David Albahari: Das Tierreich

Alles hat (s)eine Wahrheit

Der serbische Autor David Albahari schreibt in seinem Roman Das Tierreich über ein Land, das es so heute nicht mehr gibt. Das Tierreich spielt in Jugoslawien. In dieser Geschichte von David Albahari geht es um die Macht des Bösen und die Ohnmacht der Guten. Es geht um Versteckspiele und Verrat. Es geht um Ungerechtigkeit und Ungleichheit. Um Schuld geht es bei all dem irgendwie nicht. Weil die eigentlich Schuldigen unsichtbar sind.

Das Tierreich

Junge Männer leisten bei der Jugoslawischen Volksarmee in Banja Luka ihren Militärdienst ab. Dimitrije Donkić macht sich zum Anführer einer Gruppe, deren Mitglieder er selbst ernennt. Die Auserwählten haben keine Wahl, ob sie sich dem Tierreich – so nennt Donkić den Zusammenschluss – anschließen möchten oder nicht. Jeder der wenigen Mitglieder bekommt als Deckname ein Tier zugewiesen. Donkić ist der Waschbär, der Ich-Erzähler der Fuchs, daneben gibt es noch die Zecke und die Schlange. Als Miša der Spatz zu der Gruppe stößt, entwickelt sich eine gefährliche Dynamik. Der Fuchs kennt den Spatz von früher. Beide nahmen in der Vergangenheit an studentischen Protesten teil. Donkić stellt Fragen. Der Fuchs und der Spatz versuchen mit ihren Antworten auszuweichen.
Dadurch wird klar, diese Gruppe ist keine Gruppe von Freunden. Das Tierreich formiert sich vielmehr aus einem Jäger und fünf Gejagten. Allen voran Miša der Spatz. Der Neuling wird von Donkić dem Waschbär ganz besonders unter die Lupe genommen, getriezt und aufgrund seiner Macht auch körperlich immer wieder attackiert. Der Fuchs wird zum Beobachter, der nicht handelt, obwohl er es besser weiß:

„Die Entsetzliche Wahrheit – sofern jede Wahrheit die wahre Wahrheit ist – bestand darin, dass er [Miša; Anm. d. Red.] nichts Besonderes wusste, dass er keine besonderen Kenntnisse über andere Menschen, Tatsachen oder Ereignisse hatte. Er sollte nur als Beispiel dafür dienen, was mit denen geschieht, die den Mut hatten oder verrückt genug waren, zu versuchen, sich von dem System zu lösen.“

Miša der Spatz wird zum Bauernopfer und er soll nicht das einzige bleiben. Drei der Fünf verschwinden irgendwann für die Öffentlichkeit. Die beiden anderen begegnen sich Jahre später wieder. Auch dieses Aufeinandertreffen bleibt nicht ohne Folgen.

Ein politisches Buch mit philosophischen Ansätzen

Wer ist Donkić und für wen arbeitet er? Warum die Jagd auf Miša? Was weiß der Erzähler und warum tut er nichts? Das Tierreich ist ein sehr komplex erzähltes Buch, das weit mehr Fragen als Antworten liefert. Als ein einziger Monolog des Fuchses wird die Handlung erzählt. Es gibt keine Kapitel, nicht einmal Absätze, die es dem Leser einfacher machen. Dafür wird der Text durch 45 Fußnoten unterbrochen. Im Haupttext, als auch in den Fußnoten, beginnt der Erzähler an einigen Stellen immer wieder sich selbst zu kritisieren, seine Sichtweise und die Wahrheit als solche zu hinterfragen:

„Bezüglich der Vergangenheit darf man nie sicher sein. Sie ist nach meiner Überzeugung nicht so beständig, wie oft behauptet wird. Sie ändert sich gern, wenn auch in äußerst reduziertem Maß, und nimmt dann Einfluss auf jemandes Gegenwart und Zukunft.“

Was die fünf jungen Männer beim Militär erlebt haben, prägt das ganze weitere Leben des Erzählers. Der Fuchs hadert mit sich, ob, oder viel mehr, wie viel Schuld er auf sich geladen hat. Das Dramatische daran ist, dass er sich dieses Schicksal nicht ausgesucht hat. Donkić machte den Fuchs zum Teil des Tierreiches. Donkić verkörpert die allgegenwärtige übergeordnete Macht des Regimes, der Fuchs verkörpert den Mitläufer, der versucht sich so neutral wie möglich zu verhalten. Eigentlich versucht er, sich überhaupt nicht zu verhalten. Das gelingt ihm, doch die Frage ist, ob das richtig ist oder eben grundfalsch.
Ebenso dramatisch wie der innere Konflikt des Fuchses, ist der Dreh- und Angelpunkt des übergeordneten Konfliktes. Wer kämpft gegen wen und warum? Das Buch antwortet ernüchternd, ein Regime kämpfe gegen sich selbst, ohne es zu merken:

„Mit den jetzt schon weit zurückliegenden Studentenprotesten wollten wir weder die Welt verändern, noch ein neues politisches System einführen, wir verlangten lediglich Änderungen in der Vorgehensweise der Partei, gegen die wir, ehrlich gesagt, nichts hatten […].“

In diktatorischen Regimen sind Veränderungen, geäußert von jemand anderem als den Regime-Führern selbst, nicht gerne gesehen. Die Stellschrauben der Macht können, so scheint es, zu jeder Zeit an jedem Ort angezogen werden, bis der Kritisierende mundtot oder eben tot ist.

Ein deprimierend gutes Buch

„Schließlich stahlen wir dem lieben Gott den Tag, warteten darauf, dass der Militärdienst zu Ende ging und wir nach Hause zurück durften“, berichtet der Fuchs, als er sich einmal im Tierreich in vermeintlich unbeschwerter Stimmung suhlt. Doch der Schein trügt. In diesem Roman ist nichts unbeschwert. Das Tierreich von David Albahari versetzt den Leser in eine ganz eigenwillige Stimmung. Schnell ahnt er, dass hier etwas Falsches passieren wird. Skepsis und Misstrauen gegenüber den Figuren machen sich sofort breit und bahnen sich ihren Weg durch die sehr eigenwillig erzählte Handlung. Auf diese Weise lässt der Autor im Ansatz erahnen, wie es ist, niemandem trauen zu können, immer auf der Hut sein zu müssen, seine eigenen Schlüsse wieder und wieder zu hinterfragen. Das schnürt einem die Kehle zu, verunsichert und macht betroffen. Wie ängstlich wäre jeder von uns in einer Diktatur? Wie machtlos? Wie machtgeil? Wären wir lebendig, lebendige Tote oder wären wir tot?

David Albahari: Das Tierreich, 160 S., 20 Euro. Schöffling & Co, 2017.

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