Bernhard Schlink: Olga

Mann schreibt Frau

Ich habe etwas übrig für Bernhard Schlink. Sein Roman Der Vorleser war eines der ersten „Erwachsenenbücher“ – wenn man denn unbedingt eine Schublade aufmachen will –, das ich gelesen und geliebt habe. Danach folgten die Trilogie um den Privatdetektiv Selb und Liebesfluchten auf meiner Schlinkschen Leseliste. Ich setzte nicht nur einen imaginären Haken hinter die beendeten Bücher, ich versah sie im Kopf mit den höchsten Bewertungssternchen. Sie haben mir etwas mitgegeben, mir etwas vom Leben, Lieben und der Welt erzählt. Und dann kam Olga.

Natürlich wollte ich den neuen Roman von Bernhard Schlink lesen. Es war lange her, dass ich „einen Schlink“ gelesen hatte. Schließlich ist er kein Viel- und Schnellschreiber, dementsprechend viel Aufmerksamkeit erregen seine Neuerscheinungen. Zudem ist er einer der wenigen deutschen Autoren, die mich wirklich packen. Vielleicht ist genau diese Ausgangslage der Grund, warum zwischen Olga und mir die Chemie nicht so recht stimmt. Wir wollten wohl beide zu viel.

Klischee einer starken Frau

Woran es lag? Ich beginne mit einem Vorurteil: Wenn Männer Geschichten aus der Perspektive einer Frauenfigur schreiben, gelingt das selten. Ich weiß, das ist eine Plattitüde und manchmal auch eine, die nicht zutrifft, aber in diesem Fall ist genau das mein Problem.

Schlink leitet seine Leser an der Hand durch Olgas Leben hindurch, von ihrer Kindheit bis zu ihrem Tod. Ihr Leben umfasst nicht nur beinahe das gesamte turbulente 20. Jahrhundert, sondern auch eine enorme Bandbreite an menschlichen Höhen und Tiefen. Olga wird in einfache Verhältnisse geboren. Ihre Eltern sterben früh am Fleckfieber, sie wächst deshalb bei ihrer lieblosen Großmutter in einem Dorf in Pommern auf. Früh zeigt sich, was Olgas große Stärken sind: unerschüttlicher Charakter, Sturheit, Unbeugsamkeit. Sie ist immer ganz sie selbst.

Die Großmutter war mit der Heirat ihres Sohnes nicht einverstanden gewesen. Sie hielt sich etwas auf ihr Deutschtum zugute und lehnte Olga Nowak, auch wenn sie fließend Deutsch sprach, als Frau für ihren Sohn ab. Sie war auch nicht damit einverstanden gewesen, dass die Eltern dem Mädchen den Namen der Mutter gegeben hatten. Einmal unter ihrer Obhut, sollte das Mädchen statt des slawischen einen deutschen Namen bekommen. Aber Olga ließ sich ihren Namen nicht nehmen.

Olga lässt sich nichts nehmen: nicht den Namen, nicht das Recht auf Bildung und nicht das freie Leben ihrer Wünsche. Sie freundet sich mit den Gutsherrenkindern Herbert und Viktoria an, Herbert und sie verlieben sich ineinander und halten gegen Widerstände aneinander fest. Zumindest Olga hält an ihm fest, sieht über alles Trennende hinweg. Etwas zu sehr und zu stur für meinen Geschmack.

Im deutschen Wahn

Herbert wird zum Abenteurer, ist immer auf der Flucht und auf der Suche nach der einen großen Heldentat. Was mit einer unbändigen Abenteuerlust beginnt, wird zum Traum von Deutschland als weltumspannende Großmacht und schließlich zur wirren Allmachtsfantasie. Er beteiligt sich unter anderem an der Niederschlagung des Herero-Aufstands. Und Helga? Hält weiter an ihm fest.

Wenn Schlink über Herbert schreibt, klebe ich am Text. Er findet großartige Sätze über das Abdriften in den deutschen Wahn und fügt dem oft verbratenen Motiv eine neue Note hinzu. Umso deutlicher wird so der Kontrast zu seiner Beschreibung von Olgas Denken und Fühlen. Das bleibt irgendwie kalt, schematisch, nicht mehr als ein Klischee von der ungewöhnlichen, starken Frau. Herbert hingegen schillert in Schwarz und Weiß und Grau.

Seine Hand fuhr nach der Waffe, und er richtete sich auf und starrte in die Nacht, voller Angst vor den Schakalen, die er hörte, und den Leoparden, von denen er wusste, und den Herero, gegen die er kämpfte. Aber er sah nichts, keinen Schakal, keinen Leoparden, keinen Herero. Er sah nur das Dunkel der Nacht, so undurchdringlich, als wäre eine Decke über ihn gebreitet, und er wusste nicht, ob er vor dem da draußen Angst hatte oder vor etwas in ihm selbst. Aber lieber als Olga seine Ängste schildern wollte er ihr imponieren. „Weißt Du, was wir hier in Südwest für euch tun?“

Ein kaltes Herz

Während sich Herbert verliert, baut sich Olga ein Leben auf. Sie wird Lehrerin, eine verlässliche Stütze in ihrem Ort, pflegt Freundschaften und den Sohn einer Bauernfamilie. Herbert bricht ein letztes Mal auf, in die Arktis, und kehrt nicht wieder. Olga trauert, aber sie führt ihr Leben weiter. Zum Ende des Zweiten Weltkriegs flieht sie und landet in einer süddeutschen Stadt. Dort arbeitet sie als Näherin in einer Familie und entwickelt eine enge Vertrautheit mit deren Sohn. Der Auftakt für einen Paukenschlag, der am Ende des Romans und von Olgas Leben aufgelöst wird.

Nun macht der Roman nämlich eine Zäsur. Er wechselt den Blickwinkel: von Olga zum Sohn der Familie. Ein Dritter darf jetzt seine Sicht auf Olga schildern. Schlink wirft also einen weiteren Mann zwischen uns und Olga. Das hilft weder ihr als Figur noch dem Roman an sich. Sie bleibt, was sie war: eine Hülle und eine Idee, der man anmerkt, das sie hätte mehr sein sollen. Ja, und je länger wir sie lesen, umso mehr wird sie zum Mysterium. Das, hingegen, ist wohl beabsichtigt. Auf den letzten Metern des Buches offenbart sich der Erzähler als großer Verschweiger, der uns an der Hand geführt hat und uns dabei unbemerkt hat Serpentinen laufen lassen. Wer erzählerisch so viel wagt, braucht nicht nur eine sichere Hand – die hat der geübte Autor – sondern vor allem eine einnehmende Hauptfigur. Leider taugt Olga nicht dazu. Für mich blieb kalt wie Herberts Arktis. Für seine Männer schlägt Schlinks Erzählerherz lesbar lauter.

LESERASTER

This book is for you:

  • Wer die deutsche Geschichte in Romanform verstehen will
  • Fans von starken Frauenfiguren
  • Wenn Du auf überraschende Wendungen stehst

But not for you:

  • Wenn Du nicht noch ein Buch lesen magst, das vom 2. Weltkrieg handelt
  • Wer viele Dialoge braucht
  • Wer auch als Leser gerne mit offenen Karten spielen möchte

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Schlick
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Die Toten

Bernhard Schlink: Olga. Diogenes Verlag, 2018. 24,00 Euro.