Durch Berlin mit Gereon Rath

Volker Kutscher: Der nasse Fisch

Lasst ihr auch manchmal Bücher ewig im Regal stehen? Und zwar nicht, weil ihr keine Lust darauf habt, sondern weil ihr schon ahnt, dass sie so gut sind, dass sie euch geistig wie körperlich komplett in Beschlag nehmen werden? So ging mir das mit Volker Kutschers Der nasse Fisch. Ich habe mir das Buch vor sechs oder sieben Jahren gekauft. Genau so lange stand es ungelesen in meinem Bücherregal. Immer wieder habe ich es hervorgezogen, den Klappentext und die ersten Zeilen gelesen, es schweren Herzens wieder zugeklappt und entschieden: Es ist noch nicht soweit. Doch dann kam Babylon Berlin.

Als ich von der Serie las, wusste ich sofort: die muss ich sehen. Als ich den Namen Gereon Rath las, wusste ich außerdem: Jetzt ist die Zeit gekommen. Weil die Serie auf Volker Kutschers Büchern über den Kommissar im Berlin der 20er und 30er Jahre basiert, musste ich zunächst das Buch lesen. Ich erlaube es mir selbst nicht – und zwar niemals – eine Literaturadaption zu gucken, bevor ich das dazugehörige Buch nicht gelesen habe. Wahnsinn – ich weiß –, aber auch hier hat der Wahnsinn zumindest Methode und beruht auf jahrelanger Feldforschung, bei der ich zu dem Ergebnis gelangte, dass die bewegten Bilder nur dann mit ihrer literarischen Vorlage mithalten können, wenn sie diese nicht bloß kopieren, sondern sich ihrer Seele annehmen. Aber das ist ein anderes und viel zu großes Thema. Kurzum: erst kommt bei mir das Wort und dann das Bild.

Berlin pocht

Das Wort beziehungsweise der Roman hat all das gehalten, was ich ihm zutraute. Er griff die Stimmung gegen Ende der Weimarer Republik besser auf als jedes andere Buch, das ich bislang dazu gelesen hatte. Und ich habe viele, sehr viele gelesen (ich habe nämlich meine Magisterarbeit zu dem Thema verfasst). Gerade das tobende, bis zum Anschlag pochende Berlin von 1929 trifft Kutscher im Ton und in den Figuren, die er hineinsetzt. Vor allem die widersprüchlichen Seiten – auf der einen die immer noch Funken sprühenden Goldenen 20er mit all ihren Abgründen aber auch ihrer Aufgeklärtheit und Aufbruchsstimmung, auf der anderen der gewalttätige, ausschließende, rückwärts gewandte braune Sumpf, der sich zunehmend ausbreitet – wirken ungeheuer echt und greifbar nah, angsteinflößend nah.

Mittendrin und irgendwie stets zwischen den Stühlen steht Gereon Rath. Ein Kölner Mordermittler, der ins Berliner Sittendezernat versetzt wurde, weil er im Dienst einen Mann erschossen hat. Die Versetzung hat er seinem übermächtigen Vater und Polizeirat Engelbert Rath zu verdanken. Berlin packt den jungen Kommissar mit all seiner Kraft und schüttelt ihn ordentlich durch. Und zwar so sehr, dass er ins Taumeln und Straucheln gerät. Schwarz und Weiß, Gut und Böse: so einfache Kategorien gibt’s nicht in der Hauptstadt. Und zu welcher er eigentlich gehört, weiß er erst recht nicht.

Auch Charlotte Ritter braucht in dieser Zeit des Umbruchs einen langen Atem und viel Kraft, um ihren Platz zu finden. Eine Frau bei der Polizei? Das finden viele ziemlich unerhört. Doch Charlotte – oder besser Charly, wie ihre Kollegen und Freunde sie nennen – ist ein Paradebeispiel für die berufstätige „Neue Frau“. Die lässt sich so leicht nicht unterkriegen. Sie ist ehrgeizig, sehr schlau und weiß sich zu helfen. Das macht sie zu einer hervorragenden Ermittlerin und einer ebenbürtigen Partnerin für Gereon Rath – vielleicht zumindest.

Sehenden Auges in den Abgrund

Wenn es im Privatleben der beiden schon drunter und drüber geht, ist das nichts im Vergleich zu dem, was da beruflich so auf sie zudonnert. Da prügeln Stalinisten auf Trotzkisten ein, Nazis auf Kommunisten, und umgekehrt. Die Kaisertreuen mischen überall ein bisschen mit und die Berliner Unterwelt sowieso. Wer hier wen umlegt und übers Ohr haut: man verliert schnell den Überblick. Das ist aber keine Schwäche des Romans, ganz im Gegenteil: mit sicherer Hand führt uns Volker Kutscher durch seine Geschichte und das große Figuren-Inventar. Den Überblick verlieren wir alle zusammen. Ganz einfach: weil die Zeit eine chaotische war.

Der Titel gibt übrigens auch das Programm des Buches wieder und entfernt sich damit vom klassischen Krimi. Ein „nasser Fisch“ ist im Polizei-Slang ein ungelöster Fall. Wer hofft, dass am Ende alle Mörder tot sind oder hinter Schloss und Riegel sitzen, wird enttäuscht werden. Eigentlich sollten wir uns darüber aber freuen. Denn so gelingt Kutscher ein authentisches Gemälde der Zeit und macht das Leseerlebnis im Nachgang umso intensiver. Wir alle wissen schließlich, was nach dem Ende der Weimarer Republik lauert. Wahrlich nichts, worüber man sich freuen kann oder konnte.

Volker Kutscher und Kat Menschik: Moabit

Eine große Freude ist allerdings das dünne und doch so reiche und volle Buch, das ich während meines akuten Rath-Fiebers entdeckte und das gerade erst erschienen ist. In Moabit erzählt uns Volker Kutscher Charlotte Ritters Vorgeschichte. Die mehr als nur fabelhafte Illustratorin Kat Menschik (seit ihrem etwas anderen Gartenbuch Der goldene Grubber bin ich ein Fan) gibt dem kurzen Einblick in Charlys Leben vor dem Polizeidienst eine neue Ebene und haucht ihr noch mehr Leben ein als Worte das für sich allein könnten.

Was zuvor geschah

Das große Plus des Büchleins: es offenbart uns so einige wissenswerte Details aus Charlottes Jugend und Kindheit, die erklären, wie aus der jungen Lotte die Kriminalassistentin Charly wurde – und vor allem wieso. Wir begegnen dabei einigen Nebenfiguren, die wir bereits aus dem nassen Fisch kennen, denen wir aber dort nur wenig oder zumindest zu wenig Beachtung schenkten.

Der Kauf des Buches lohnt aber nicht wegen der Geschichte allein. Ja, würde sie für sich alleine stehen, könnte sich sogar ob ihrer extremen Kürze und des doch irgendwie unbefriedigenden Endes ein Gefühl der Enttäuschung breitmachen. Könnte – wären da nicht diese charmanten, lebendigen und ironischen Illustrationen Kat Menschiks.

Kunst als Kommentar

Nein, sie verbildlicht nicht bloß, was da im Text passiert. Sie kommentiert ihn. Allein durch ihre Bildsprache, die sich ganz dem Duktus der Zeit verschrieben hat und ihn dadurch gleichzeitig aufs Korn nimmt. Sie erweitert unser Kopfkino, statt es vorwegzunehmen. All die Bilder im Kopf, die sich während des Lesens auftun, werden ergänzt statt ersetzt. Der Zeitgeist wird zum Hauptdarsteller, die Geschichte beginnt zwischen Fakt und Fiktion zu schweben.

So wird dieses Buch auf seltsame Weise ein nachgereichtes Stück Zeitgeschichte. Die an Linolschnitte angelehnten Zeichnungen erinnern irgendwie auch an sepiafarbene Fotografien und trotzdem weiß man ja stets ganz genau, dass das alles nur Fiktion ist. Teil eines erfundenen Universums, das in eine einmal gewesene Zeit hineingesetzt wurde. Das macht es so unwiderstehlich: es war nicht, aber es hätte sein können. Manchmal ist man froh, dass man nur Zuschauer, Leser, Verbündeter im Glaubenmachen ist. Und manchmal fast sehnsüchtig nach so einem Abend im Moka Efti, dem Hämmern einer Schreibmaschine und den behüteten Herrschaften, die durch die Straßen einer Weltstadt namens Berlin drängen und auf eine Katastrophe zurasen. Wir wissen, was kommt, sie nicht.

So schön schrecklich sind Geschichten, sind Romane, sind Bücher. Volker Kutschers Krimis sind das allerschönste Beispiel dafür.

Volker Kutscher: Der nasse Fisch. Kiepenheuer und Witsch, 2008. 9,99 Euro.
Volker Kutscher/Kat Menschik: Moabit. Galiani Berlin, 2017. 18,00 Euro.

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