2 Frauen 1 Serie – DARK auf Netflix

Dunkles auf Deutsch

Du Serien-Junkie, ich Serien-Junkie! Ich hab so die Ahnung, das wird wieder kein Streitgespräch. Ulla, let’s talk about die Netflix-Serie DARK [Achtung: SPOILER]. Die für mich beste Serie 2017. Ich bin schon seit ein paar Tagen durch mit den zehn Folgen und immer noch ist DARK manchmal das erste, woran ich denke, wenn ich aufwache. Das hat mich so gefesselt. Wahnsinn. Wie sieht’s da bei dir aus? Babylon Berlin oder DARK?

Hmm, da musste ich kurz nachdenken. Ein Streitgespräch wird das hier wohl wirklich nicht, aber dennoch: meine Wahl fällt auf Babylon Berlin. Und das wirklich nur aus einem einzigen Grund. Weil es mich gefühlsmäßig viel intensiver gepackt hat als DARK. DARK ist wahnsinnig gut und vor allem wahnsinnig gut gemacht, war aber für mich mehr Kopf- als Gefühlsarbeit. Wenn wir hier schon über die beste Serie 2017 reden, sollten wir Game of Thrones nicht vergessen. Das war für mich DIE Serie des Jahres. Man kann ja an der neuen Staffel schon einiges bemängeln, aber trotzdem übertrumpft sie für mich immer noch locker alle anderen. Mit ihr schlief ich jede Nacht ein und wachte damit auf. Aus Kopf- und aus Gefühlsgründen. Das hat DARK nicht ganz geschafft.

Aber die Netflix-Serie DARK ist zweifelsfrei außergewöhnlich gut erzählt. Es gibt einen Ort, vier Familien, drei Generationen und einen Plot, der in den Jahren 1953, 1986 und 2019 spielt. Marty McFly war gestern. Heute will Jonas Kahnwald zurück in die Zukunft. Das geht ziemlich gruselig los. Die ersten beiden der insgesamt zehn Folgen DARK habe ich mittags geschaut, als es draußen glockenhell war. Hast du dir am Anfang auch so ins Hemd gemacht wie ich?

Oh ja! Ich habe die erste Folge spät abends geguckt, als ich allein zuhause war. Als ich ins Bett ging, war ich kurz versucht, darunter zu gucken, ob nicht irgendjemand dort lauert. Sowas habe ich, seitdem ich als 15-jährige total verängstigt nach Scream aus dem Kino kam, nicht mehr getan. Irgendwie ist der DARK-Grusel aber ein schönerer als bei diesen 90er-Teenie-Horror-Filmen. Obwohl die Serie ja irgendwie auch eine Teenie-Serie ist. Hier haben wir statt Sidney Prescott eben Jonas Kahnwald als Identifikationsfigur, nur dass er um einiges vielschichtiger ist.

Stranger Things passieren im deutschen Winden

Absolut! Und auch das Licht bzw. die Farben, das Schmuddelwetter und die Ausstattung tragen viel zur Dauergruselstimmung bei. Das fand ich so faszinierend. Diese Serie ist extrem durchgestylt.

Das stimmt und das fand ich sehr beachtlich, schließlich reden wir hier über eine deutsche Serie. Ich finde es schön, dass ein deutsches Team endlich mal zeigen kann, wie man mit einem ordentlichen Budget und ohne spießige Redakteure, die ständig in Storylines hineinreden und auf die Quote gucken, wirklich großartigstes Fernsehen machen kann. Trotzdem spürt man in jeder Szene, dass dieses Setting, seine Figuren und die Atmosphäre zutiefst deutsch sind. Gerade in den Sequenzen, die in den 80ern spielen, erinnerte mich viel an meine eigene Kindheit und das damalige Leben in einer Kleinstadt. Das ist für mich die vielleicht größte Stärke dieser Serie: das sich diese auf Hollywoodniveau erzählte Geschichte trotzdem so nah, so heimisch – ja eben deutsch – anfühlt.

Volles Karacho in die 80er

Das stimmt. Und international ging der Serienstart ja auch ganz gut los. Das liegt also bestimmt zum Teil an der Erzählweise, die, wie gesagt, ihresgleichen sucht. Und das feiere ich gedanklich immer noch total ab. Wann bekommt man schon einmal etwas komplett Neues vorgesetzt? Ich habe in einer Serien-Kritik zu DARK bei der SZ gelesen, die Serie unterfordere ihre Zuschauer. What? Das wäre mir jetzt zu speziell dieser Serie als letztes eingefallen. Ich finde es eher beeindruckend, dass der Zuschauer, obwohl er sich extrem konzentrieren muss, trotzdem nicht jedes Detail in jedem Moment richtig zuordnen muss, um am Ball zu bleiben. Und wer ein richtiger Serien-Nerd ist, der hat mit diesem Netz an Figuren und den verwobenen Zeitsprüngen seine Endgegner gefunden. Du hast doch bestimmt schon wieder alle Stammbäume korrekt in deinem klugen Kopf gespeichert. So wie einst bei Game of Thrones. Da hab ich ja manche Figuren-Bezüge auch erst in der zuletzt ausgestrahlten Staffel kapiert.

Ja, irgendwie schon. Deshalb würde ich hier auch nicht von Endgegner sprechen. Ich finde, Game of Thrones beansprucht mit seinen Schauplätzen, Charakteren und Wendungen noch deutlich mehr Hirnschmalz als DARK. Was nicht heißen soll, dass ich der SZ zustimme und von Unterforderung reden würde. Auf keinen Fall! Man ist als Zuschauer schon gefragt und muss seine Konzentration ganz nach oben regeln, um nichts zu verpassen und alle Verbindungsstränge zusammenzuknüpfen. Das macht für mich auch eine gute Serie aus. Wenn mir alles in zugeschnittenen Häppchen serviert wird, langweilt das, und das tut DARK nie. Trotzdem finde ich das Konzept und die Erzählweise überhaupt nicht neu. Da ist viel von Stranger Things (auch von Netflix) darin – obwohl mir DARK viel, viel besser gefällt –, Elemente von Stephen Kings ES (gerade die zyklische Wiederholung, das Teenie-Ding und der verschwundene Junge) sowie von so typisch amerikanischen 80er Jahre-Filmen wie Stand by me oder eben Zurück in die Zukunft. Neu ist eigentlich nur, dass das Ganze plötzlich im deutschen Gewand daherkommt. Womit ich die Serie aber nicht abwerten will. Lieber hervorragend geklaut als schlecht neu erfunden.

Naja, es gibt nicht die eine Serie oder den einen Stephen King-Film, bei dem hier geklaut wurde. Es ist vielleicht die Symbiose aus vielem, was man schon kennt. Und das – die Symbiose – ist eben neu. Neben der Handlung die – zumindest mich – überrascht, überrascht auch der Cast. Wäre ich zehn – ok zwanzig – Jahre jünger, ich hätte mich schockverliebt. Der 1997 geborene Louis Hofmann spielt den siebzehnjährigen Jonas Kahnwald, eine der unzähligen Hauptfiguren. Wie viel Leid, Angst und Verzweiflung findet sich in diesem Gesicht, das immer, zu jedem Zeitpunkt eine ganz eigene, immer verletzliche Ruhe ausstrahlt. Ich prophezeie: Louis Hofmann hat diesen einen Gesichtsausdruck, der ihn sehr weit bringen wird. Soweit ich weiß, hat der Jungschauspieler jüngst einen Film mit Ralph Fiennes abgedreht. Welchen Schauspieler oder welcher Charakter hat es dir am meisten angetan?

Also, hier sind wir uns total einig. Ich bin großer Jonas-Fan und finde auch, dass er zurecht die zentrale Figur der Geschichte ist. Allein Louis Hofmann ist Grund genug, diese Serie zu gucken. Trotzdem möchte ich auch noch Oliver Masucci als Ulrich Nielsen und Maja Schöne als Jonas’ intrigante Mutter Hannah hervorheben. Überhaupt funktioniert diese sehr kleinteilige und wendungsreiche Story nur, weil sie von einem herausragenden Cast getragen wird.

Großartig: Oliver Masucci als Ulrich Nielsen

Meinst du wirklich „nur“ oder doch eher „vor allem“? Grandios fand ich ja auch Michael Mendl in seiner Mini-Rolle. Selbst die kleinste Rolle ist top besetzt.

Vor allem! Das mit dem Cast ist mir auch aufgefallen. Bis in die allerkleinste Rolle findet man nur große Namen und große Könner. Hallo, Mark Waschke! Was zudem extrem gut gelingt, ist das Casting der Charaktere in Alt und Jung. Die Charaktere sind sofort als ihr jüngeres oder älteres Alter Ego zu erkennen, auch wenn sie nicht beim Namen genannt werden. Das findet man wirklich selten.

Ich hab das auch erkannt, mich aber trotzdem etwas schwerer getan beim hin und her Switchen. Was aber im Endeffekt nicht schlimm war. In der bereits erwähnten SZ-Kritik hieß es auch, dem Zuschauer würde zu viel über die Zeit erzählt. Das war auch so etwas, was ich total faszinierend fand. Ein Erzähler aus dem Off haut dem Zuschauer von DARK in einer samtweichen, tiefen Stimme allerlei philosophisch Kurioses über die Zeit um die Ohren. Für die Handlung ist das nur teilweise relevant. Für die Stimmung wird das unglaublich clever genutzt. Außerdem finde ich es seit eh und je beeindruckend, wenn einem unglaublich klingende Einstein-Theorien in drei oder vier Sätzen nahe gebracht werden.

Ja, so ein bisschen Substanz tut eigentlich jeder Geschichte gut. Da muss nicht jede Einzelheit handlungsrelevant sein. Ich fand diese Zeit-Philosophie ebenfalls überhaupt nicht störend. Was mich gegen Ende aber echt genervt hat, war diese christliche Metaphysik, die plötzlich ins Spiel kam. Da ist plötzlich vom Antichrist die Rede, von Gut und Böse. Es war doch auch ohne dieses Religions-Gedöns alles wunderbar. Die Storyline wurde allerdings bislang nicht aufgelöst und ich hoffe sehr, dass sie hier in Staffel zwei die Kurve kriegen. Sonst fände ich es platt und sehr klischeehaft. Und gerade das ist DARK ja eigentlich nicht.

Ich hoffe, die Meldung zum Drehstart einer zweiten Staffel lässt nicht lange auf sich warten. Das Ende, das am Ende tatsächlich etwas vorhersehbar war, schreit ja aber auch geradezu nach einem Comeback! Und so erfolgreich, wie das international losging mit DARK, wäre Netflix ja schön blöd, wenn sie da nicht dran anknüpfen würden.

Auf jeden Fall! Ich bin mir sicher, dass Staffel zwei bald angekündigt wird, und ich kann es kaum erwarten, sie zu sehen. Bestimmt müssen wir uns da aber mindestens noch ein Jahr gedulden. Trotzdem hoffe ich, dass sie keine Endlos-Serie daraus schmieden. Lieber zwei bis drei Staffeln, die stringent und schlüssig erzählt sind, als die Erfolgswelle, so lange es geht, zu schwimmen.

Außer Friends, was ich in Endlosschleife schaue, gibt es eigentlich keine Serie, die ich mir mehrmals reinziehe. DARK hat gute Chancen, dass ich da bald nochmal von vorne anfange. Mit dem Mehrwissen fallen einem sicher tausend Dinge auf, die man beim ersten Mal schauen gar nicht beachtet hat. Ich beneide all jene, die DARK noch vor sich haben.

Es gibt schon ein paar Serien, die ich mir gerne mehrmals angucke. Da gehört auch Friends dazu, Game of Thrones sowieso (nur so hat man auch die Chance, nichts zu verpassen und alles zu verstehen) und ich würde mir auch DARK noch einmal ansehen. Aber erst, nachdem ich noch einmal Babylon Berlin gebinged habe, wenn du verstehst, was ich damit sagen will?

Ich verstehe, Ulla, ich verstehe!

 

 

 

Bilder: Julia Terjung/Netflix

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