Franziska Seyboldt: Rattatatam, mein Herz

Mein Freund, die Angst

Das Herz hämmert außer Takt, als wäre es auf der Flucht, dir wird heiß und kalt, die Welt vor deinen Augen verzerrt sich, du bist ganz allein und weißt: Jetzt ist es soweit, jetzt sterbe ich. Aber der Tod tritt nicht ein. Hunderte, tausende Male wiederholt sich dieses grausame Spiel. Wer es spielt? Das ist die Angst.

Die Angst? Irgendwie ein schwammiger Begriff, schließlich kennt jeder Mensch dieses Gefühl, Angst. Und das ist gut so, schließlich schützt sie uns vor dem Risiko, vor lebensgefährlichem Wagemut, vor der Gefahr. Was aber passiert, wenn sie ständig und plötzlich und immer wieder auftritt, auch in scheinbar völlig ungefährlichen Situationen? Dann leidet man vermutlich unter einer Angststörung. Das geht vielen, vielen Menschen so. Nur redet fast niemand darüber.

Franziska Seyboldt aber schon. Sie schreibt über ihre Angststörung, nimmt uns mit in ihre dunklen Momente und ihre guten, zeigt, wie prägend die Angst für das Leben sein kann, aber auch wie man lernen kann mit ihr zu leben, sie als Freund statt als Feind zu begreifen.

Menschlicher Mephisto

Wie ein kleines fratzenziehendes Teufelchen begleitet die Angst Franziska und uns Leser durch das Buch. Sie flüstert ihr zu und lächelt ihr eiskalt ins Gesicht, sie streitet mit ihr, aber will ihr doch eigentlich nichts Böses. So bekommt sie ein Gesicht, Menschlichkeit und gibt Franziska aber die Möglichkeit, eine Beziehung zu ihr aufzubauen. Erst als sie beginnt, die Angst als Freund zu begreifen, verliert sie an Schrecken. Bis dahin jedoch ist es ein langer Weg mit Rückschlägen, depressiven Phasen, großer Hoffnung und Verzweiflung.

An manchen Tagen wache ich auf und bin ein Sieb. Geräusche, Gerüche, Farben, Stimmungen und Menschen plätschern durch mich hindurch wie Nudelwasser, ihre Stärke bleibt an mir kleben und hinterlässt einen Film, der auch unter der Dusche nicht abgeht. An diesen Tagen ist alles zu laut, zu nah, zu präsent. Diesen Zustand als dünnhäutig zu bezeichnen wäre untertrieben, denn da ist keine Haut; sie hat sich über Nacht abgeschält, und die Organe liegen blank und pochen vor sich hin. Als Sieb ist immer Tag der offenen Tür. Herzlich willkommen, treten Sie ein und treten Sie zu, die Fassade bröckelt schon.

Ich weiß genau, wovon Franziska Seyboldt da schreibt. Und zwar so genau, dass ich manchmal erschrocken war, wie ähnlich die Gefühlslagen und die Ängste zweier Menschen sein können, die sich nie zuvor begegnet sind. Deshalb kann ich vermutlich auch nicht anders als sehr, sehr subjektiv über Rattatatam, mein Herz zu schreiben.

So fröhlich, dass ich fertig bin

Dieses Buch hat mich fertig und froh gleichermaßen gemacht. Es zu lesen glich seitenweise einem Kampf, weil mir das, was da stand, so nah war. Gleichzeitig stimmte mich diese Nähe auf beinahe unwirkliche Weise fröhlich. Du bist nicht allein, so wie dir geht’s auch anderen stand da zwischen all den Zeilen.

Ich betrachte dieses Buch als einen Schatz. Nicht nur für mich, sondern für alle und jeden. Wer mit einer Angststörung lebt, fühlt sich so – und ich hoffe, da geht es nicht nur mir so – leichter, befreiter unter Gleichgesinnten. Wer jemanden kennt, der unter einer Angststörung leidet, bekommt eine Ahnung davon, wie sich diese Form der Angst anfühlt und sich wie ein blutroter Faden durch den Alltag zieht. Und wer mit dem Thema noch nie in Berührung kam – was ich kaum glauben kaum – entwickelt möglicherweise mehr Sensibilität dafür und wagt sich nicht mehr an schnelle Urteile.

Eine Angststörung zu haben bedeutet nicht, ein ängstlicher Mensch zu sein. Man sieht es niemandem an und oft merkt man es auch niemandem an. Auch wer Angst hat, kann lachen, laut und lustig und lebensfroh sein. Für niemanden hat sie dasselbe Gesicht. Sie kommt und geht, für manche verschwindet sie für immer, andere begleitet sie ein Leben lang. Sie macht uns nicht besser oder schlechter, nicht unproduktiver und auch nicht mehr oder weniger seltsam. Vielleicht aber erfahrener und verständnisvoller.

„Hör dir das mal an“, sage ich. „Tolle schreibt sogar über dich!“
„Ach ja?“, fragt die Angst interessiert.
„Er sagt, jeder, der mit seinem Verstand identifiziert ist, hat die Angst als ständigen Begleiter.“
„Damit wäre also bewiesen, dass du meinetwegen so schlau bist“, sagt die Angst.
„Es geht nicht um Verstand im Sinn von Intelligenz“, sage ich. „Achtung, ich zitiere: >Angst hat immer mit etwas zu tun, das passieren könnte, nicht mit etwas, das gerade geschieht. Du bist im Hier und Jetzt, während dein Verstand in der Zukunft ist. Dadurch entsteht eine Lücke, die sich mit Angst und Sorge füllt.<“
„Frechheit!“, ruft die Angst. „Der hat mein Spiel geklaut! >Was wäre wenn?< ist meine Erfindung.“

Was wäre, wenn ich dieses Buch nie gelesen hätte? Müßig, das zu fragen. Aber ganz bestimmt wäre mir etwas weniger leicht ums Herz. Rattatatam, aus purer Freude.

Franziska Seyboldt: Rattatatam, mein Herz. Vom Leben mit der Angst. Kiepenheuer und Witsch, 2018. 18,00 Euro.

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