Curtis Dawkins: Alle meine Freunde haben wen umgebracht

Autor hinter Gittern

Alle meinen Freunde haben wen umgebracht lautet der verheißungsvolle Titel zur 2018 in Deutschland veröffentlichten fiktiven Story-Sammlung des Amerikaners Curtis Dawkins. Das Drama, das sich in diesem Titel verbirgt, wiegt auch deshalb schwer, da sich der Autor da brav selbst einreihen kann. Auch Curtis Dawkins hat wen umgebracht. Er besitzt einen Hochschulabschluss, war schriftstellerisch ambitioniert und veröffentlichte erste Geschichten in Magazinen. Zusammen mit Kimberly Knutsen, die heute als Englisch-Professorin an der Concorida Universität in Portland arbeitet, bekam er drei Kinder. Soweit so normal. Doch dann kommt der messerscharfe Cut in dieser Biographie, der Curtis Dawkins über die Klinge springen lässt. Im Oktober 2004 erschießt der Amerikaner, zugeballert mit Drogen, einen Fremden in Michigan. Er wird festgenommen und zu einer lebenslangen Haftstrafe ohne Aussicht auf Entlassung verurteilt.

Das Schreiben über das Nichts

Im Gefängnis fängt Curtis Dawkins wieder an zu schreiben. Diese Tätigkeit, so sagt er mehreren US-Medien im Zuge seiner ersten Buchveröffentlichung 2017 (Originaltitel: The Greybar Hotel), halte ihn am Leben. Der Häftling wird zum Autor, seine Geschichten – die viel mehr Beobachtungen sind – spielen alle im Gefängnis und werden aus der Perspektive eines Insassen erzählt. Es passiert nicht viel im Alltag hinter Gittern. Zwischenmenschliche Beziehungen gelten als gefährlich, jeder ist skeptisch, auch unter den Zellengenossen bleibt man besser alleine. Gespräche versanden in der Oberflächlichkeit des allgegenwärtigen Nichts. Niemand will sich durch Gerede angreifbar machen. Wer sich doch provozieren lässt, wird schnell verlegt. Auch diese Gefängnis-Politik macht es schwierig, überhaupt Bekanntschafen von Dauer zu haben.

Poesie der Langeweile

Obwohl von einem erdrückend ereignislosen Alltag erzählt wird und die Sprache der Insassen reduziert und brachial ist, sind die Geschichten selbst keinesfalls langweilig. Durch die Tatsache, dass der Autor dieser autobiografisch gefärbten Erzählungen selbst im Gefängnis sitzt, und das nach wie vor ohne Aussicht auf Entlassung, wirkt die andauernde Faszination beim Lesen beinahe voyeuristisch. Hier wird unmittelbar von einer den meisten Menschen verborgenen Realität erzählt. Vieles hat man vielleicht schon in TV-Serien wie Orange is the new black gesehen. Aber das hier ist eben keine Serie. Alles wird überschattet von einem schweren, düsteren Nichts. Es gibt nichts, man kann nichts machen, man hat niemanden. Heute. Morgen. Übermorgen. Übernächstes Jahrzehnt.

Tätowieren im Knast ist wie der Versuch, feine Näharbeiten mit der Stricknadel auszuführen“

so der Erzähler an einer Stelle. Und so wie mit dem Tätowieren ist es mit allem. Denn wenn da doch mal was ist, dann ist das bestenfalls eine schlecht gemachte, improvisierte Kopie der Sache, die es draußen in Freiheit tatsächlich und überall ganz leicht zu haben gibt.

Kritik am Strafvollzug in den USA

Bücher die einen zwingen sich Gedanken zu vertrackten Realitäten zu machen, die so gar nichts mit dem eigenen Leben zu tun haben, sind von unschätzbarem Wert. Sie erweitern den Horizont. Sie schärfen den Blick. Mich machen sie dankbar. Alle meine Freunde haben wen umgebracht zwingt einen automatisch, sich Gedanken darüber zu machen, was man von lebenslangen Haftstrafen hält. Das Buch hält auch automatisch dazu an, sich über die Täter als Opfer Gedanken zu machen. Das ist unangenehm, bisweilen sogar ekelhaft. Ist es gut oder schlecht, gerecht oder ungerecht, dass ein Täter, der bereits über ein Jahrzehnt einsitzt und beteuert seine Tat zu bereuen nie wieder frei sein wird? Nie wieder! Der Bruder des von Curtis Dawkins getöteten Mannes hält das durchaus für gerecht. Was er für ungerecht hält, ist, dass der Mörder seines Bruders überhaupt die Möglichkeit bekommt zu schreiben und dass er einen Verlag gefunden hat, der sein Buch veröffentlicht. Die 150.000 US-Dollar Autorenhonorar, mit denen Curtis Dawkins eigentlich vom Knast aus die Ausbildung seiner Kinder unterstützen wollte, hat sich der Staat genommen. Gefängnisaufenthalte kosten eben viel Geld. Und so schwebt über allem die erdrückende Frage, wer von Gewissheit sagen kann, was gerecht ist und was nicht.

LESERASTER

This book is for you:

  • Wenn Neugierde für dich mehr als nur eine Facette hat
  • Wenn du Orange is the new black gesuchtet hast
  • Wenn du auch in der Fiktion ganz besonders am Fünkchen Wahrheit interessiert bist

But not for you:

  • Wenn es für dich nur schwarz und weiß gibt
  • Wenn du einen Plot brauchst, bei dem eins aufs andere folgt, um zu einem Erzählziel zu kommen
  • Wenn du am liebsten starke Frauenfiguren liest – Spoiler: Frauen gibt`s hier so gut wie keine

Curtis Dawkins: Alle meine Freunde haben wen umgebracht, 212 S., 14,95 Euro. Suhrkamp Taschenbuch, 2018

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