Wort-Art #1

Sarah Kirsch: Im Sommer

Dünnbesiedelt das Land.
Trotz riesigen Feldern und Maschinen
Liegen die Dörfer schläfrig
In Buchsbaumgärten; die Katzen
Trifft selten ein Steinwurf.

Im August fallen Sterne.
Im September bläst man die Jagd an.
Noch fliegt die Graugans, spaziert der Storch
Durch unvergiftete Wiesen. Ach, die Wolken
Wie Berge fliegen sie über die Wälder.

Wenn man hier keine Zeitung hält
Ist die Welt in Ordnung.
In Pflaumenmuskesseln
Spiegelt sich schön das eigne Gesicht und
Feuerrot leuchten die Felder.

 

Jetzt, wo der Sommer langsam zu Ende geht, der Herbst seinen Besuch angekündigt hat und im Schlepptau einfach einen ungebetenen Gast namens Winter hinter sich herzieht, lese ich dieses Gedicht besonders gern. Für mich ist es eines der besten deutschen Gedichte. Und es hat auch etwas typisch Deutsches. Das meine ich sowohl positiv wie negativ.

Es ist zwar schon aus dem Jahr 1976, aber irgendwie kann man all die Bilder, die darin stecken, immer noch finden.

Über das Leben auf dem Land

Ich bin ja ein Landkind. Und ich hab auch viel übrig für das Land. Weil es schon so sein kann, wie im Gedicht beschrieben. Da gehen die Uhren etwas langsamer. Da geht man aus dem Haus, steht auf grünen Wiesen und blickt in den weiten Sternenhimmel.

Aber ich bin auch froh, dass ich nicht mehr auf dem Land wohne. Weil es eben auch so sein kann, wie im Gedicht beschrieben.

Das ist das Gute an diesen Zeilen: Da steckt so viel drin. Beim ersten Lesen denkt man so: Ach Mensch, schön. Wie putzig, wie ruhig, ein heiles Fleckchen Erde. Da ist die Welt noch in Ordnung.

Mit dem Rücken zur Welt

Und dann schaut man genauer hin: Die Dörfer befinden sich im Dauerschlaf, von der Welt da draußen will man besser nichts wissen, verändern will man nichts – das haben wir ja schon immer so gemacht – und schön ist es nur so lange, bis man hinter die Fassade guckt. Dann sieht’s nämlich vielleicht nicht mehr so rosig aus wie im Pflaumenmuskessel.

Hin und wieder erwischt ein Stein eben doch die Katzen. Und die Vögel: Wie lange wird sie’s hier noch geben? Da geht’s nicht nur darum, dass sie im Winter gen Süden fliegen. Möglicherweise sind ja die Wiesen bald vergiftet? Die Sterne sind gefallen, die Wolken türmen sich auf am Himmel. Vielleicht sollte man doch mal umdenken? Vielleicht sollte man den Blick doch besser mal auf die Zeitung lenken statt sich immer nur hinter den Buchsbaumbüschen zu verschanzen und auf die Nachbarfelder und das eigene Gesicht zu glotzen?

Das klingt für mich nicht nach 1976, sondern nach 2016.

Aber lies es, wie Du willst: Als Naturgedicht oder als Gesellschaftskritik. Frau Kirsch beherrschte die hohe Wortkunst, sodass beides funktioniert.

Deswegen les‘ ich es wieder und wieder. Und jedes Mal fällt mir was Neues dazu ein.

Aus: Sarah Kirsch, Sämtliche Gedichte. 559 S., 24,99 Euro. DVA.

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