Einsame Schönheiten – die Scilly-Inseln

Zeitlos zwischen den Gezeiten

Genau eine Stunde Zeitunterschied liegt zwischen dem europäischen Festland und Großbritannien. Wenn es in Deutschland fünf vor zwölf ist, stehen die Zeiger auf der Insel gerade einmal fünf Minuten vor der Elf. Befinde ich mich in London, meine ich, es müsste eigentlich genau andersherum sein. Hier rast die Zeit. Doch je weiter westlich ich komme, umso langsamer wird sie. Minuten fühlen sich wie Stunden an. Wüsste ich es nicht besser, würde ich sagen, die Uhren hätten irgendwo auf dem Weg nach Westen den Rückwärtsgang eingelegt. In Cornwall ist das Zeitgefühl ein anderes, ist das Leben ein anderes. Möglicherweise weniger modern, weniger technisiert, aber sicherlich nicht langweiliger und auf gar keinen Fall weniger intensiv. Über all die Jahre, in denen es mich in Englands Südwesten zog, ahnte ich nicht, dass sich diese Gefühle – des Lebens und der Zeit – und sogar der Inselzustand an sich noch potenzieren lassen.

Bevor ich allerdings mit einem exponentiellen Wachstum meiner Glücksgefühle belohnt werde, stellen mich Raum und Zeit auf eine harte Probe. Will man nämlich auf die Inseln vor der Insel reisen, braucht es Geduld, Glück und die Gunst des Wettergotts. Drei Flüge standen auf meinem Reiseplan. Einen kürzeren und günstigeren Weg, auf die Isles of Scilly zu kommen, gibt es nicht wirklich. Von München nach London-Gatwick führte mich der erste Flug. Reine Routine. Der Anschlussflug nach Newquay sollte erst drei Stunden später gehen, es blieb mir also genug Zeit, gemütlich durch die Shops zu bummeln, ein Buch zu kaufen, einen leckeren Thai-Salat bei Wagamama zu genießen und am Gate entspannt auf das Boarding zu warten. Es läuft, wie es laufen soll: der ausgebuchte Flug ist pünktlich, alle sitzen, wir rollen Richtung Startbahn. Zumindest solange, bis wir wieder rollen – nämlich zurück – und das Flugzeug seinen alten Parkplatz einnimmt. Warum das? Verwirrung macht sich breit. Nach halbstündiger Wartezeit wird klar: dem Co-Piloten wurde schlecht, er kann nicht fliegen. Ein schneller Ersatz ist leider Mangelware und nach mehr als einer Stunde ratlosen Herumsitzens folgt auch schon das Kommando: alle aussteigen, bitte! Es folgen weitere zwei Stunden des Abwartens. Aus einer entspannten Anreise wird eine mit großem Fragezeichen. Klar ist jetzt nämlich auch: kein Weg führt heute mehr auf die Scillys. Der letzte Skybus aus Newquay ist weg und die letzte Fähre von Penzance wird ebenfalls unerreicht bleiben. Als ich am Abend endlich Newquay erreiche, wartet dort also lediglich ein Taxi, das mich nach Penzance ins Hotel bringt. Nach zwölfstündiger Reise dort angekommen, werfe ich mich auf das Hotelbett und sehne den schnellen Schlaf herbei – nichtsahnend, dass mir der schönste Teil des Tages noch bevorsteht.

Später Abend, Silberglanz

This precious stone set in a silver sea

So lässt Shakespeare Richard II. über sein England sprechen. Und weil das Leben manchmal doch mehr kann als die Kunst, wirft es mir dieses Bild vor die Augen. Auf der Terrasse des Old Coastguard in Mousehole. Ein runder, elfenbeinfarbener Mond scheint über dem Meer und lässt die sanft gegen die Steine schlagenden Wellen silbern funkeln. Neben mir wiegen sich die Palmen im weichen Herbstwind und so pink blühen die Hortensien, dass sie selbst im milden Mondschein noch strahlen. Die Luft ist lau. Und all das Mitte Oktober. Das kann nur Cornwall – mit dem Gedanken lasse ich den Blick wieder über das Wasser wandern. Er findet ein weiteres, bereits bekanntes Wunder. Im Silberglanz der See liegt die Felseninsel St Michael’s Mount, auf der die Familie St Aubyn seit Jahrhunderten ihren Familiensitz hat und die zu den eindrücklichsten Landmarken Südenglands gehört.

Durch Nebel, Meer und Wind

Der Nebel, der mich am nächsten Morgen begrüßt, besitzt nur wenig von der schwelgerischen Romantik des Vorabends, aber dennoch Atmosphäre – wenn auch eher die eines Krimis. Mörder ahoi, murmle ich leise. Trotzdem: Mit dem Koffer im Schlepptau frühmorgens am Mount und dem verlassenen Jubilee Pool vorbeizulaufen ist ein einmaliges Erlebnis. Noch nie sind mir am Pier von Penzance so wenige Menschen begegnet. Das ändert sich schnell, sobald ich mich der Scillonian III nähere, der Fähre, die mich endlich auf die Scillys bringen soll. Das Schiff ist voll beladen, vorwiegend mit Tagestouristen in Hundebegleitung und den Birders. Birders, das sind die vogelbegeisterten Briten, die sich nichts schöneres vorstellen können, als in grüner Tarnkleidung und mit einem Fernglas bewaffnet die wilde Vogelwelt der Scillys zu beobachten. Vielleicht sind sie sogar Twitcher? Die Twitcher legen Wert darauf, nicht bloße Birdwatcher zu sein, sondern lange, manchmal sogar weltumspannende Wegstrecken für das Erspähen eines seltenen Gefieders auf sich zu nehmen.

Wegen der aufgerauten See verbringe ich die Überfahrt vorwiegend auf dem Außendeck, da sich meine Seefestigkeit dort als deutlich stabiler erweist. Der salzigen Luft, der schäumenden Gischt und dem wogenden Wasser ausgesetzt zu sein, tut meinem Magen besser als im Inneren des Schiffes auf einen Monitor und schlafende Menschen zu starren. Außerdem habe ich so Gelegenheit, die Vogelverrückten bei ihren Fachgesprächen zu belauschen. Kurz vor St Mary’s, dem Ziel der Schiffsreise und der größten der Scilly-Inseln, erhasche ich die Information, dass einer der Birdwatcher soeben einen Piepmatz entdeckt hat, der ihm 1991 das letzte Mal vor die Linse kam. Leider habe ich den Namen des Vogels nach einer Minute schon wieder vergessen. Aber ich verstehe plötzlich, wie dieses oft belächelte Hobby zur Obsession und Leidenschaft werden kann.

Hugh Town ist der Dreh- und Angelpunkt meines Aufenthalts und der Scillys. Die „Hauptstadt“ der Inseln besitzt als einzige einen Fährhafen, der zu den Inseln hin und wieder wegführt. Wenige Meilen entfernt liegt außerdem der Flughafen, der die Eilande mit dem englischen Festland verbindet. Mehrmals täglich – sofern das Wetter gnädig ist – fliegt ein Skybus Newquay, Land’s End und Exeter an. Zwischen den Inseln – genauer gesagt zwischen den bewohnten Inseln, denn gerade einmal 5 der 140 Eilande sind bewohnt – verkehren kleinere Fährboote, die etwa 30–50 Personen fassen. Die Insulaner, die Scillonians, leben mit dem Wetter und den Gezeiten. Das macht sie bescheiden, geduldig und wunderbar entspannt. Eine aussterbende Sorte Mensch, die man mit staunendem Neid betrachtet. Vielleicht könnte man ja genauso sein, wenn man hier leben würde. Allerdings muss man gemacht sein für das spezielle Inselleben. Eine stabile Psyche und ein Hang zur Einsamkeit sind Grundvoraussetzung.

Auch wenn es auf den Scillys eigentlich nicht schneit und zweistellige Temperaturen selbst im Winter Normalität sind, kann den Bewohnern ein regelmäßig wiederkehrender Gast schon mal gehörig auf den Keks gehen: der Wind, das nicht immer so himmlische Kind. In den Wintermonaten klopft und schlägt er gerne tagelang gegen die Fensterscheiben, die man dann besser mit einem Holzbrett schützt. Wie ein tobendes Kleinkind kann er einen durchaus an den Rand des Wahnsinns treiben, erzählt mir Wahl-Scillonian Zoë Julian, die eigentlich aus Devon stammt und gemeinsam mit ihrem Mann das Unternehmen Scilly Flowers führt.

Irgendwo im tiefen blauen Meer

Das Paar züchtet Narzissen, die sie dann an ihre Kunden in ganz Großbritannien versenden. Das Klima am abgeschiedenen Ende Europas ist paradiesisch für die Blumenzucht: der Golfstrom sorgt für milde Temperaturen und eine hohe Luftfeuchtigkeit, sodass exotische Pflanzen hier das ganze Jahr über gedeihen.

In vorglobalisierten Zeiten – von den 1950er bis in die 1990er Jahre – war es deshalb der Hauptlieferant für das blumenverliebte Königreich und lebte zu einem erheblichen Teil vom Blumenexport. Lange vorbei. Die ausländische Konkurrenz war einfach zu günstig, um mithalten und überleben zu können. Nun dreht sich der Wind allerdings erneut: viele Kunden entdecken die Kombination von Qualität und Regionalität wieder für sich. Davon profitiert wiederum Zoë, die ihre blühenden Schönheiten auf der Insel St Martin’s zieht. Die warme Atmosphäre von St Martin’s öffnet jedoch nicht nur Blütenkelche, sondern auch Herzen. Und wie! Bereits als das schaukelnde Shuttle-Boot den weißen Sand des Inselufers erreicht, steht meines sperrangelweit offen. Sukkulenten, die sich gemütlich in den Lücken der verwitterten Mauern eingerichtet haben, wettergegerbte Steinhäuser und menschenleere Sandstrände vor türkisblauem Meer: mehr braucht es nicht, um mich zu erobern.

Die Insel ist gerade groß genug, um sie innerhalb eines Tages auf Trampelpfaden zu erkunden. Munter mähende, mampfende Schafe und ein sich stets veränderndes Landschaftsbild sorgen für Abwechslung. Wer der Realität noch einen Schritt weiter entfliehen will, macht ihn ins Pub Seven Stones Inn. Das fühlt sich an wie Hogsmeade. Einzig das Butterbier fehlt zum Potter-Glück und der Bart des Barkeepers scheint mir etwas zu kurz geraten. Dafür entschädigt das inseleigene IPA (India Pale Ale) namens Association – benannt nach dem 1707 an den Scillys zerschellten und gesunkenen Flaggschiff der britischen Marine.

Wer Höhenflüge sucht, muss jedenfalls nicht zum Bier greifen. Deutlich länger hält der Rausch vor, den man an Bord von Mark Groves’ Schlauchboot erfährt. Er nimmt mich mit auf Seal Safari. Auf den Sandbänken der Scillys leben unzählige Kegelrobben – eine der größten Populationen Europas. Mit Marks wendigem Boot, auf dem acht Personen Platz haben, kommt man den Tieren so nah, wie es auf dem Wasser nur geht. Wer auf Tuchfühlung gehen will, kann eine Runde Seal Snorkelling buchen: im Neoprenanzug darf man mit den neugierigen Tieren schwimmen. Weil Robben aber überhaupt nicht scheu sind, blickt man ihnen auch sitzend ganz tief in die Augen.

Glückspilze wie ich erspähen vielleicht sogar ein Junges. Mark erklärt uns, dass die Kleinen im Sommer geboren werden und lediglich drei Wochen unter der Obhut ihrer Mutter bleiben. Danach werden sie ganz sich selbst überlassen. Das Darwinsche Prinzip des Survival of the Fittest vorgeführt in freier Wildbahn, wäre da nicht die Tatsache, dass Robben auf den Scillys keine natürlichen Feinde besitzen. Ach, faul und friedlich lebt sich’s doch am schönsten.

Dank Marks ungeheuren Wissens über die Natur und die Geschichte seiner Scillys bleibt die schnelle, feucht-fröhliche Fahrt über die Wellen nicht nur eine unvergessliche Naturerfahrung, sondern auch eine Bereicherung fürs Hirn. Ich bekomme ein Gespür für diese Inseln, von denen die kleinsten nicht mehr sind als aus dem Wasser ragende Felsformationen, höre von vergangenen Kriegen, den ersten Menschen, gesunkenen Schiffen, aber auch von der maritimen Vogelwelt. Shags, Gannets und Puffins: was für wohlklingende Namen schweben über dem tiefen blauen Meer. Krähenscharben, Tölpel und Papageientaucher nennen sie sich deutlich rationaler im Deutschen. Die Eilande sind Eigentum des Duchy of Cornwall, konkreter gesagt: von Prince Charles. Regiert werden sie aber von einer größeren, höheren Macht. Den Gezeiten.

Lovesong to Bryher

Ebbe und Flut geben den Takt für den Rhythmus des Lebens vor, fast mehr noch als Tag und Nacht. Das weiß auch Chris Potterton, den ich auf seiner Heimatinsel Bryher kennenlerne.

Wer die Autorität der Gezeiten nicht anerkennt oder schlichtweg ignoriert, muss bezahlen. Vor einigen Jahren ertrank ein Mann zwischen Bryher und Tresco, weil er beim Heimweg aus dem Pub die Geschwindigkeit der Flut unterschätzte. Er war zu Fuß unterwegs und erreichte das rettende Ufer nicht mehr. Mit einem kundigen Guide wie Chris kann mir das nicht passieren. In Gummistiefeln erstapfen wir uns einen Weg durch das Watt, vorbei an Seegras, Seesternen und Krebsen.

Auf den Sandbänken vor Bryher sind Boote vertäut. Solche, die nicht mehr fahrtauglich sind, dienen im Inneren der grünen Insel als Zuhause für Gräser und Sukkulenten. Hinter Hecken und Zäunen schlummern Häuser, kleine Farmen locken mit Gemüseständen und Selbstbedienung, in einer alten Bootswerft malt der Künstler Richard Pearce mit Blick auf die Bucht.

Vorbei an Farnen und grünen Hängen führt der Fußweg über die Insel, entlang wild wachsender Brombeeren und Agapanthen, von denen der Tau wie Tränen tropft, über Stock und Stein. Läge hier keine Zeitung mit Theresa May als Covergirl aus, ich hätte keine Ahnung, welches Jahr wir schreiben. 1957, 1987, 2017. Bryhers Zauber heißt Zeitlosigkeit. Das hier ist meine Insel. Sie träumt und lässt sich nicht wecken.

Kein Paradise Lost

Die Eilande sind eigene Charaktere. Zusammen bilden sie ein unwiderstehliches Team, fast so wie die verschiedenen Typen einer Castingband. Während St Mary’s die Aura einer Leadsängerin verströmt und St Martin’s den süßen Witzbold gibt, passt zu Bryher die Rolle des wilden, weltabgewandten Schöngeists. Auf der mir unbekannt gebliebenen St Agnes schlägt das Herz einer Draufgängerin, versichert man mir, und Tresco bildet das Pendant zu Posh Spice. Ja, hier geht es kultiviert zu – fast etwas abgehoben, wenn man die Insel denn mit den anderen vergleichen will. Das könnte daran liegen, dass Tresco Island sich als einzige in Privatbesitz befindet. Sie gehört der Familie Dorrien-Smith. Wenn man das weiß, sieht man plötzlich überall deren leitende Hand. Eine geschmackvolle, sanfte Hand, aber sie ist da. Tresco glänzt vor Sauberkeit und Ordnung, es ähnelt einem Resort – einem wunderschönen wohlgemerkt – und strahlt Urlaubsgefühl aus. Das muss man eben mögen. Es ist nicht so, dass ich es nicht mag; es ist nur fast ein bisschen zu schön, zu perfekt, um echt zu sein.

Ein Ort auf Tresco packt mich dann aber doch: die Abbey Gardens. Ein Garten voll exotischer Gewächse inmitten alter Klostermauern. Durch ein steinernes Tor betritt man eine magische Welt aus Ranken, bunten Blüten und Wurzeln. Sie besitzt die ungezügelte Lässigkeit, die dem Rest der Insel fehlt. Im Zentrum dieser Anlage lebt übrigens die Besitzerfamilie Dorrien-Smith, in einer schlichten Villa aus Stein, gezeichnet von Wasser und Wind. Von der mit Flechten überzogenen Terrasse sieht man auf den Garten, die Bucht und den Pool.

So sieht das Luxusmodell des britischen Understatements aus. Auf verschrobene Weise sympathisch, auch wenn man spätestens dort oben daran erinnert wird, dass die englische Klassengesellschaft lebendiger denn je ist. Oder gehört auch das zur Verlockung, gehört das dazu, wenn man sich hier der Zeit enthebt? Ich kann darauf keine Antwort geben, nur hoffen, dass diese Inseln noch lange ihre entrückte Magie bewahren können.

Manchmal – und wie es scheint, immer öfter – bahnt sich der Wahnsinn der Welt nämlich seinen Weg durch das Meer. Selbst die Scillys können sich vor dem Brexit nicht verstecken. Im Gegensatz zur übrigen Grafschaft Cornwall haben sich die Inseln mehrheitlich für den EU-Verbleib ausgesprochen. „God help us all“, erwidern selbst so tiefenentspannte Scillonians wie Chris auf den Austritt angesprochen. Ein simpler Satz zeigt, wie groß die Verzweiflung ist. Gott und die Welt haben im Paradies nichts zu suchen, denke ich und bete, dass es nicht verloren geht.

Wie komme ich hin?
Mit dem Skybus
Mit der Fähre

Wo schlafen?
Star Castle Hotel, St Mary’s
Hell Bay Hotel, Bryher
Bed & Breakfast und Cottages, Tresco

Wo essen?
Seven Stones Inn, St Martin’s
Star Castle Hotel, St Mary’s
Dibble & Grub, St Mary’s

Weitere Informationen findet ihr hier:
Visit Isles of Scilly

Sponsored. Auf diese Reise wurde ich von Visit Britain eingeladen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

This site uses Akismet to reduce spam. Learn how your comment data is processed.