Dörte Hansen: Mittagsstunde

Weltuntergang

„De Welt geiht ünner“: Mit dieser Parole im Mund spaziert Marret Feddersen durch das Dorf und über das flache Land, welches das Dorf umgibt. Das Dorf heißt Brinkebüll, es könnte aber auch Ockholm, Rodenäs oder Humptrup heißen. Brinkebüll steht stellvertretend für ein nordfriesisches Dorfleben, das im Sterben begriffen ist. Vielleicht steht es aber auch für das klassische deutsche Dorfleben an sich, das in unserer Generation vermutlich seine letzten Atemzüge macht.

Der erste Sommer ohne Störche war ein Zeichen, und als im Herbst die Stichlinge mit weißen Bäuchen in der Mergelkuhle trieben, war auch das ein Zeichen. „De Welt geiht ünner“, sagte Marret Feddersen und sah die Zeichen überall. Die alten Ulmen starben einen Sommer später, am Westerende, wo sie seit hundert Jahren Ast in Ast gestanden hatten. Ihre Blätter wurden plötzlich gelb, die Kronen kahl, im Juni schon. Sie standen noch ein Jahr wie abgedankte König.

Noch hat er nicht abgedankt, der König der Dorfkneipe und Vater von „Marret Ünnergang“, wie sie im Dorf genannt wird. Sönke Feddersen ist eines der letzten noch lebenden Unikate von Brinkebüll. Der Wirt steht tagein tagaus hinter seinem Tresen, eine feste Größe im Dorfinventar. Nach mehr als 20 Jahren kehrt sein Enkel Ingwer zurück in die nordfriesische Heimat und findet einen Ort vor, in dem alles und nichts so ist, wie es früher einmal war.

Die Chronologie von Brinkebüll

Da stehen sie noch: die Schule, die Kneipe, der Laden und die Bauernhäuser. Und doch sind sie nicht mehr das, was sie einst waren. Ihrer Funktion beraubt. Mit Ingwers vertrauten und doch fremden Augen ziehen wir durch das Brinkebüll seiner Kindheit, seiner Jugend und das Brinkebüll von heute mit dem knapp 50-jährigen Ingwer.

Es gab ein altes Spiel in Brinkebüll, die Regeln wurden nie geändert. Es ging wie Flüsterpost, und alle spielten mit, nur der, von dem die Rede war, blieb draußen. Ik weet wat, wat du nich weetst. Karl-Heinz Duncker wusste beispielsweise nicht, dass er im ganzen Dorf nur Kakadudu hieß, weil er so stotterte, und Dietrich Eggers hatte keine Ahnung, dass sie ihn Bückdich Eggers nannten. Er war angeblich vun de anner Partei.

Wie ein beschwingter Trauermarsch liest sich Dörte Hansens Roman. Mal vibriert das Buch vor Nostalgie, mal nimmt das kleine, enge Dorfleben fast die Luft zum Atmen. Should I stay or should I go? Man hadert mit dem jungen Ingwer. Man weint um die verlorene Welt und feiert den Aufbruch ins Neue.

Der Tod der Tradition

Die Geschichte um das Sterben einer alten Welt, die nach hunderten Jahren zu Ende geht, erzählt die Autorin anhand der drei Generationen der Familie Feddersen. Ella und Sönke, verbunden in Hassliebe und aneinander gekettet durch Ehe, Kneipe, Enkel und Dorf. Marret, die Tochter, nicht ganz von dieser Welt und immer ein wenig Fremdkörper in der Familie und im Ort. Und dann Ingwer, Marrets Sohn, der seine Großeltern Vadder und Mudder nennt. Der dem Dorf den Rücken kehrt und Professor in Kiel wird, der die Tradition Tradition sein lässt und nicht der nächste Wirt der Dorfkneipe sein will. Und der mit fast 50 dann doch wiederkommt.

Er erinnert sich: an den Dorfschullehrer, an Paule Bahnsen, an die Landvermesser und die Flurbereinigung, an Unglücksfälle und Feste, an die Bauern und als plötzlich keiner mehr Bauer sein wollte. Und mit den Erinnerungen kommt auch das Verstehen und die Aussöhnung mit alten Geheimnissen und Wunden.

So wie Dörte Hansen das schreibt, liest man es selten in der deutschen Literatur. Das ist zugleich Unterhaltungsliteratur und hat Anspruch. Das ist Frauen- und Männerroman. Das hat Tragik und das hat Witz, Spannung und ist trotzdem ein fröhliches Dahinplätschern. Ganz viel Herz und ebenso viel Hirn. Wahrscheinlich ist genau das die große Kunst. Und deutsche Bücher, die diese Kunst beherrschen, würde ich gerne so viel mehr lesen.

LESERASTER

This book is for you:

  • Wer auf moderne Heimatromane steht
  • Fans von Tragikomödien
  • Wenn Du vielschichtige Charaktere magst

But not for you:

  • Wenn Du eine Allergie gegen Dialekt und Lokalkolorit hast
  • Wer eine spannungsgeladene Story voller Cliffhanger sucht
  • Wer nicht noch ein Buch über Heimkehr lesen will

Wer diese Rezensionen mochte, mag Mittagsstunde:

Was man von hier aus sehen kann
Rosalie
Leinsee

Dörte Hansen: Mittagsstunde. Penguin Verlag, 2018. 22,00 Euro.