ausstellung ZITATE

Darf ich vorstellen, Wolfgang Herrndorf, der Künstler

In Plüschgewittern, gelesen. Tschick, check. Sand, steht noch auf der Ach-Heike-das-wolltest-du-schon-längst-gelesen-haben-Liste. Ausstellung Zitate, äh, bitte was? Dass der als Schriftsteller bekannt gewordene Wolfgang Herrndorf (1965-2013) auch künstlerisch tätig war, das wusste ich. Mein Wissen erschöpfte sich aber mit den Auftragsarbeiten für das Satiremagazin Titanic. Die Ausstellung Zitate im Literaturhaus München zeigt noch bis zum 25. September 2016, dass das künstlerische Werk dieses mega begabten Menschen facettenreicher ist, als es die Titanic-Zeichnungen erahnen lassen.

Der bildende Künstler, der lieber Schriftsteller sein wollte

Herrndorf studierte an der Akademie der Bildenden Künste in Nürnberg. Häufiger sagte er, dass er gar kein Künstler sein wolle. Betrachtet man seine Bilder mit diesem Wissen, drängen sich Gedanken auf: Es ist schon verhext, so gut zu sein, in dem was man tut, und nicht sein zu wollen was man ist. Ein Maler. Ein Zeichner. Ein Illustrator.

„Ich kann sagen, dass ich in meinem Leben nichts getan habe, was ich nicht wollte. […] Illustrationen im Auftrag anzufertigen war ein Grenzfall, […] weil ich schon vor Ende meines Studiums nicht mehr malen wollte. (…) Schreiben wollte ich immer.“ (Wolfgang Herrndorf)

Mit diesen Worten zitiert ihn das Literaturhaus München, in dem nun 160 seiner Bilder, Zeichnungen und Gouachen, darunter auch einige Selbstportraits, ausgestellt werden. Die Arbeiten – und Kunst war für Herrndorf stets Arbeit – stammen aus dem etwa 600 Werke umfassenden Nachlass des Künstlers. Carola Wimmer, die Witwe von Wolfgang Herrndorf, und Jens Kloppmann, Künstler und Kurator dieser Ausstellung, haben eine Auswahl getroffen, die die Vielschichtigkeit des Künstlers verdeutlicht und dabei eine Ahnung davon vermittelt, wie das Wesen dieses, immer nach Perfektion Strebenden gewesen sein muss.

Hamster im Schraubstock – die Werke

Lustig und traurig. Das kommt mir beim Betrachten vieler der Bilder sofort in den Sinn. Hingeschaut. Gleich gelacht. Oder zeitverzögert geschmunzelt (wir haben es hier mit einem sehr klugen Maler zu tun). Und schnell drückt sich, ebenso zeitverzögert, etwas Melancholie durch das Gezeigte und so auch durch das Lachen und Schmunzeln. Die Bilder tragen alle irgendwie etwas Schweres in sich. Vielleicht sogar etwas Schwere.
Zitate heißt die Ausstellung, weil die gezeigten Werke beinahe allesamt Zitat sind. Andeutungen, Anspielungen, Kopien alter Meister, in die der neue Meister ohne falsche Bescheidenheit eingreift. Herrndorf kann malen, das zeigen nicht zuletzt eben diese Bilder. Es gibt ein Gemälde von Altkanzler Helmut Kohl, das aussieht wie ein Picasso. Es ist aber ein Herrndorf. Daneben gibt es ein Bild mit einem Schwein in den Armen einer Nackten, das aussieht wie ein Raffael. Es ist aber ein Herrndorf. Beiden, Kohl und dem Schwein, widmet Herrndorf eine jeweils eigene Gemälde-Reihe, in denen man die Stile weiterer Künstler wie z.B. Hopper erkennt. Das macht Spaß! Und Spaß machen auch die kleineren Zeichnungen und Auszüge aus den Auftragsarbeiten für die Titanic. Auch ein Schriftverkehr zwischen dem Illustrator Herrndorf und der Titanic wegen einer rechtlichen Sache ist ausgestellt, der vermuten lässt, wie der Humor Herrndorfs gelagert war. Meine Vermutung hierzu möchte ich nicht aufschreiben. Ich vermute nämlich sie ist falsch. Stattdessen lasst mich kurz eine Zeichnung beschreiben, die das Spannungsfeld von Witz und Sarkasmus oder Witz und Skepsis oder Witz und Melancholie aufzeigt. In wenigen schwarzen Strichen quetscht der Maler einen Hamster in einen Schreibstock und zeigt, wie das Tier – genau – zerquetscht wird. „Der Beweis, daß es Gott nicht gibt: Hamster im Schraubstock“ ist auf dem Bild zu lesen. Witzig. Irgendwie. Aber auch traurig. Irgendwie. Die Kirche fand`s übrigens nicht so witzig. Logisch. Irgendwie.

Von Herrndorfs Bildern geht etwas Geheimnisvolles aus. Das Geheimnisvolle liegt dabei aber nicht in dem, was gezeigt wird, das ist meist auf den ersten Blick klar. Das Geheimnisvolle liegt eher in der Schizophrenie der Darstellung, in dem Gegensätzlichen Gefühl, das sich beim Betrachten breit macht. Humor und Trauer, Leichtigkeit und Schwere. Frisch fühlt man sich nicht unbedingt, wenn man die Ausstellung Zitate verlässt. Aber bereichert. Bereichert um Wissen. Um Kunst. Und um ein Gefühl. Beschreiben möchte ich dieses Gefühl aber nicht. Ich vermute nämlich, dass es falsch ist.

Ausstellung Zitate, Literaturhaus München. Noch bis zum 25. September.

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