Willkommen im Leben

Zurück in die Vergangenheit und willkommen im Leben

Backflash in die 90er

Jordan Catalano, du bist die coolste Sau der Welt. Warum bist du nicht echt und warum kannst du nicht auf meine Schule gehen? Ungefähr so dachte ich im Jahr 1996, als die US-Serie My So Called Life als Willkommen im Leben auf RTL2 ausgestrahlt wurde. Weiter war ich mir sicher, dass ich Jordan Catalano (gespielt von Jared Leto) niemals, wirklich nie, niemals vergessen würde. Weil – siehe oben – coolste Sau, mega hübsch, wahnsinnig süß, glänzendes Haar, glatte Haut… Ich war tieftraurig, als die Serie nach nur einer Staffel abgesetzt wurde, verfluchte die amerikanischen Fernsehbosse und – ja, vergaß Jordan Catalano recht schnell und lebte ohne ihn weiter. Das hat seltsamerweise ganz gut funktioniert. Zu meinem letzten Geburtstag, gut zwanzig Jahre später, habe ich das beste Geschenk aller Zeiten bekommen. Eine Zeitmaschine! Eine Zeitmaschine in Form der DVD-Box zur TV-Serie Willkommen im Leben. Ich hab die neunzehn Folgen in einem Rutsch durchgeschaut und wieder verfluche ich die amerikanischen Fernsehbosse, denn wieder kann ich nicht verstehen, warum die Serie nicht fortgeführt wurde. Willkommen im Leben ist für mich die beste TV-Teenie-Serie der 90er-Jahre. Vielleicht liegt das daran, dass ich selbst sechzehn war und die gleichen Klamotten trug wie die Darsteller, vielleicht liegt es aber auch an der Art der Inszenierung des Stoffs und der Performance der Schauspieler.

Schlachtfeld Schule

Ganz grob geht es in Willkommen im Leben um die pubertierende Angela Chase (Claire Danes). Die Fünfzehnjährige lebt mit ihren Eltern und der kleinen Schwester ein typisches gut situiertes Mittelschichtleben. Ihr Leben ist sicher, ihre Zukunft ist sicher, sie ist genervt von ihren Eltern, das ist auch sicher, und ganz sicher ist sie gelangweilt von ihren spießigen und perfekten Streberfreunden. Als sie sich mit der wilden Rayanne Graff (A. J. Langer) und dem schwulen Mitschüler Rickie Vasquez (Wilson Cruz) anfreundet, kommt Schwung in ihren Schülerinnenalltag. Ihr Lebensinhalt ist die unerfüllte Liebe zu Jordan Catalano, der immer so lässig und verträumt an irgendeinem Spind in den Gängen der Highschool gelehnt steht, um sich Augentropfen in seine großen blauen Augen zu tropfen. Er ist der James-Dean-artige Typ, den es ja beinahe an jeder Schule gibt. Etwas älter als die anderen (weil nicht der Hellste – das hat mein sechzehnjähriges schwerverliebtes Ich aber nicht bemerkt), Gitarrist in einer Band mit dem vielversprechenden Namen Frozen Embryos, cooles Auto (eigentlich Schrott, aber auch das erkannte ich nicht), unnahbar und somit unfassbar begehrenswert. Angela stolpert sich ran an den Jungen. Und der macht nacheinander viele, viele Fehler. Der Zuschauer fiebert und leidet mit und zwar mit beiden.

School is a Battlefield of Love!“ (Claire Danes als Angela Chase)

Angela ist nicht sie selbst, wenn sie auf Jordan trifft. Und Jordan kann nicht aus seiner Haut, ist extrem unsicher und steht sich mit seiner Schutzschildcoolness permanent selbst im Weg. Diese Liebesgeschichte – und als nichts anderes kann man sie bezeichnen – ist eingebettet in eine Vielzahl von Parallel-Geschichten. Es wird ein großes Fass an Themen aufgemacht in Willkommen im Leben. Da findet jeder etwas bzw. sich selbst. Und das in mindestens einem der vielen Erzählstränge.

Ungeschminkt in Karos und Flanell

Eines war bei Szene Eins in Folge Eins sofort klar: Willkommen im Leben ist nicht Beverly Hills 90210. Die einzige Parallele, die man ziehen kann, ist die lahme Vorspannmusik. Die reiht sich nahtlos ein in Beverly Hills 90210, Alf, Willkommen im Leben. Überall das gleiche Gedudel. Aber Willkommen im Leben ist echt. Oder zumindest echter. Näher am Durchschnittsschüler der 90er Jahre. Die Gruppe um Angela trägt Karohemden, Mittelscheitel, Dog Martens und einen angepissten Gesichtsausdruck, sobald sich Erwachsene nähern. Der Grunge ist überall. In den USA wurde die Serie zwischen 1994 und 1995 ausgestrahlt. Kurt Cobain, Mitbegründer des Grunge, starb 1994. In einer Folge Willkommen im Leben wird das Rolling Stone Magazine mit dem Konterfei des unvergessenen Jugendidols durch die Schulbänke gereicht. DAS ist Willkommen im Leben. Zeitgeschehen. Die Konservierung eines Jugendgefühls. Meines Jugendgefühls, das, auch dank dieser Serie, immer wieder abrufbar ist. Neben der Teenie-Ausstattung und der verzwickten, und dadurch so normalen Liebe zwischen Angela und Jordan, werden Themen wie die Schwierigkeiten in der Ehe der Eltern gezeigt. Angelas Vater hat mehr als einmal die Möglichkeit seine Frau zu betrügen. Die laute und chaotische Rayanne lebt mit ihrer ebenso durchgeknallten Mutter zusammen, trinkt zu viel, hat keine Orientierung – außer Angela. Rickie ist ganz offensichtlich schwul. Und das zu einer Zeit, als es noch gar keine schwulen Teenager gab. Also nicht offiziell. Also nicht in TV-Serien. Immer wieder wird der nachgezogene Lidstrich des Jungen erwähnt, als wäre er ein Stigma. Rickie kommt zudem aus ärmlichen Verhältnissen. Er hat niemanden – außer Angela. Jordan Catalano ist auch nicht vom Glück geküsst – bis er Angela küsst. Sharon (Devon Odessa), Everybodys Darling, aussortiert von Angela, weil zu langweilig, will zurück zu ihr, sucht ihre Nähe. Genauso ergeht es dem Nachbarjungen und Einserschüler Brian (Devon Gummersall), von Jordan Catalano, der sich mit seiner Leseschwäche einmal verlesen hat, immer Brain genannt. Brian ist zudem unsterblich in Angela verliebt, was diese erst recht spät begreift. Willkommen im Leben gibt sich nicht – wie z.B. Beverly Hills 90210 – mit der Beschreibung, Überspitzung und Ausschlachtung von Klischees zufrieden. Hier gibt es kein Schwarz-Weiß-Denken. Die perfekte Ehe gibt es nicht. Schwule Kinder gibt es schon. Der Streber ist kein Idiot. Auch die Schöne leidet. Der Coole ist gleichzeitig auch der Unsichere. Und genau das ist es, was die Zeit, in der man sechzehn ist, so schwierig aber auch so intensiv macht. Man erkennt all diese Dinge zum ersten Mal und zwar gleichzeitig. Eben war noch alles hübsch ordentlich sortiert und im nächsten Augenblick gerät einfach komplett alles durcheinander. Die Eltern sind plötzlich auch eigenständige Menschen und ein Pärchen und nicht nur die Eltern, deren einzige Aufgabe und Lebensfreude es ist, sich um die Brut zu kümmern, wie ätzend die mit sechzehn auch sein mag. Die Liebe trifft dich wie ein Donnerblitz und macht dich erst mal ganz unglücklich, weil nichts so läuft wie in Cinderella. Alkohol, Sex, kein Sex, Noten, Pläne, Lügen, Egoismus, Unsicherheiten, Sehnsucht, Verzweiflung, Hoffnung… alles ist neu und alles findet gleichzeitig statt. In Willkommen im Leben wird einem das so hervorragend vorgespielt, dass ich bis heute manchmal denke: Die sind alle echt. Die sind bestimmt alle echt. So Truman-Show mäßig. Die leben bestimmt alle irgendwo, sind keinen Tag gealtert und stolpern immer noch in Flanell und Doc Martens durch die Schulgänge der Liberty High.

Einst No-Names heute Weltstars – Claire Danes & Jared Leto

Dass man sich den Figuren beim Schauen von Willkommen im Leben so verbunden fühlt, liegt sicher daran, dass sie perfekt harmonieren. Claire Danes, später zu sehen an der Seite von Leonardo DiCaprio in Romeo and Juliet und heute jedem bekannt als Carrie Mathison aus Homeland, war 1994 gerade dreizehn Jahre alt. Jared Leto hat sich in den letzten zwei Jahrzehnten beinahe jährlich neu ge- und erfunden. Die einen kennen ihn als den hübschen Jungen aus Fight Club, dessen perfektes Porzellangesicht regelrecht zermatscht wird, oder als Frontman der Band 30 Seconds To Mars, wieder andere erinnern sich an seine mit dem Oscar gekrönte Rolle als Transvestit im Aids-Drama Dallas Buyers Club. Auf den Titel Sexiest Man Alive wird der heute 44-Jährige auch öfter gehandelt und gerade spielt er den Joker in Suicide Squad. Die beiden Hauptfiguren aus Willkommen im Leben haben es also weit gebracht. Konnte man das ahnen? Oh ja. Als sich die Blicke von Angela und Jordan das erste Mal treffen, stockt den (weiblichen) Zuschauern der Atem. Die beiden fesselten einen mit dem ersten Auftritt. Sie zogen einen mit ihren tiefdurchdringenden Blicken – und davon gab es etliche – an sich und ließen einen nicht mehr los. Beide spielten oft sehr reduziert, Claire Danes’ Mimik als enttäuschte, wütende Jugendliche ist in meinem Kopf zum Standbild geworden. Es ist vor allem Claire Danes und Jared Leto geschuldet, dass man der Serie auch zwanzig Jahre später noch nachhängt.

Gönn dir Willkommen im Leben

Ich bin sehr glücklich darüber, dass diese DVDs nun in meinem Regal stehen. Ich glaube ich kann sie nicht verleihen. Zu groß ist die Sorge, Angela und Jordan ein zweites Mal zu verlieren. Schade ist auch, dass man nicht weiß, was noch hätte sein können. Denn das Staffelfinale macht klar, die Macher hatten auf eine Fortsetzung gehofft. Es gibt nicht das eine große Happy End, sondern viele kleine Cliffhanger. Angelas Vater kann dem Charme seiner Geschäftspartnerin kaum noch widerstehen. Rickie wohnt bei einem schwulen Lehrerpaar. Zwischen Angela und Rayanne herrscht Funkstille. Angela kapiert erst ganz am Ende, dass Brian unsterblich verliebt in sie ist, doch sie reitet mit Jordan vom Hof, wieder vereint. Es hätte noch so viel passieren können…
Freunde, die auch in die 90er zurückreisen möchten, müssen sich in ihr altes, viel zu großes Karohemd wickeln, die verstaubten Doc Martens vom Speicher holen und zu mir kommen. Ob wir mit dem Schauen von vorne anfangen oder uns gleich mit Angela und Jordan zum Knutschen in den Heizungskeller der Liberty High begeben, können gerne meine Gäste entscheiden.

One thought on “Willkommen im Leben

  1. Carola

    Heike, du sprichst mir aus der Seele, das war eine DER Serien meiner Jugend. Nicht umsonst hatte ich jahrelang rot gefärbte Haare. Leider hat das damals aber keinen Jared Leto angesprochen 🙁

    Da weiß ich schon, was ich mir dieses Jahr zu Weihnachten wünsche.

    Viele Grüße
    Carola

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