Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens

Das Leben geht durch den Magen

Was hat die Liebe mit gutem Essen gemeinsam? Jede Menge, wenn man Ryan Stradal glauben mag. In seinem unterhaltsamen Roman Die Geheimnisse der Küche des Mittleren Westens verwebt er Liebes- und Lebensgeschichten mit Rezepten und Lebensmittelkunde. Klingt zu gewollt und konstruiert? Mag sein, funktioniert aber hervorragend.

Zentrum seines Romans ist Eva Thorvald. Obwohl die Geschichte aus den unterschiedlichsten Perspektiven erzählt wird und die Erzähler Eva manchmal gar nicht kennen, bahnt uns der Autor immer einen Weg zu ihr. Weil er stets weiß, wohin die Reise gehen soll, liest man diese kleinen Geschichten in der großen besonders aufmerksam. Zum einen weil einem jeder einzelne der teilweise spezielle und verschrobenen Charaktere ans Herz wächst, zum anderen um ja keinen Hinweis auf Eva zu verpassen.

Am Anfang war die Guacamole

Wir Leser kennen Eva bereits vor ihrer Geburt. Wir beobachten das Kennenlernen ihrer Eltern, die Krise kurz nach ihrer Geburt und die Flucht ihrer Mutter, die Eva und ihren Vater alleine lässt, um erfolgreiche Sommelière zu werden. Evas Vater liebt das Kochen und noch mehr seine Tochter, und versteht es diese Lieben miteinander zu verbinden.

Woche 1: Keine Zähne, daher:
1. Selbstgemachte Guacamole 2. Pürierte Backpflaumen (mögen Säuglinge Backpflaumen?) 3. Pürierte Karotten (wenn möglich Sugarsnax 54, sonst Herbstkönig)…

Woche 2: Noch immer keine Zähne, außer wir haben unwahrscheinlich viel Glück, aber was soll’s: 1. Definitiv Hummus. 2. Rest wie oben, bis Zähne da.

Woche 12: Zähne!
1. Schweineschulter (püriert? Oder lieber eine Demi Glace auf Schweinefleischbasis?)
2. Spaghettikürbis. Welches Kind wäre nicht begeistert? Das wird sie umhauen! (Was für ein Glück sie hat, dass sie zu Beginn der Kürbissaison Zähne bekommt!)

Wenig später stirbt er an einem Herzinfarkt – Eva ist noch sehr klein und wird sich nie an ihren Vater und ihre Mutter erinnern. Deshalb muss das Kind dieser zwei Genussmenschen bei Onkel und Tante aufwachsen. Zwei Menschen, die es gut mit Eva meinen, aber überfordert sind von ihrer Leidenschaft für Lebensmittel.

Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens

Zungenkuss mit Zander

Durch die Augen von Evas Cousine sehen wir ihr beim Großwerden zu. Wie sie Chilis züchtet und immun gegen ihre Schärfe wird und so selbst den stärksten Mann beim Chili-Wettessen schlägt. Evas erster Freund Will berichtet uns von ihrem Eintritt in die Welt der gehobenen Küche. Wie sie gemeinsam Zander angeln und die Frische von Produkten zu schätzen lernen. Die ersten Restaurants und Food-Profis werden auf ihren außergewöhnlichen Geschmackssinn aufmerksam. Gleichzeitig tauchen die ersten Neider auf.

„Ah, schön“, sagte Eva. „Welche Tomaten hast du verwendet?“ „Early Girl“, sagte Octavia. „Das ist meine Lieblingssorte von den traditionellen, frühreifenden.“ „Early Girl ist doch keine traditionelle Sorte. Das ist ein gezüchteter F1-Hybrid.“ „Doch, das ist eine alte Sorte.“ „Nein, die gehört Monsanto. Das sind keine schlechten Tomaten, aber wenn du eine echte frühreifende alte Sorte suchst: Mir gefällt die Moskwitsch ganz gut. Die hat genau die gleiche Größe, die gleiche Form, den gleichen Wuchs, alles. Gibt es gerade bei Heirloom Johnny Lao auf dem Wochenmarkt in St. Paul. Die wachsen hier in unserer Klimazone gut. Die Erde muss nur warm sein. Und ich würde die Samen vorher in Eierschalen vorkeimen lassen.“ Octavia hatte schon bei Monsanto abgeschaltet, das merkte nun auch Eva.

Mal geht es auf, mal geht es ab in Evas Leben. Sie entwickelt sich zu einer Top-Köchin, dafür bleibt im Privaten vieles auf der Strecke. Jedes Kapitel ihres Lebens – und damit auch dieses Buches – schlägt sich in ihrer Art zu kochen nieder und macht ihre Koch-Events zu heißbegehrten Sensationen, für die es jahrelange Wartelisten gibt. Am Ende steht das Menü ihres Lebens.

Das Menü eines Lebens

Eva ist ein interessanter Charakter, keine Frage. Trotzdem ist es nicht sie, die den Roman vorantreibt, auch wenn sie sein Dreh- und Angelpunkt ist. Vielmehr ist es das Leben und die Menschen um sie herum. Die Netten und die Fiesen, die Starken und die Schwachen. Die Zufälle und die schicksalhaften Begegnungen. So wie ein hervorragendes Gericht entsteht, fächert sich auch ein Leben und ein Buch auf. Die Mischung, die richtige Prise der jeweiligen Einzelteile macht es einzigartig und besonders.

Ryan Stradal hat in seinem Roman den richtigen Mix gefunden. Man liest ihn mitfühlend, nickend und findet das ganz normale Leben darin. Er erzählt keine unglaubliche Geschichte, baut keine besonderen Sätze und kommt ohne sensationelle Wendungen aus. All das braucht es auch gar nicht. So strahlt das Buch eine Ruhe und Harmonie aus. Es sagt: Vielleicht gibt’s im Leben kein Happy End, aber ein zufriedenes. Das ist doch was.

J. Ryan Stradal: Die Geheimnisse der Küche des mittleren Westens. Diogenes, 2018. 13,00 Euro.

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