Endlich entdeckt: Max Porter

Magie und Musik

Vor einigen Wochen flatterte ein Mini-Paket in meinen Briefkasten: Es enthielt ein kleines, kurzes Buch mit dem Titel Lanny. Sein Cover war mir schon zuvor aufgefallen. Beim Namen des Autors Max Porter klingelte ein Glöckchen in einer dunklen Ecke meines Hirns und ich kramte eine Erinnerung an den Besuch einer Londoner Buchhandlung hervor, in der ebenjener Max Porter auf sämtlichen Plakaten als „Rising Star of English Literature“ gepriesen wurde. Damals hatte er gerade sein Debüt Grief is the thing with feathers veröffentlicht – später als Trauer ist das Ding mit Federn auf Deutsch erschienen.

Warum ich das Buch letztendlich nicht gekauft habe? Keine Ahnung. In der Hand hatte ich es bereits. Vielleicht ja, weil ich nicht gerne zu Dingen greife, wenn man sie mir allzu offensichtlich aufdrängen will. Hätte ich es mal getan, dann wäre ich früher in die wunderbare, wundersame Welt dieses Autors eingetaucht.

Die Legende von Lanny

Lanny hat mich sofort in seinen Strudel aus schönen Sätzen und Figuren gezogen. Wir begleiten die Bewohner eines kleinen englischen Dorfes durch die unerhörte Begebenheit von Lannys Verschwinden. Lanny ist ein Junge, der anders ist als Jungen seines Alters und auch anders als alle anderen, ein ganz besonderer Charakter mit Gespür für seine Mitmenschen, für die Natur – und auch für ihre Mythen und Legenden.

Er glaubt, unsere Seelen spalten sich ab und wandern eine Zeit lang herum und sehen die Dinge zum ersten Mal richtig. Er glaubt, wir sehen zum ersten Mal, wie alles wirklich ist, wie nahe wir den Pflanzen sind, wie alles miteinander zusammenhängt, und wir verstehen endlich, aber nur einen ganz kurzen Moment. Wir sehen Formen und Muster, und es ist unglaublich schön, wie die beste Kunst aller Zeiten. Mathe und Naturwissenschaft und Musik und Gefühle in einem, alles ein großes Ganzes. Und dann lösen wir uns einfach auf und werden Luft.

Altvater Schuppenwurz

Zu diesen Mythen und Legenden gehört Altvater Schuppenwurz – eine sagenumwobene Gestalt des Dorfes, an die aber doch niemand tatsächlich glauben mag; niemand, bis auf Lanny und uns Leser, denn Schuppenwurz ist einer der Charaktere, aus dessen Perspektive wir die Geschichte begleiten dürfen.

Neben Lanny ist Schuppenwurz – der so etwas ist wie das Symbol für die Schönheit und die Schrecklichkeit der Natur – die Hauptfigur dieses kurzen und vor allem kurzweiligen Buches. Mit einem Wimpernschlag ist Lanny verschwunden und alle Spuren verlaufen im Sand: Das ist, kurz gefasst, der Dreh- und Angelpunkt von Max Porters Geschichte. Was er daraus spinnt, ist ein ganzes Panorama an Themen, Motiven und vor allem: Poesie.

Baumbart und Efeu und Moos bestehen unbeschadet Hunderte Jahre. Die Welt ist nicht verloren, wenn wir in ihr verwurzelt sind. Bäume geben die Regeln vor. Regen macht einen Bogen, rinnt an mir ab, Ich bin Wachsblatt, Feldstein, speichere morgigen Sonnenschein unsichtbar in meiner Rinde.

Es grenzt fast an ein Wunder, wie auf gerade einmal 200 Seiten Klimaschutz, Generationenkonflikte, Elternschaft, Außenseitertum, Beziehungsdrama und ja, sogar der Brexit Platz finden, ohne dass es einer Abarbeitung, Aufzählung oder einem bloßen Abriss gleicht. Porter schreibt klar und doch so lyrisch, er schlägt Kurven und trotzdem wirkt jeder Satz so leicht und unangestrengt. Ich habe das staunend gelesen, geradezu verzückt und mit klopfendem Herzen.

Eine neue Welt

Als ich es zu Ende gelesen hatte, habe ich mir direkt sein Debüt gekauft. Ähnlich wunderbar verknüpft der Brite da Realität und Mystik, Sachliches und Übersinnliches. In diesem Fall ist es ein überlebensgroßer Rabe, der bei einer trauernden Familie einzieht, die gerade die Mutter verloren hat – und erst wieder auszieht, als diese bereit sind, das Leben zu meistern.

Im Grunde ist jedes Wort und jeder Satz unzutreffend, unzureichend und überflüssig, mit dem man versucht, Max Porters Bücher zu beschreiben. Man kann ihnen so nicht gerecht werden. Darum nur noch das: Vermutlich gibt es einige, die sich für diese zwei nicht erwärmen können, sie womöglich gar als schrecklich und unlesbar empfinden (ich habe da die und den eine*n oder andere*n im Kopf). Ganz egal: Ganz bestimmt gibt es viele, die sie ebenso heiß und innig lieben werden wie ich. Wagt den Sprung in diese magische Musik der Worte von Max Porter. Das Beste, das ich seit langer, langer Zeit gelesen habe.

LESERASTER

This book is for you:

  • Wer Poesie in allen Formen liebt
  • Umweltaktivisten und alle, die es werden wollen
  • Wenn Du keine Angst vor Abenteuern hast

But not for you:

  • Wer eine geradlinige Geschichte braucht
  • Wenn Perspektivwechsel, Wortneuschöpfungen usw. dich aus der Bahn werfen
  • Wenn stringenter Realismus für dich oberstes Lesegesetz ist

Wer diese Rezensionen mochte, mag Max Porter:

Die Schlange von Essex
Fische
Was man von hier aus sehen kann

Max Porter: Lanny. Kein und Aber, 2019. 22,00 Euro.
Max Porter: Trauer ist das Ding mit Federn. Kein und Aber, 2018. 10,00 Euro.

Und auf Englisch:
Max Porter: Lanny. Faber & Faber, 2019. 12,50 Euro.
Max Porter: Grief is the thing with Feathers. Faber & Faber, 2016. 9,50 Euro.