2 Frauen 1 Buch – Anne Reinecke: Leinsee

Heike und Ulla und Anne Reinecke

Als wir vor ein paar Monaten in Leipzig bei der Buchmesse waren, wurden wir von Diogenes zu einer Überraschungslesung eingeladen. Anne Reinecke war die Autorin der Stunde. Anne Reinecke? Noch nie gehört! Macht aber nix, die Autorin legte ja gerade erst ihren Debüt-Roman Leinsee vor. Und den haben wir in der Zwischenzeit auch gelesen.

– Achtung Spoiler –

Ulla, Leinsee also. Ganz schön gut für ein Debüt, oder? Also nicht, dass ich nicht schon wirklich gute Erstlingswerke gelesen hätte, aber das hat mich schon echt umgehauen. Auf vielen Ebenen. Wie war deine Leseerfahrung?

Ja, ganz schön gut. Da stimme ich dir zu. Ich lese sehr gerne Debüts, weil sie für mich einen ganz besonderen Zauber haben. Damit geht ein Autor ja zum ersten Mal raus in die Welt. Und da spürt man vielleicht am intensivsten, was er ihr bzw. uns zu sagen hat. Stellenweise hat mich das Buch auch wirklich gepackt und es gibt sehr, sehr viel, was ich daran toll fand, aber so umgehauen wie dich hat es mich nicht. Warum kann ich so konkret gar nicht sagen. Es hat einfach dieses letzte Quäntchen unbenennbare Magie gefehlt, dass ein gutes Buch zum grandiosen macht.

Ich war wirklich rundum begeistert! Die Figuren waren sofort sehr nahbar, vor allem der Protagonist Karl. Das Künstler-Metier, in dem der Roman spielt, oder vielmehr die Thematik der berühmten Künstlerfamilie, hatte einen ganz eigenen Reiz. Auch das Setting, also das Haus in Leinsee, wirkte auf mich wie ein magischer Ort. Und dann ist da die ganze Zeit über noch die Sprache, die ebenso leicht wie soghaft ist. Und – räusper, räusper – ein Thema mit Feuer unterm Arsch gibt’s auch noch.

Stimmt. Was das Setting angeht, bin ich ganz bei dir: fabelhaft. Genau so mag ich es. Ein einsames Haus zwischen Bäumen, ein See, ein traumatisierter Künstler, mit dem man augenblicklich mitfühlt. Das Motiv der Heimkehr: ich liebe es und hier besonders. Und irgendwann dieses Kind, das gleichzeitig unverdorben und erwachsen wirkt – und normal. Normal ist ja kein Zustand, den Karl mit seiner Kindheit und seinem Leben überhaupt in Verbindung bringt.

Es gibt in diesem Roman eine spezielle Bindung oder Beziehung zwischen dem anfangs 30-jährigen Karl und dem Nachbarmädchen Tanja. Als sich die beiden das erste Mal begegnen, ist Tanja ein kleines Kind, das in seinem Baum sitzt. Die beiden lernen sich über die Zeit und über die Jahre kennen und irgendwann quillt etwas Inzestuöses aus dem Text. Damit konnte ich nicht wirklich umgehen. Aber auch das ist für mich eine Qualität des Buches. Du wirst zum Nachdenken gezwungen.

Es gibt tatsächlich ein paar wenige Szenen im Buch, die ich mutig geschrieben finde. Mutig ganz im positiven Sinne. Das Thema Inzest in einen Roman zu werfen, kann man durchaus als heikle Angelegenheit betrachten. Da wird man ja als Autor schnell zerrissen. Ich habe schon mehrere Romane gelesen, die inzestuöse Anklänge hatten. Man kann das ganz schlecht verpacken und sehr gut. Das hier gehört zu den guten Beispielen. Finde ich. Anne Reinecke macht das bedacht, mitfühlend und überhaupt nicht reißerisch. Sie zeichnet ihre Figuren immer liebevoll und genau. Das mag ich sehr. Vor allem beschränkt sie sich auf wenige Szenen und fügt sie in einen Kontext ein, somit fand ich es nie unerträglich.
An der Beziehung zu Tanja, die über die Jahre wächst, hat mich eigentlich nur eines gestört: Das ist weder hü noch hott. Da hätte ich mir mehr Mut zur Klarheit gewünscht. Das Ende ist für mich eigentlich auch die größte Schwäche des Romans.

Neben der Beziehung zwischen Karl und Tanja gibt es in Leinsee viele Beziehungen, von denen immer Karl ein Teil des zwischenmenschlichen Gebildes ist. Da sind der ins Internat abgestellte junge Karl und seine Eltern. Dann gibt’s den berühmten Künstler Karl und seine toten oder sterbenden Eltern. Dann ist da noch Karl und seine Freundin. Karl und sein Verhältnis. Karl und der Möchtegern-Nachlassverwalter des künstlerischen Erbes seiner weltberühmten Künstler-Eltern. Und überall ist Karl. Mir hat das sehr gut gefallen, wir Karl zu all diesen Figuren in Beziehung gestellt wird.

Dieses Geflecht gefiel mir auch gut und gibt der Handlung Schwung. Die Charaktere kommen und gehen und kommen wieder. Karl gewinnt durch sie an Stärke. Er wirkt ja anfangs sehr passiv und wird dann immer mehr Herr über sein eigenes Leben. Insofern ist ja Leinsee eigentlich ein klassischer Entwicklungsroman und hat auch etwas von Coming-of-Age (ein weiteres meiner Lieblingsgenres). In jeder Figur spiegelt er sich, bis er irgendwann eine ungefähre Ahnung davon hat, wer er ist und vor allem: wer er sein will.

Für mich bleibt dieser Karl ein Mysterium. Ist er ein Aussteiger? Oder ein „Einsteiger“? Ulla, was ist das für einer?

Ein bisschen Mysterium darf er ruhig bleiben. Das macht ihn und das Buch aus. Trotzdem bleibt er mir am Ende auch etwas zu schwammig. Er ist ja irgendwie beides: Einsteiger und Aussteiger. Das hätte ich mir schon konkreter, direkter gewünscht.

Und wie sieht dein Fazit aus? Also ich bin, wie eingangs schon gesagt, ziemlich begeistert und ich freue mich schon auf das nächste Werk, das es hoffentlich geben wird.

Kennst du das, wenn du etwas gegessen hast, das aus deinen Lieblingszutaten besteht und du danach trotzdem nicht richtig zufrieden bist? So fühle ich mich nach Leinsee. Satt, aber nicht wunschlos glücklich. Eigentlich hat der Roman alles, wo ich direkt „Hurra!“ schreie: Heimkehr, Coming-of-Age, unkitschige Liebesgeschichte, Charakterentwicklung, stimmungsvolles Setting. Mir fehlt etwas. Ein Funke, ein Feuer, ein poetischer Zauber. Etwas in der Art. Aber auch ich will unbedingt mehr lesen von Anne Reinecke. Selbst ohne den magischen Funken war es ein großes Vergnügen.

Anne Reinecke: Leinsee. Diogenes Verlag, 2018. 24,00 Euro.

Header-Bild: Daniil Silantev/unplash.com