Ada Dorian: Schlick

Im Morast der Zeit

Für uns Frauen hat sich in den letzten 100 Jahren einiges getan. Oder? Gleichberechtigung, Emanzipation, die Wahl, wie wir leben wollen. Kind, Karriere oder gar beides. Hat uns diese Freiheit auch als Frauen an sich verändert? Auf die Weise, wie wir denken, fühlen und handeln?

Auf dieses Gedankenspiel lässt sich Ada Dorian in ihrem Roman Schlick ein und stellt zwei Frauenfiguren nebeneinander, die ein ganzes Jahrhundert trennt und durch das Haus, in dem beide wohnen, verbunden sind.

Eine alleinstehende Frau

Zur Zeit des ersten Weltkriegs begegnen wir Helene, die gerade erfahren hat, dass sie Witwe ist. Ihr Mann Wilhelm ist im Krieg gefallen. Nun muss sie alleine für ihre Tochter Sophie sorgen. Sie vermietet die Zimmer ihres Hauses unter und beginnt, in der örtlichen Papierfabrik zu arbeiten. Äußerlich funktioniert die junge Frau, innerlich quälen sie Ängste, Sorgen und Verzweiflung, aber da ist auch ein eiserner Wille, Durchsetzungskraft und die Lust auf Liebe und Leben.

Am ersten Abend fing einer der Vorarbeiter sie ab. In seinem Büro kam Helene sich vor wie eine Bettlerin. Ihre Kleider waren durchnässt und hatten den Gestank fremder Körper angenommen. Sie sah zu Boden und faltete die Hände vor dem Rock.
„Wir bräuchten noch ein Führungszeugnis von Ihnen, wenn Sie hier arbeiten wollen.“
Helene sah ihn fragend an. „Sie sind nicht verheiratet, oder?“
„Ich war verheiratet. Mein Mann ist gefallen.“
Der Vorarbeiter sah nicht von seinen Papieren auf.
„Also alleinstehend.“
„Verwitwet.“
„Bringen Sie uns ein Führungszeugnis von Ihrem Vermieter. Wenn er Ihnen einen sittlichen Lebenswandel attestieren kann, ist alles in Ordnung.“
Helene überlegte.
„Ich bin die Vermieterin.“
Der Vorarbeiter sah auf und musterte sie.
„Nun“, sagte er und widmete sich wieder seinen Unterlagen. „Dann sollten Sie sich eine nachweisbare Beschäftigung in den Abendstunden suchen. Etwas, das von einem geregelten Lebenswandel zeugt.“

Der abwesende Mann

Selbe Stelle, ein Sprung von hundert Jahren: In Helenes Haus lebt neuerdings Svea mit ihrem kleinen Sohn Linus. Ihr Freund Christian, der das Grundstück geerbt hat, ist gerade für seinen Arbeitgeber – ebenfalls die Papierfabrik im Ort – im Ausland. Allein in dem alten Haus und in dieser Stadt, in der sie niemanden kennt, beginnt Svea ihr neues Heim zu durchstöbern und findet vergilbte Bilder von Helene. Sie beginnt sich für das Leben der Frau, die ihr mit seltsamem Blick über das Jahrhundert hinweg entgegen starrt, zu interessieren. Plötzlich tun sich Parallelen auf.

Svea stocherte im Ausguss und fluchte leise. Sie legte den Spieß auf die Ablage oberhalb des Waschbeckens und sah in den Spiegel. Dieser zeigte jemanden, den sie seit Tagen nicht gesehen hatte. Bis auf die prallen Brüste fand sie sich mager, geradezu ausgezehrt. Ihre Wangen waren eingefallen, und die Schatten unter ihren Augen schimmerten bläulich. Es sah aus, als würde sie durchsichtig werden, sich auflösen. Und das lag nicht nur daran, dass sie übermüdet war.

Die Einsamkeit, die Bürde des Mutterseins, die Unfähigkeit eine Beziehung zu führen. Svea sucht im Leben dieser toten Frau nach Antworten für ihr eigenes. So anders sie leben mag, die Grundzüge und die Grundfragen bleiben doch irgendwie gleich. Nur die Möglichkeiten einer Frau sind heute weitaus mehr. Mut und Kraft brauchte man aber gestern wie heute.

Ada Dorian schreibt in Schlick intensiv und lebendig vom Innenleben ihrer beider Protagonistinnen. Kein Blick ist näher als der andere. Auch ihre Umwelt ist gleichzeitig individuell und zeittypisch. Das verdichtet den Roman, gibt ihm Nachdruck und uns viel Identifikationspotenzial. Und obwohl die Themen, die hier angebrochen werden, keine leichten sind und wahrscheinlich niemals endgültig zu beantworten, liest sich das Buch leicht und hat trotz seiner Melancholie eine eigenartig beschwingte Note.

Auf eines muss man sich jedoch gefasst machen: Männer bleiben hier stets eine Randnotiz. Die Frauen sind die treibende Kraft – mich hat das keine Sekunde gestört.

LESERASTER

This book is for you:

  • Frauenversteher und alle, die es werden wollen
  • Wer ein Herz für gebrochene und sperrige Charaktere hat
  • Wenn du einsame Menschen, Häuser und/oder Landschaften magst

But not for you:

  • Alle, die bei fehlendem Happy End ihr Geld vom Buchhändler zurückverlangen
  • Fans von Kitsch und Knutscherei
  • Nicht-zwischen-den-Zeilen-lesen-Könner

Wer diese Buchempfehlungen mochte, mag auch Schlick:

2 Bücher über den Krieg
So glücklich wir waren
Rosalie

 

Ada Dorian: Schlick. Ullstein fünf, 2017. 18,00 Euro.