Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall

Daniela Krien Die Liebe im Ernstfall

Wer alles will, bekommt von allem zu wenig

Was will Frau vom Leben eigentlich? Manch eine stellt sich diese Frage nicht, lebt einfach und schaut am Ende, was sie bekommen hat. Die meisten wollen, so scheint es zumindest, ungefähr das Gleiche: Familie, Geborgenheit, finanzielle Sicherheit. Und wieder andere, die wollen von allem was es gibt so viel wie möglich: eine glückliche Familie, Geborgenheit, finanzielle Sicherheit, finanzielle Unabhängigkeit, ein schickes Zuhause, emotionale Sicherheit in Form von Liebe – nicht zu verwechseln mit emotionaler Abhängigkeit -, die berufliche Erfüllung, Karriere inklusive, gelebte Freundschaften, ein ausgeglichenes Wesen, gute Haut und ein festes Bindegewebe. Auch die Hauptfiguren Paula, Judith, Brida, Malika und Jorinde aus Daniela Kriens Roman Die Liebe im Ernstfall taumeln durch die diversen Möglichkeiten eines vermeintlich erfüllten Daseins und balancieren in der Mitte ihres Lebens, alle sind sie so um die 40 Jahre alt, zwischen Selbstverwirklichung und Selbstaufgabe hin und her. Soviel sei vorneweg gesagt: Sie alle kommen dabei gehörig ins Straucheln.

Die Liebe im Ernstfall

Im Focus des Romans Die Liebe im Ernstfall stehen also Frauenfiguren, die sich stark voneinander unterscheiden und doch an den gleichen Dingen zu knabbern haben. Paula hat sich für einen Mann entschieden, der nicht zu ihr passt. Sie ist mit ihm in ein Haus gezogen, das sie nicht mag. Sie bekommt zwei Kinder von ihm, die sie hoffentlich wollte. Doch noch bevor sie zum zweiten Mal schwanger ist, stößt sich das theoretische Glück an der Realität namens Alltag und beginnt zu bröckeln:

Als Ludger aufhörte, sie beim Namen zu nennen, begann sie, Dinge zu tun, die einzig und allein zum Ziel hatten, anders zu handeln, als er es für richtig hielt.“

Paula wird Ludger verlassen, für Wenzel, der auch nicht zu ihr passt.


Paulas Freundin Judith ist eine erfolgreiche, selbstbewusste und selbstbestimmte Ärztin. Sie tingeltangeltindert durch unzählige Online-Profile von Männern, trifft einige davon, macht sich ab und an Hoffnungen, die zuverlässig enttäuscht werden. Um zu verhindert, dass die Enttäuschung als solche nicht zum Lebensabschnittsgefährten wird, streift der Daumen nach jedem Flop auch schon wieder über das Handy-Display. Mal nach rechts, mal nach links und so fort. Die drei Kinder die Judith hätte bekommen können, bekam sie bewusst nicht.


Brida, eine Patientin von Judith, wollte immer schon Schriftstellerin werden und wurde es auch. Daneben ist sie Ehefrau und Mutter. Sie beginnt irgendwann aufzuwiegen: Was davon wollte sie mehr, was weniger? Ihr Mann Götz verlässt sie für eine andere Frau, denn ihm war sie zu viel Schriftstellerin und zu wenig Mutter. Wenn sich jeder primär selbst verwirklicht, wer verwirklicht dann das Konstrukt Familie? Diese Frage blitzt nicht nur bei diesem Figuren-Paar des Romans auf. Ganz loslassen kann Götz Brida nicht, er beginnt eine Affäre mit ihr, seiner Ex, und betrügt die Neue.

Bevor Götz mit Brida zusammen kam, war er mit Malika zusammen. Aus ihr hätte, wenn es nach ihren fordernden Eltern gegangen wäre, eine große Geigern werden sollen. Doch dafür hat es nicht gereicht. Und als die große Liebe Götz verschwindet, reicht es auch nicht mehr für das private Glück.

Die letzte im Reigen ist Malikas Schwester Jorinde, eine schöne und mittelmäßig erfolgreiche Schauspielerin, die den Drahtseilakt zwischen Beruf und Familie ebenfalls nicht gestemmt bekommt. Sie hat zwei Kinder von ihrem Ehemann, mit dem es nicht läuft und ist schwanger von einem Schauspielerkollegen, auch ein Grund, warum es in der Ehe nicht läuft. Der Kindsvater von Baby Nummer drei will nichts von ihr, zahlt aber für das Kind. Sie bekommt das Baby, zieht zu ihrer Schwester, die von nun an auf die Kinder aufpasst, während sie beginnt, sich wieder mit Männern zu amüsieren oder sich heftig mit dem Ex-Mann um das Sorgerecht der ersten beiden Kinder streitet.

Entscheide dich. Im Ernst.

Nacheinander erzählt in Daniela Kriens Roman Die Liebe im Ernstfall ein auktorialer Erzähler aus den unterschiedlichen Lebensrealitäten dieser fünf Frauen. Diese haben mal mehr mal weniger miteinander zu tun, kennen sich besser oder wissen kaum voneinander. Sie sind Geschwister, die Geliebte oder Ex-Geliebte des Ex-Partners oder einfach Freundinnen. Die Auflösung, wer mit wem wie eng verbandelt ist, macht einen Reiz dieses Reigens aus. Genauso wie das immer deutlicher werdende Bewusstsein, dass die Frauen, die kaum direkt miteinander zu tun haben oder hatten, doch den größten Einfluss auf das Leben der jeweils anderen genommen haben. Die Sprache, die Daniela Krien wählt, ist auf elegante Weise schön, ohne dabei irgendwo schwer zu wiegen. Was schwer wiegt, sind die festgefahrenen Figuren, ihre oft nicht nachvollziehbaren Entscheidungen, ihre Unüberlegtheit. Warum zieht man in ein Haus, in dem man sich nicht wohl fühlt? Warum bekommt man ein zweites Kind mit einem Mann, der einen längst nur noch nervt? Warum kommt man wieder und wieder und wieder in die Situation ein Kind abzutreiben? Weil niemand alleine sein möchte? Jede Geschichte verweist auf das Dilemma, sich persönliche Ziele auszumalen und diese mit den Zielen des Partners abzustimmen. Neben Beziehungsstatus und Kinderwunsch hegt dabei jede individuelle Ziele. Das sind später die Stellschrauben, die nicht jedes Paar perfekt justiert bekommt. Und doch verharren die Frauen oft noch lange in den Konstellationen, die nicht ihrem Naturell entsprechen. Keine dieser fünf Frauen möchte alleine sein und jede will irgendwie frei sein. Es ist ein Teufelskreis. Wer mehr als eine Person ist, ein Paar, eine Familie, der ist nicht mehr frei, so beschreibt es der Roman anhand dieser fünf Frauenschicksale. Und genau das ist in diesem wunderbar geschriebenen Buch das Anstrengende. Wer das Gefühl hat, seine Freiheit aufgeben zu müssen um glücklich zu sein, der wird wohl nie wirklich glücklich sein. Vielleicht liegt das Glück darin, einen Teil seiner Freiheit bereitwillig einzutauschen gegen Liebe und Geborgenheit. Doch vielen, wie diesen fünf Frauen, reicht das nicht, oder den Männern reicht die Kompromissbereitschaft der Frauen nicht. Moderne Selbstverwirklichung mit Mann, Kind und Karriere, geht das überhaupt? In diesem Roman schafft das keine. Warum? Immer ist da dieser eine Typ, beziehungsweise Ex-Typ, an den Frau ihr Herz hängt und der dem Glück nun im Weg steht, weil die Liebe, die noch da ist, unerwidert bleibt, weil keine Liebe mehr da ist und man sich nun um die Kinder streitet, weil man seine Karriere vernachlässigt hat, in einer Zeit, die längst keine Rolle mehr spielt. Es scheint, als gebe es immer einen Grund, unglücklich zu sein, wenn man es einmal gewagt hat, dem Glück näher zu kommen. Wer „all in“ geht und wachen Auges alles auf eine Karte setzt, der muss aushalten können, dass sich der Einsatz nicht zwangsläufig verdoppelt.

Daniela Krien: Die Liebe im Ernstfall, 288 Seiten, 22 Euro. Diogenes Verlag, 2019